Sonntag, 3. November 2013

Satiriker provoziert das polarisierte Ägypten

Bassem Youssef geißelt politische Dummheit und Intoleranz auf allen Seiten  – Beliebte TV-Sendung abgesagt und Staatsanwaltschaft ermittelt
 
von Birgit Cerha
 
„Heute stoppen sie eine Fernseh-Show und morgen stopfen sie unsere Münder“, spricht ein Mitglied der Fan-Gemeinde Bassem Youssefs die wachsende Angst der schweigenden dritten Kraft Ägyptens aus. Bassem Youssef, der 39-jährige zum Satiriker mit Weltruhm gewandelte Herzchirurg, hat das Ägypten General Al-Sisis an seinem wundesten Punkt getroffen. In seiner ersten Sendung nach viermonatiger selbstauferlegter Pause geißelte  er mit Humor und scharfem Zynismus Intoleranz, Hass, politische Dummheiten auf allen Seiten des zunehmend polarisierten Landes. Eine Woche später stoppte der Privatsender CBC des Wirtschaftsmagnaten Mohammed Al-Amin Freitag unmittelbar vor der Ausstrahlung der zweiten Sendung die gesamte Show mit der Begründung die Produzenten hätten durch ihre satirische Kritik an Ägyptens „starkem Mann“, Verteidigungsminister al-Sisi, die „redaktionellen Richtlinien“ verletzt.
Millionen von Ägyptern hatten voll Begeisterung auf den erneuten Auftritt des beliebtesten Satirikers gewartet. Die Produzenten des Programms „Al-Bernameg“ (das Programm), das laut CBC bis zu 40 Millionen Zuschauer anzog, wiesen Sonntag die Vorwürfe von CBC entschieden zurück. Youssefs Fan-Gemeinde  ist schockiert und selbst prominente Persönlichkeiten, wie Ägyptens führender Liberaler, Nobelpreisträger und kurzfristig Vizepräsident Mohammed el-Baradei kritisieren heftig die Entscheidung des TV-Senders. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat und gegenwärtige Vorsitzende der Verfassungskommission Amr Moussa drängt CBC die Entscheidung zu revidieren.  Dieser „unkluge“ Schritt „erzeugt bei vielen Ärger und Sorge über Freiheiten. Er schadet Ägypten.“ Auch das Präsidentschaftsbüro schloss sich der Kritik an und betont, das Adli Mansur Rede- und Meinungsfreiheit respektiere.
Doch die Staatsanwaltschaft begann mit Ermittlungen wegen des Vorwurfs, der Komiker hätte durch seine Witze über den Verteidigungsminister den Frieden im Lande gestört, das öffentliche Interesse verletzt, Chaos erzeugt und die Sicherheit in Ägypten bedroht. Er hätte in unangemessener Weise das ägyptische Volk und alle ehrenwerten nationalen Ikonen“ (gemeint ist insbesondere Al-Sisi) verhöhnt.
Youssef hatte seine Karriere als Satiriker, den das „Time“-Magazin dieses Jahr in die Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt aufnahm, nach dem Sturz Präsident Mubaraks im Februar 2011 begonnen und mit seinen Auftritten in YouTube mit einem Schlag Millionen Zuschauer angezogen, bis ihn schließlich CBC für wöchentliche Shows engagierte. Nichts war ihm heilig, weder die Revolutionäre, noch die Islamisten oder gar der Präsident. Mit einer übermütigen Mischung aus Parodie, Wirrwarr und Empörung  warf er ein Schlaglicht auf die Absurditäten und Verlogenheit, die die Neuburt des Landes prägten. Nach den Wahlerfolgen der Moslembrüder konzentrierte er sich auf die gravierenden Fehlschläge Präsident Mursis in dessen einjähriger Amtszeit. Vergeblich versuchte Mursi, diesen gefährlichen Gegner zum Schweigen zu bringen. Ein Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Manche politische Analysten am Nil meinen, mit seiner hochpopulären Sendung hätte Youssef entscheidend die Massenbewegung angefeuert, die schließlich am 3. Juli zum Sturz des ersten freigewählten Präsidenten durch General Al-Sisi geführt hatte.
Das anschließende Klima der Repressionen und Brutalitäten durch die Sicherheitskräfte  empfand Youssef, der ursprünglich den Militärputsch unterstützt hatte, als ungeeignet für die Fortsetzung seiner satirischen Show. Und er übte wiederholt in Artikeln Kritik an der Verhaftungswelle gegen Anhänger der Moslembruderschaft. So erwarteten viele Ägypter voll Spannung den Neubeginn seiner Serie in der er einen delikaten Balanceakt vollziehen musste, wollte er seine liberale Basis nicht vergrämen und zugleich auch seine Freiheitsprinzipien nicht verraten. Diese Balance ist Youssef tatsächlich gelungen. Er kritisierte die Islamisten, die die Religion für ihre politischen Zwecke missbrauchten und christliche Kirchen attackierten. Sein Hohn verschonte auch den Präsidenten nicht, den er als unbedeutende Figur darstellte. Doch seine satirischen Pfeile wagte er nicht direkt auf Al-Sisi zu zielen., vielmehr schoss er sie auf die wachsende Schar der Anhänger des Militärs und deren Glorifizierungskampagne des Generals, die die Polarisierung des Landes in die Katastrophe zu treiben droht. Er sprach von der wachsenden Sorge, dass religiöser Faschismus durch „Faschismus im Namen von Patriotismus und nationaler Sicherheit“ ersetzt werde und mokierte sich über eine fast hysterische Kampagne, Al-Sisi zum „neuen Pharao“ zu erheben, dem das Volk zu Füßen liege. Scharf kritisiert er Ägyptens Liberale als ebenso intolerant wie deren islamistische Gegner. Dass dieser „Träumer der Freiheit“, wie ihn Anhänger gerne bezeichnen, auch Realist ist, bewies er schon vor Beginn der Sendung, als er, entschlossen seinen Kampf fortzusetzen, den aufziehenden Sturm vorhersah. „Niemand wird uns sagen was wir sagen sollen. Wir werden sagen was wir wollen.“
Youssefs Sorge vor der Rückkehr des Polizeistaates ist keineswegs unbegründet. Seit Mursis Sturz wird mit wachsender nationalistischer Leidenschaft die Meinungsfreiheit am Nil immer stärker geknebelt. Nicht nur Anhänger der Moslembrüder und deren Medien sind Opfer. Zunehmend werden Journalisten vor Gericht gestellt, die militärische Einrichtungen gefilmt und Informationen veröffentlicht haben, die dem offiziellen Diskurs zuwiderlaufen. In offiziellen, aber auch privaten Medien findet selbst die schwächste Kritik an den neuen Herrschern kaum Platz.
Youssef hat sich in dieser Atmosphäre wachsender Intoleranz zum Sprecher jener erhoben, die zwar ihre Stimme, aber nicht den Glauben an Freiheit und Demokratie verloren haben. Sein Schicksal wird zum Gradmesser für das Maß an Freiheit im neuen Ägypten.

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