Posts mit dem Label Afghanistan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Afghanistan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 20. April 2013

Ein neues Afghanistan wird geboren

Die junge Generation rüstet sich zur Macht – Sie lehnt politische Gewalt und die Talibans ab und glaubt an Demokratie als ihr Schicksal
 
Westliche Medien konzentrieren sich in ihren  Berichten über Afghanistan meist auf blutige Konflikte, den Drohnenkrieg, Korruption und  radikalen Islamismus, der den Frauen die Burka aufzwingt und sie in die Häuser verbannt. Die pakistanische Zeitung „International – THE NEWS“ veröffentlichte eine Reportage ihres Journalisten Adnan Rehmat aus dem Kabul von heute, in dem der Autor den weithin verbreiteten Stereotypten über dieses kriegsgequälte Land radikal entgegentritt. An der Seite der Armut entwickelt sich in der Hauptstadt ein ermutigender Wohlstand der rasch anwachsenden Mittelschicht, vor allem aber eine  für den Westen offene Jugend, die von der Vergangenheit nichts mehr hören und von Krieg nichts mehr wissen will. Der Beitrag liefert ein eindrucksvolles Bild einer Stadt, in der die Hoffnung nach Jahrzehnten unsagbaren Leidens neu geboren wurde. Wir legen ihn unseren Lesern ans Herz.

Weiterlesen ...

Samstag, 27. November 2010

AFGHANISTAN: Der Wahrnehmungskrieg in Afghanistan

von Dr. Arnold Hottinger

Assymetrische Kriege, wie jener, der heute in Afghanistan und in Pakistan geführt wird, sind Kriege der Wahrnehmung. Es gibt keine Entscheidungsschlachten. Die unzähligen und immer andauernden Kleinaktionen, Überfälle, Anschläge, Terroraktionen, Bedrohungen und Erpressungen, aus denen ein solcher Krieg besteht, sollen dazu dienen, die Wahrnehmung der Bevölkerung dahin zu beeinflussen, dass sie zu erkennen glaubt, weder sie selbst sei in der Lage, sich wirksam zu verteidigen noch irgendwelche Schutzmächte, die ihr zu helfen oder mindestens geregelte Verhältnisse zu schaffen vorgeben, vermöchten dies. Auch die Wahrnehmung der Schutzmacht selbst muss in diesem Sinne beeinflusst werden, wenn die Seite des "Widerstandes" das Kräftemessen gewinnen soll.

Doch auch auf der Gegenseite der "Ordnungsmacht" spielt die Wahrnehmung eine entscheidende Rolle. Denn auch die Ordnungsmacht wird von einer Bevölkerung getragen. Wenn diese ihr den Rückhalt entzieht, verliert sie den Krieg. Weshalb die Ordnungsmacht alles tut, was sie vermag, um sich Vertrauen und Zuversicht ihrer eigenen Bevölkerung, und auch der ihrem Schutz unterstellten, zu bewahren. Das bedeutet, die Ordnungsmacht führt einen doppelten Meinungskampf: die Zuversicht der eigenen Bevölkerung muss erhalten bleiben und jene der beschützten Bevölkerung muss bewahrt oder wiedergewonnen werden.

Ein prominentes Opfer dieses Wahrnehmungskrieges ist die faktische Lage des realen Kräfteverhältnisses, weil beide Seiten auf Gedeih und Verderb die Wahrnehmung zu beherrschen suchen, bestimmt die Scheinlage den Verlauf und Ausgang des Krieges, nicht die tatsächlich vorhanden Kräfte. Mit anderen Worten, was auf beiden Seiten geglaubt wird, erweist sich als kriegsentscheidend, nicht was auf beiden Seiten an Kräften wirklich vorhanden ist. Operativ heisst das nichts anders, als dass beide Seiten dazu verdammt sind, nach Kräften zu lügen. Ob sich eine Propagandalüge als wirksame Kriegswaffe erweist oder nicht, hängt nicht vom Wahrheitsgehalt solcher Lügen ab, sondern davon ob sie geglaubt werden oder nicht.

Aussagen um der Wahrnehmung willen

Man muss diese Sachlage berücksichtigen, wenn man die an die Aussenwelt gerichteten Aussagen der Kriegsführenden zur Kenntnis nimmt. Sie haben stets einen Zweck; nämlich die Wahrnehmungen der Aussenwelt zu beeinflussen und nicht die faktische Lage zu schildern. Mit einer durch diese Tatsachen gegebenen Brille hat man alle Kriegsberichte und Kampfdarstellungen zu lesen, die der Ordnungsmacht so gut wie die der Rebellen. So zum Beispiel der in sehr objektiv erscheinenden Darstellungen gehaltene, durchaus "sachlich" wirkende, beinahe 100 seitige Bericht, den jüngst das Pentagon dem amerikanischen Kongress vorlegte. Er spricht von "langsamen Fortschritten" in entscheidenden Kriegsbereichen, wie etwa der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte, oder der Ausdehnung "von Rebellen gereinigter Zonen". Und er räumt ein, dass der Widerstand sich als sehr zäh erweise, so dass weder eine Schwäche der Führung noch ein Zerbrechen der Befehls- und Kontrollketten feststellbar sei.

Solche Einschränkungen und Warnungen sind zur Erhaltung der Glaubwürdigkeit des Berichtes notwendig. Sie dienen auch dazu, klar zu machen, dass der Krieg nach Ansicht des Pentagons noch lange andauern dürfte und deshalb Entschlossenheit und Durchhaltewillen beim amerikanischen Volke und seinen politischen Führern, sowie Zuversicht bei den "beschützten" Afghanen, weiter notwenig seien. Doch man sollte nicht glauben, dass Begriffe wie "langsamer Fortschritt" notwendigerweise ein Vorankommen widerspiegeln, es könnte sich auch um Stagnation oder Rückschritte handeln. Die angesprochene "Zähe" des Widerstandes kann auch bedeuten, dass der Widerstand zunimmt. Wie aus den seit dem Vorjahr stark angewachsenen Zahlen der Zwischenfälle und Todesopfer eher hervorgeht.

Kontraproduktive Aktionen der Ordnungskräfte

Natürlich hält sich auch die Gegenseite der Taleban und ihrer paschtunischen Mitkämpfer nicht an die Fakten. Auch ihr geht es um Eindrücke. Da sie die bestehenden Ordnungsstrukturen zerstören, nicht wie die Gegenseite bewahren und aufbauen wollen, dient "Furcht und Schrecken" ihren Zwecken. Die "Wahrnehmung", die sie ausdehnen wollen, kann durch Gewaltmassnahmen aller Art, durchaus auch Schandtaten verbrecherischen Charakters, gefördert werden, denn sie besteht aus der Botschaft:"wir können jederzeit den Aufbau und die Festigung von allen Ordnungsstrukturen verhindern und diese weiter zerstören, und wir werden dies solange tun, bis wir an die Macht gelangen!"

Man muss sehen, dass auch die Ordnungskräfte stets in Gefahr schweben, die Wahrnehmungen, welche ihre Feinde ausbreiten wollen, ihrerseits ebenfalls zu fördern. Sie tun dies in dem Augenblick, in dem ihre Bekämpfung "der Rebellen" ihrerseits in Zerstörung geordneter Verhältnisse einmündet - genauer gesagt, in der Sicht der betroffenen Bevölkerung einzumünden erscheint. Dies geschieht oft und immer häufiger, je mehr die Ordnungstruppen zu schweren Waffen "der Abwehr" greifen. Jüngst wurde gemeldet, dass die Amerikaner zum ersten Mal schwere Panzer einsetzen, und die Beschreibungen der Kriegskorrespondenten machen klar, dass diese dazu dienen, feindliche Ziele aus grosser Distanz zu pulverisieren. Wie zuvor schon der Einsatz von Drohnen und Raketen sowie der aller Art Kriegsflugzeuge bedeutet dies einen weiteren Schritt der notgedrungen wenig diskriminierenden Zerstörung. Neben möglicherweise getroffenen Widerstandskämpfern werden mit Sicherheit zivile Afghanen, besonders Frauen und Kinder, sowie alte Leute, getroffen und ihre Wohnstätten pulverisiert.

Der Einsatz von schweren Waffen durch die Amerikaner bewirkt das gleiche bei der afghanischen Bevölkerung, was die Terrortaten der Taleban bezwecken; er verstärkt die Wahrnehmung, dass alle Lebensgrundlagen für die Afghanen solange immer weiter zerstört werden, bis der Krieg nur zu Ende geht, die Amerikaner das Land verlassen und die Taleban die Macht ergreifen.

Zerstörung gegen Aufbau

Auch ohne solche selbstzerostörerische Schritte der "Ordnungsmächte" sind die Taleban dadurch im Vorteil, dass sie die Bevölkerung bedrohen und ihrer Drohungen wahr machen können und dass sie dadurch jene Wahrnehmung, die zu ihren Gunsten wirkt, fördern. Die Ordnungskräfte ihrerseits müssen versprechen statt zu drohen, nämlich versprechen, sie würden Befriedung und Sicherheit ausdehnen, sowie "Entwicklung" , das heisst ein besseres Leben für die Bevölkerung, fördern. Wenn sie diese Versprechen nicht einhalten können, weil ihre Gegner das verhindern, leidet ihre Glaubwürdigkeit, und dadurch spielen sie auch wieder den Aufständischen in die Hände.
Die allen Afghanen bekannte und weithin sichtbare Korruption der Karzai Regierung fördert ebenfalls jene Wahrnehmungen, welche die Taleban ausbreiten wollen. Nämlich dass seine Seite mit Unterstützung der Amerikaner eine Art von Ordnung hervorzubringen verspricht, wie sie die Afghanen auf keinen Fall wünschen.

Gesamthaft gesehen ist klar: alle für die Bevölkerung negativen Entwicklungen nützen den Rebellen, sowohl wenn die Rebellen sie selbst hervorbringen wie auch - sogar noch mehr - wenn sie auf die Regierung und ihre fremden Beschützer zurückgehen, Dies sind Realitäten, die man erkennen muss, wenn man die Darstellungen, welche die Ordnungsmächte vom Geschehen in Afghanistan darbieten, richtig einschätzen will.

Weiterlesen ...

Montag, 27. September 2010

Die IRAK/AFGHANISTAN: Suche nach Auswegen aus den asymmetrischen Kriegen

Die grösste Militärmacht der Welt, die USA, sieht sich heute in zwei asymmetrische Kriege verwickelt. Beide haben ihr schon gegenwärtig einen unerhörten Prestigeverlust verursacht und beide sind bisher nicht "gewonnen".
Im Falle Irak versucht Washington sich möglichst ungeschoren aus dem Lande zurückzuziehen, in das die amerikanischen Truppen 2003 einbrachen mit der Absicht "Schrecken und Schaudern" zu verbreiten.
Im Falle Afghanistan diskutieren offensichtlich die Generäle mit ihrem Oberkommandanten Präsident Obama in der Hoffnung eine Verlängerung der Frist zu erreichen, die er ihnen gesetzt hat, als er erklärte, im August 2011 werde der Rückzug der Amerikaner beginnen. In die Einzelheiten gibt das neue Buch von Bob Woodehouse "Obama's War" Einblicke. Dass die heutige missliche Lage in Afghanistan in einem Jahr grundlegend verändert werden könnte, gilt offenbar nichteinmal den Generälen als glaubhaft.

Formen des Volksaufstandes

In beiden Fällen sind es nicht klassische Armeen und normale Kampfhandlungen zwischen staatlichen regulären Soldaten, welche den Amerikanern Schwierigkeiten bereiten. Sie sehen sich in einen asymmetrischen Krieg verfangen, in dem ihre regulären Soldaten, unterstützt von gewaltigen Zahlen bezahlter und ebenfalls bewaffneter Hilfskräfte, die man als Söldner anzusehen hat, "Banden" und "Terroristen" gegenüberstehen, die sie bis heute nicht zu bodigen vermochten. Ihr bester Erfolg im Irak kam zustande, als sie ihrerseits ebenfalls irreguläre irakische Truppen mobilisierten und diese gegen die irakischen Aufständischen einsetzten. Doch dieser Erfolg brachte keinen Durchbruch zu einem funktionierenden irakischen Staat zustande und lief aus, ohne den Terroristen- und Guerrilla Banden endgültig das Handwerk zu legen.


"Failed States" als Endergebnisse der US Kriege?
Im Falle eines Abzugs aller amerikanischer Truppen, ist der Irak einer starken Gefahr des Zusammenbruchs durch innere Kämpfe ausgesetzt. Die konstitutionellen Grundregeln des Zusammenlebens der Iraki stehen noch nicht fest. Soweit sie niedergeschrieben wurden, blieben sie provisorisch, indem Hauptfragen ausgeklammert blieben. Die heutige Verfassung lässt zentrale Fragen, vor allen jenen der Autonomie der Kurden und möglicherweise der Schiiten und Sunniten, noch offen, ohne dass Übereinkunft besteht, wie diese Fragen gelöst werden sollen Es gab Wahlen, aber sie führten in den letzten sechs Monaten nicht zu einer gewählten Regierung. Es gibt neu ausgehobene und neu ausgebildete Sicherheitskräfte, aber wem sie dienen ist unklar, weil ein Streit besteht, wer das Land überhaupt zu regieren habe.
In Afghanistan sind die ursprünglich von den Amerikanern vertriebenen Taleban aus dem Asyl, das ihnen von Pakistan gewährt wurde, zurückgekehrt, und gewinnen täglich an Einfluss. Sie suchen die weit verstreute und von keiner effektiven Regierung verteidigte Dorfbevölkerung der Afghanen durch Einschüchterung und Terror auf ihre Seite zu zwingen, und sie sind überall dort erfolgreich, wo keine amerikanischen oder Nato Truppen stehen, um ihnen das Spiel zu verderben. Das sind immer wachsende Teile Afghanistans, weil die fremden Truppen nicht in der Lage sind, überall gleichzeitig die Bevölkerung in Schutz zu nehmen.
Davon dass die Karzai Regierung diese Schutzrolle übernehmen könnte, was eine der Grundvoraussetzungen der amerikanischen Strategie wäre, kann vorläufig nicht die Rede sein. Ihre Truppen, so lautet die amerikanische Standart Formulierung, "sind nicht im Stande alleine zu operieren".. Die Karzai Regierung gilt so gut wie allen Afghanen sowohl als korrupt wie auch als eine Marionette der Amerikaner. Eine Parallele zum Irak besteht insofern, als es die amerikanischen Waffen in beiden Ländern nicht vermocht haben, eine funktionsfähige und der eigenen Bevölkerung glaubwürdig erscheinende Regierung hervorzubringen und einzusetzen.


Verschwimmende Kriegsziele
Was die Zielsetzungen der Amerikaner waren. Als sie die Kriege auslösten, ist im Falle des Iraks nach wie vor unklar. Man weiss nur, welche Vorwände und Lügen die Bush Regierung verwendete, um die amerikanische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sie den Krieg führen müssten.
Im Fall von Afghanistan ging es darum, die Taleban abzusetzen, weil sie Ben Laden in ihrem Lande beherbergt hatten und Ben Ladens selbst habhaft zu werden. Die beiden Ziele wurden nicht erreicht, ein Erfolg schien nah im Jahre 2002, doch seither ist er in weite Ferne gerückt.


Schwer gewinnbare Bandenkriege
Rückblickend wird deutlich, Krieg gegen Banden ist schwerer zu gewinnen als einer gegen konventionelle Heere, die der technologischen Überlegenheit der US Streitkräfte notwendigerweise erliegen. Es ist in erster Linie die Präsenz einer fremden militärischen Besetzungsmacht und das Gewicht ihrer Gewaltaktionen, das den Bandenkrieg erst hervorruft und später immerwieder fördert. Die amerikanischenTruppen sorgen dafür, dass ihren Feinden stets neue Rekruten zulaufen.
Der Krieg, den die regulären Einheiten der Amerikaner führen, ist immens teuer, sosehr, dass unklar ist, wie lange er fortgeführt werden kann. Der Krieg der Banden, die gegen sie stehen, ist billig. Die Bandenführer ernähren sich und ihre Bewaffneten durch Erpressung der Zivilbevölkerung und illegale Geschäfte mit dem Ausland, in Afghanistan primär mit Rauschgift. Allerdings ist dieser billige Krieg unendlich schädlich für die Zivilbevölkerungen, er löst schrittweise alle staatlichen Bindungen der Afghanen und der Iraker, weil die Bandenführer ihre eigene Herrschaft ausüben und dadurch den Staat unterwandern. Ihre Kriegsführung beabsichtigt den Zusammenbruch des Staates, in dem sie agieren. Ob sie später einen eigenen Staat werden aufbauen können, und welcher Art ihr Regiment dann sein würde, bleibt offen. Für Afghanistan hat man eine Vorstellung davon, wenn man auf das frühere Regime der Taleban zurückblickt.


Die Besetzung wird Mutter des Kriegs
In beiden Ländern förderte die Präsenz der fremden Truppen den Erfolg der Banden. Was immer die Ideologie sein mag, die sie anrufen und benützen, viele ihrer Rekruten laufen ihnen zu, weil sie einen Weg suchen, der es ihnen ermöglicht, gegen die Fremden und ihre Macht anzukämpfen. Durch die Besetzung und Machtausübung der Fremden und ihre oft brutale und mörderische Gewalt fühlen sie sich in ihrer Ehre soweit in Frage gestellt, dass sie sich um jeden Preis, auch den ihres Lebens, dagegen erheben. Dies ist der Hebel, den die Taleban benützen, um immer neue todeswillige Kämpfer zu gewinnen. Dieser Hebel bleibt wirksam, solange die Fremden in ihrem Lande stehen.
Aber auch die Entmachtung der Kräfte, unter den eigenen Landsleuten, die als die Diener der fremden Mächte gesehen werden, wird Kampfziel. Die Aufständischen erwarten, wahrscheinlich zu recht in Afghanistan, dass sie stürzen werden, sobald sie den Schutz der fremden Truppen nicht mehr geniessen. Die fremden Truppen stehen vor der Wahl, entweder den Widertandswillen der Aufständischen zu brechen, oder in irgendeiner Form nachzugeben.
In kolonialen Zeiten bis hin zum Zweiten Weltkrieg war es in der Tat möglich, die Bevölkerungen der "Kolonialländer" niederzuhalten. Schon damals allerdings nur durch die permanente Präsenz von kolonialen Armeen. Unter ihrem Schutz konnten dann in jahrelang dauernden Prozessen einheimische Regime aufgebaut werden, die sich mehr oder weniger murrend dem Willen der fremden Herren fügten. Doch die kolonialen Heere mussten immer im Lande bleiben, und periodisch kam es zu Unruhen und Aufständen der "Kolonialvölker", die Truppenverstärkungen aus der Metropole notwendig machten. Der Abzug der Kolonialheere, nicht die offizielle Entlassung in die Unabhängigkeit, die manchmal schon Jahre früher erfolgte, wurde deshalb der entscheidende Schritt bei der Entkolonisierung.


Eine nicht koloniale Besetzung?
Doch die heutigen Besetzungstruppen in Afghanistan und im Irak wollen keine Kolonialheere sein und sie können es auch gar nicht. Ihre Art der Kriegführung ist so teuer, dass sie über Jahrzehnte hinweg auch die reichsten Länder der Erde in den Bankrott treiben würde, und die Kriegsführung gegen sie ist im Rahmen der unsymmetrischen Kriege viel gefährlicher und tödlicher geworden, so dass für heutigen Besetzungsarmeen ein billigerer Krieg mit geringeren als den zur Zeit verwendeten Mitteln nicht in Frage kommt.
Es ist wohl in erster Linie der leichtere Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln, Sprengstoffen und Feuerwaffen, der die heutigen Rebellen und Banden gefährlicher macht als jene der kolonialen Epoche es waren. Die damaligen "Eingeborenen" waren auf viel primitivere Waffen angewiesen. Doch auch die damals kaum vorhandene Kampftechnik der Selbstmordbombe und ein bewusster Einsatz der Guerrillastrategie unter Verzicht auf frontale Schlachten erhöht heute ihre Einwirkungschancen. Auch hat sich in den Jahren der Kämpfe gegen die Kolonialmächte und in den rund sechs Jahrzehnten seither ein mehr oder weniger tief greifender lokaler Nationalismus entwickelt, der die Mobilisierung von grösseren und kohärenteren Massen erlaubt, als dies zu Beginn der kolonialen Machtaufrichtung der Fall war. Schlussendlich lässt es wohl auch die heutige Mentalität in den industrialisierten Ländern und weltweit nicht mehr zu, dass klassische koloniale Regime wieder zustande kommen.


Kaum Aufbau von Staaten unter Besetzungsregimen
Die heutigen nicht kolonialen Heere, die in Afghanistan und im Irak stehen, wissen, sie können nur die ihnen gesetzten Ziele erreichen, wenn es ihnen gelingt, die Mitarbeit der von ihnen besetzen (oder "befreiten" wie die Invasionsmächte glauben) Bevölkerungen zu gewinnen. Dies weil diese Ziele, soweit überhaupt erkennbar, aus der Bildung eines zeitgemässen, mehr oder minder demokratisch funktionierenden Regimes bestehen. Doch wenn einmal der Widerstand der Bevölkerungen, nicht bloss jener ihrer leicht zu entmachtenden Tyrannen, begonnen hat, werden solche Ziele rasch illusorisch. Sowohl die Widerstand leistenden Banden, wie auch die sei niederzuhalten suchenden fremden Truppen verwickeln sich eine Gewaltspirale, die kaum mehr zu beenden ist. Im Gegenteil sie zeigt eine fatale Tendenz sich auszudehnen, weil beide Seiten Gewalt anwenden, die sich unvermeidlich auf die Lage der Bevölkerung auswirkt. Die Besetzer wurden vielleicht anfänglich von Vielen als Befreier gesehen. Doch je länger die Gewalt andauert, je mehr die Bevölkerung darunter leidet und je elender ihre Lage wird, desto leichter wird es für die Rebellen, ihre Zustimmung und Hilfe zu gewinnen und ihre Söhne zu rekrutieren.
Die Rebellen aber gehen darauf aus, den Staat, soweit er noch besteht und soweit er von den fremden Soldaten gestützt wird, zu unterwandern und zu zerstören. Die fremden Invasoren müssten Aufbauarbeit leisten, um ihre Ziele zu erreichen. Für den einheimischen Widerstand genügt es zu zerstören. Die Früchte der Zerstörung fallen ihm zu. Solange er über stets neuen Nachschub von Todeskandidaten verfügt, bleibt der Widerstand unschlagbar. Dieser Nachschub jedoch kommt im wesentlichen dadurch zustande, dass die fremden Heere gegen den Widerstand kämpfen und dadurch das Land zerstören statt es aufzubauen.


Doch nocheinmahl Kolonien?
Kann dieser fatale Kreislauf durchbrochen werden? Kurzfristig schwerlich; möglicherweise auf lange Frist, durch Ermüdung des Widerstandes und der Bevölkerung; und dies mag der Grund sein weshalb heute militärische Stimmen von einer notwendigen Zehnjahrespräsenz der fremden Truppen in Afghanistan sprechen. Den Irak scheinen sie, auf Befehl Obamas, zunächst aufgegeben zu haben. Der fromme, aber wenig realistische Glauben herrscht vor, auf sich selbst angewiesen würden die Iraki sich schlussendlich selber retten. Wenn sie dies nicht vermögen, könnte es auch in ihrem Fall zu neuen Diskussionen unter den Amerikanern kommen, ob die Besetzungsarmee wirklich ganz abziehen kann. Die heutige Besetzung würde damit schrittweise in eine neue Kolonialunternehmung umschlagen. Dass die zivilen Mächte der westlichen Demokratien und ihre Volkswirtschaften dies heute noch zuliessen und zu bezahlen vermöchten, ist jedoch beinahe undenkbar.


Neue Konzepte
All dies macht deutlich, dass die Präsenz und die Kampfmethoden der regulären fremden Armeen kontraproduktiv wirken. Sie bringen mehr Unheil als Befreiung. Ein grundsätzliches Umdenken der gesamten Operationen in beiden Staaten ist notwendig. Es müsste sich an der Notwendigkeit ausrichten, das zu tun, was die angegriffenen und besetzten Völker selbst wollen. Dies wäre primär Abzug der fremden Truppen. Sekundär wohl auch, nach Möglichkeit zu vermeiden, dass die Bewaffneten aus dem eigenen Volk eine neue Tyrannei aufrichten. Doch dieses zweitrangige Ziel müsste notwendigerweise von den Bevölkerungen angestrebt und erreicht werden, nicht von den Besetzern, weil deren Präsenz gegen das Hauptziel, ihren Abmarsch, verstösst.


Inseln der Staatlichkeit
In beiden Ländern hat die Besetzung schon viel zu lange gedauert, so dass der Widerstand gegen sie von bedeutenden Gruppen als der "nationale" Widerstand gesehen wird. Doch es gibt Ausnahmen. Die erkennbarsten sind die der Kurden im Irak und jene der Hazara sowie anderer Minderheitsvölker in Afghanistan. Diese Minoritäten wissen, wenn die gegenwärtigen Rebellen gewinnen, werden sie in der Hauptstadt die Macht ausüben, und dann werden sie in ihrem Landesteil entweder kämpfen müssen oder kampflos untergehen. Falls die sunnitischen Rebellen im Irak eine erkennbare Chance erlangten, in Bagdad wieder eine Regierung zu bilden, würden sich wohl auch die irakischen Schiiten in einer ähnlichen Lage befinden wie die irakischen Kurden.
Hilfe für aufbauwillige Landesteile
Die westlichen Mächte müssten solche einheimischen Kräfte stützen, um ihnen die Möglichkeit zu gewähren, sich gegen die bisherigen Aufständischen, die Taleban in Afghanistan und die sunnitischen baathistischen und islamistischen Rebellen im Irak zu behaupten. Dies würde sie wohl nicht ein Tausendstel der Gelder kosten, die sie gegenwärtig für ihre kontraproduktive Kriegsführung verprassen. Doch es müsste sich um Unterstützung handeln, nicht um Besetzung. Vielleicht so wie die Pakistani die Taleban unterstützten, als sie sie 1996 lancierten und wie sie dies möglicherweise noch heute fortführen.
Besetzung und Instrumentalisierung der betreffenden Volksgruppen wäre um jeden Preis zu vermeiden. Es müsste entweder gelingen, einen einheimischen Widerstand gegen die heute vorherrschenden Banden der anti-amerikanischen Rebellion zu entfesseln, oder aber, wenn dies nicht funktioniert, wäre das Land seinem Geschick zu überlassen. Es müsste dann die Tyrannei der neuen Herrscherschicht durchstehen – nicht die erste, die das Land zu erleiden hätte. Dies ist wahrscheinlich immernoch besser für die heute Besetzten und ihre Besetzer als eine völlige Zermürbung des Staates und die Entstehung eines "failed state", wie man sie als Endprodukt eines fortgesetzten Ringens zwischen Besatzungstruppen und Widerstand aus den oben erwähnten Gründen zu gewärtigen hätte.
Die Unterstützung der lokalen, aufbau- und verteidigungswilligen Gruppen und Ethnien müsste Hand in Hand gehen mit Entwicklungshilfe für die betreffenden Minoritätsvölker und mit einer diplomatischen Grossaktion, die darauf abzielte, alle Anrainer- und Aussenstaaten von Gegeninterventionen zu Gunsten der Taleban und der Baath-Qa'ida Kämpfer abzuhalten. Dies sollte möglich sein, weil die Aussenstaaten ihrerseits das Übergreifen der islamistischen Ideologie auf ihre Territorien fürchten und weil allen von ihnen an Stabilität in Afghanistan gelegen sein sollte. Dies mit der möglichen Ausnahme Pakistans, wo die dortigen Geheimdienste der Armee von der Notwendigkeit überzeugt werden müssten, ihre langjährige Politik der Unterstützung und Instrumentalisierung von radikalen Islamistengruppen aufzugeben. Um dies zu erreichen, wäre ein Ausgleich zwischen Indien und Pakistan in der Kaschmirfrage notwendig.


Das Beispiel Somalias
Ein Blick auf Somalia kann die Lage klären. Dort besteht ein "failed state" seit 20 Jahren. In diesem zusammengebrochenen Staate haben sich regelmässig die radikalsten Gruppen, welche die rücksichtslosesten und brutalsten Mittel einsetzten, durchgesetzt. Die Weltgemeinschaft und die Amerikaner versuchten ihnen entgegenzuwirken, jedoch ohne bleibenden Erfolg. Doch es gibt Teilgebiete des ehemaligen Somalia, Somaliland und Puntland, wo die Bevölkerungen selbst sich eine eigene staatliche Ordnung geschaffen haben, die schlecht und recht funktioniert. Jetzt endlich, angesichts der Gefahr, dass die radikalsten der verschiedenen Islamistengruppen sich endgültig in Somalia durchsetzen könnten, haben die Amerikaner beschlossen, das Tabu zu brechen, nach dem sie nur mit dem (nicht wirklich vorhandenen) Staat Somalia Beziehungen pflegen sollten, und Schritte zu unternehmen, um mit den "separatistischen" aber funktionierenden Teilen des Landes zu sprechen und ihnen zu Hilfe zu kommen.

(Für Einzelheiten über die Entwicklung in Somalia:
http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-11410852)

Bildquelle: www.taz.de

Weiterlesen ...

Sonntag, 1. August 2010

AFGHANISTAN: Was denken die Afghanen?

von Dr. Arnold Hottinger

Die zivilen Fachleute, die Beobachter und die Militärs sind sich alle einig darüber, dass der Krieg in Afghanistan nur "gewonnen" werden kann, wenn die afghanische Bevölkerung sich von den Taleban lossagt und entschlossen hinter die Regierung Karzai stellt. - Doch es ist keineswegs sicher, dass sie das tut. Vorläufig scheint sie sich eher in wachsendem Masse von der Regierung Karzai und den sie stützenden militärischen Kräften der NATO und amerikanischen Truppen abzuwenden, wenn nicht gar loszusagen. Natürlich ist es nicht leicht, einen Überblick darüber zu gewinnen, wie die afghanische Bevölkerung wirklich denkt. Dies aus zwei Hauptgründen, 1) die im Lande herrschende Gewalt, erlaubt es nicht Allen, vielleicht sogar nur einer kleinen relativ privilegierten Minderheit, ihre Meinung frei zu äussern; für Viele ist dies zu gefährlich. Und 2) herrschen gewaltige Unterschiede zwischen den Afghanen, so das man annehmen muss, es gäbe auch dementsprechend unterschiedliche Grundeinstellungen und Meinungen.
Tiefe Trennungslinien
Die Haupttrennungslinien verlaufen horizontal zwischen den Städtern und den Bewohnern des Landes, aber auch vertikal zwischen den unterschiedlichen "Stämmen", in Wirklichkeit handelt es sich um Ethnien, die den Vielvölkerstaat Afghanistan bewohnen, und die ihrerseits wieder in vielen Fällen in Stämme unterteilt sind. Die Landbewohner finden sich über ein riesiges, über gewaltige Strecken hin nicht bebaubares, Wüsten- und Bergland verstreut, isoliert in abgeschiedenen Dörfern oder aufgespaltet Wandergruppen, die sich durch unendliche Einsamkeiten bewegen, oftmals ohne Kontakt mit der Regierung von Kabul, die theoretisch ihre Regierung wäre, wenn sie sie überhaupt zur Kenntnis nähme.
Die Stadtbewohner leben in relativem Luxus für dünne Oberschichten von Privilegierten, oftmals Spekulanten und Geschäftemachern, und in grösster Armut für gewaltige Massen von Halbobdachlosen und Slumbewohnern. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich gegenwärtig immernoch weiter. Im grossen und ganzen sind die reicheren Leute auch jene, die mehr mit den „westlichen“ Werten und Lebensformen gemeinsam haben. Die ärmeren können sich das nicht leisten, die ärmsten am wenigsten. Sie sind die grosse, überwiegende Mehrzahl der Afghanen. Es ist nicht anzunehmen, dass bei all diesen sehr unterschiedlich situierten Menschen ähnliche politische Ausrichtungen und Einstellungen vorliegen.

Wachsende Abneigung gegen Nato und USA
Man gewinnt den Eindruck, dass es bisher den Nato-Truppen und den westlichen zivilen Hilfsorganisationen nicht gelungen ist, einen Stimmungsumschwung von den Taleban weg und hin zu den Alliierten und der in ihrem Schutz stehenden Karzai Regierung zu bewirken. Vielmehr herrscht der Eindruck vor, dass die Taleban im Begriff sind, wachsende Zahlen von Menschen für sich einzunehmen oder auf ihre Seite zu zwingen.
Dieser Eindruck bestand nicht, als im Jahre 2001 die amerikanischen Truppen mit Hilfe der Kämpfer von Ahmed Schah Mas'ud die Taleban aus dem Afghanistan vertrieben. Damals ging offenbar eine Welle der Erleichterung über das Land. Besonders in den Städten war sie spürbar. Die Afghanen schienen beglückt darüber, dass das Zwangsregime der Taleban gestürzt worden war. Was hat bewirkt, dass sich die Lage seither gewendet hat? - Man kann eine lange Kette von Gründen anführen.
Sicherheit steht oben an: es ist den amerikanischen und alliierten Truppen nicht gelungen, die Sicherheit der Afghanen zu garantieren. Im Gegenteil, seit 2001 hat sich diese beständig verschlechtert. Die Gründe: einerseits Fehler der Amerikaner und Nato Truppen, andrerseits Erfolge der Taleban, die aus ihren Asylpositionen aus Pakistan zurückkehren und weite Teile des Landes ganz oder teilweise unter ihre Herrschaft zu bringen vermochten.
Die westlichen Truppen waren von Beginn an viel zu wenige, um das ganze Land zu kontrollieren und abzusichern. Dass nicht mehr zur Verfügung standen, hing mit dem völlig sinnlosen Krieg zusammen, den Bush und seine neokonservativen Ratgeber und Mitarbeiter unbedingt im Irak entfachen wollten. Gerade weil die Dinge dort nicht nach den Wunschträumen der neokon Ideologen verliefen, bestand eine grosse Besorgnis um den irakischen Feldzug. Diese Sorgen drängten Afghanistan für lange Jahre in die Vergessenheit. Die dortigen Truppen und zivilen Behörden sahen sich gezwungen, mit den ausserhalb der Hauptstadt herrschenden und grossenteils sofort nach der Vertreibung der Taleban zurückgekehrten Warlords zu paktieren, indem sie ihnen praktisch die Herrschaft in den aussenliegenden Provinzen und Städten überliessen. Sie mussten aus Mangel an eigenem Personal zugeben, dass die Warlords ihre eigenen Milizen wiedereinstellten und für deren Unterhalt wie gewohnt das Land auszusaugen begannen.


Entscheidende Hilfe aus Pakistan für die Taleban Opposition
Die Macht der Besetzungstruppen war 9 Jahre lang weitgehend beschränkt auf die Hauptstadt, und sie ist es bis heute geblieben. Die Taleban aber, unterstützt vom pakistanischen Geheimdienst ISI fanden, nicht nur Asyl und Hilfsgelder in Pakistan sondern auch finanzielle und militärische Unterstützung für ihre Rückkehr als Guerilla Kämpfer nach Afghanistan bei den pakistanischen Geheimdiensten. Da Pakistan gleichzeitig als "Verbündeter Amerikas" viel Geld und Waffen erhielt und weil diese Gelder für Pakistan und für die pakistanische Armee lebenswichtig waren, spielte Pakistan stets ein doppeltes Spiel.
Wir wissen heute, teils aus Forschungen britischer Wissenschafter 1), teils aus vor kurzem bekannt gewordenen Tausenden von geheimen Armeepapieren der Amerikaner, die ins Internet gelangten 2) , dass die Zusammenarbeit von ISI mit den Taleban (deren Entstehung und Ausbreitung von 1994 an ja schon weitgehend auf ISI zurückging) auch nach der Niederlage von 2001 viel intensiver war, als es auch die best eingeweihten und in dieser Hinsicht klarsichtigsten Beobachter, wie etwa Ahmed Rashid 3), hatten durchblicken lassen.
-------------------------------------------------------------------------------------
1) LSE : The Sun in the Sky: The Relationship between Pakistan's ISI and Afghan insurgents, Discussion Paper No : 18 (series 2)Author(s) : Matt Waldman, Date : June 2010 [PDF]
2) http://www.guardian.co.uk/world/series/afghanistan-the-war-logs Vgl. auch “Der Spiegel” und NYT http://www.nytimes.com/2010/07/26/world/asia/26warlogs.html?_r=4&pagewanted=all
3) Descent into Chaos, Allen Lane and Penguin, London 2008 p.370f, 401 und an vielen anderen Stellen, s. Index. Eine neuere Analyse von A. Rashid, s. A Decisive Year (2010) , Story from BBC NEWS: http://news.bbc.co.uk/go/pr/fr/-/2/hi/south_asia/8424289.stm Published: 2010/01/04 10:28:57 GMT
-------------------------------------------------------------------------------------
Die Amerikaner wussten über dieses Doppelspiel Bescheid. Wie unter anderem aus den geheim gehaltenen Militär- Papieren hervorgeht, die kürzlich von Wikileak veröffentlicht wurden. Doch sie liessen es sich nicht anmerken und ermahnten ihre pakistanischen Verbündeten nur hier und da in milden, "diplomatischen" Tönen. Offenbar waren und bleiben sie auf die Mitarbeit Pakistans so sehr angewiesen, dass es ihnen unmöglich ist, mit dem Land zu brechen, über das ihre meisten Nachschübe nach Afghanistan kommen - genauso wenig, ja noch weniger, als sie mit den afghanischen Warlords brechen konnten. Den pakistanischen ISI Offizieren war diese Lage natürlich bekannt. Sie bemühten sich deshalb, ihre Zusammenarbeit mit den afghanischen Taleban soweit wie möglich versteckt zu halten und wo notwendig verbal abzustreiten.
Auch den amerikanischen Geheimdienstleuten und Offizieren, sowie Diplomaten und Regierungsvertretern lag nichts daran, Gegebenheiten anzuprangern, die sie nicht ändern konnten. Doch die Macht der Taleban in den ländlichen Regionen Afghanistans wuchs beständig an. Sie waren über die Jahre hin mehr und mehr in der Lage, die afghanische Landbevölkerung zu bedrohen, und sie zögerten nicht, ihre Drohungen wahr zu machen, indem sie „Hinrichtungen“ durchführten, sooft sie vermuteter Kollaborateure mit den Amerikanern und Nato Truppen habhaft wurden. Die Bevölkerung weiter Gebiete musste damit rechnen, und muss es noch heute, dass gelegentlich tagsüber eine oder die andere Militärpatrouille der westlichen Besetzungsmächte vorbeikommen könnte. Leute, die weder die Sprache noch die Gebräuche der Bevölkerung auch nur im entferntesten kennen und die daher in keiner Hinsicht in ihren Dörfern Bescheid wissen, so dass ihrem Zugriff relativ leicht zu entkommen ist. Aber sie wussten auch, dass die Taleban in wachsendem Masse in der Lage waren, des Nachts in ihre Dörfer einzudringen und dort die Massnahmen zu ergreifen, die ihren Zielen dienten. Dies führte zu der Situation, die eine afghanische Abgeordnete schildert:
In early July(2010), one female MP from the southern region of Afghanistan told me, "we do not want our people to beheaded and their hands chopped off by the cruel militants, but the people are silent because they don't have any alternative. The government that should protect them rather leaves them behind and runs away.” Wazhma Frogh, in Wash. Post, 14.7. 10 “Afghanistan Politics Should be Local.”Siehe
(http://afpak.foreignpolicy.com/posts/2010/07/14/afghanistans_politics_should_be_local).

Die ethnischen Spannungen trugen dazu bei, die Rückkehr der Taleban zu fördern. Die Paschtunen bilden die knappe Mehrheit der afghanischen Bevölkerung (ca. 52%), und sie waren, seitdem es einen Staat Afghanistan gibt, das Staatsvolk. Das heisst, soweit es eine zentrale Regierung gab, sassen überwiegend Personen ihrer Gemeinschaft, ihrer Ethnie am Ruder des Staates. Sie regierten in Kabul, und Kabul war darauf einerseits bedacht, den paschtunischen Landsleuten in der Zentrale allerhand Vergünstigungen zukommen zu lassen und ihren andrerseits in ihren Landesteilen und unterschiedlichen Stämmen, sowie in ihrer „Landeshauptstadt“ Kandahar, eine gewisse Selbstständigkeit zu gewähren.
Der ganze nur nach äusserlich modernisierte und zentralisierte „Nationalstaat“ Afghanistan beruhte in Wirklichkeit auf Klientelstrukturen, die man auch patrimoniale Strukturen nennt, und die wichtigste und ausgedehnteste Patrimonialstruktur Afghanistans war die in paschtunischen Händen liegende Regierung von Kabul, in königlichen Zeiten so gut wie in diktatoralen Epochen.

Die zweitgrösste der afghanischen Ethnien, die Tajiken (gute 20 %), leben
entweder als Bauern in den Dörfern oder als Händler, Handwerker und
Geschäftsleute in den Städten. Sie waren und bleiben der beweglichste und
modernste Teil der Bevölkerung, auf Kontakte über das ganze Land und mit
dem Ausland angewiesen. Ihre Sprache, Dari, eine Form des Persischen, dient
allen Afghanen als Umgangssprache, die über die Sprachgrenzen hinweg
Verwendung findet. Ihre Position im Lande kann man als jene der
„Technokraten“ beschreiben, die notwendig waren, um das zentrale System, das
in paschtunischen Händen ruhte, zu finanzieren und die geschäftliche
Zirkulation im ganzen Land aufrecht zu erhalten. Diese Funktion verlieh den
Tajiken eine untergeordnete aber unentbehrliche Zweitposition.

Die übrigen Ethnien, Usbeken, Aymaqen, Hazara, und mehrere kleinere, sind
eher von lokaler Bedeutung. In den zehn Jahren der Guerilla gegen die
Sowjetunion kämpften die unterschiedlichen Gruppen der Guerilla getrennt
nach Ethnien. Sogar die Kommunistische Partei Afghanistans war ihrer Zeit in
zwei sich bitter bekämpfende Flügel gespalten. Einer war der paschtunische, der
andere jener der Tajiken. Jeder „Warlord“, auch Kommandant genannt,
zog mit Kämpfern seiner eigenen Ethnie in den Krieg, und nach der Vertreibung
der Russen, von 1989 bis 2001, kämpften Paschtunen, Tajiken und Hazara,
jeweilen unter Warlords ihrer Ethnie, gegeneinander.

Die Taleban waren um Kandahar herum entstanden und (mit entscheidend
wichtiger Unterstützung durch ISI) zuerst 1994 dort an die Macht gelangt. Sie
Sind bis heute primär Paschtunen geblieben. Auf die Paschtunen haben die pakistanischen Geheimdienste direkteren Zugriff als auf die anderen Ethnien, weil grosse Teile der paschtunischen Stämme in den pakistanischen Stammesgebieten jenseits der als Grenze dienenden Durand Linie leben.


Amerika stützte sich auf die Tajiken

Als 2001 die Amerikaner in den afghanischen Bürgerkrieg eingriffen, hatten die
Taleban fast das ganze Land unter ihre Herrschaft gebracht. Nur im Nordosten
hielt sich noch die Gruppierung des (wahrscheinlich von den Taleban oder von
al-Qa’eda, ihrem damaligen Verbündeten) durch Selbstmordbombenanschlag
ermordeten „Nationalhelden“ des afghanischen Jihad, Ahmed Schah Mas’ud,
gegen die Taleban. Die Amerikaner verliehen diesen tajikischen
Kämpfern Luft- und Waffenhilfe und konnten Ende 2001 dank ihrer Hilfe die
Taleban leicht aus dem Lande vertreiben.

Schon Mas’ud war ein bitterer Feind von ISI gewesen. Solange er lebte und kommandierte, liess er keine Gelegenheit vorübergehen, ohne darauf hinzuweisen, dass er und seine Leute in Wirklichkeit nicht gegen die Taleban sondern gegen die Pakistani kämpften, die mit ISI hinter den Taleban standen und ihren Einsatz leiteten.

Diese Vorgeschichte ist wichtig, weil sie das Grundgefühl der Paschtunen erklärt. Die Niederlage der Taleban durch die Amerikaner und die Tajiken Mas’uds erscheint ihnen als eine Niederlage ihrer Ethnie, die durch sie ihrer angestammten Position als Staatsvolk in Afghanistan beraubt wurde. Eine Revanche der Taleban, wie sie gegenwärtig immer mächtiger in Erscheinung tritt, bedeutet für sie auch eine Rückkehr ihrer Ethnie in die, wie sie glauben, ihnen zustehende Zentralposition als Herren über die patrimoniale Zentrale von Kabul. Sie haben sich deshalb mit zunehmender Entschlossenheit hinter die Taleban gestellt. Für viele von ihnen steht nicht die islamistische Ideologie dieser Leute im Zentrum sondern ihre Zugehörigkeit zu den Paschtunen, deren Rückkehr zur Macht sie zu ermöglichen versprechen.

Auch Präsident Karzai ist Paschtune, und dies war ein Hauptgrund dafür, dass ihn die Amerikaner ursprünglich in die Präsidentenposition zu befördern suchten. Sie hofften dadurch die Abneigung der Paschtunen gegen die neue Ordnung in Afghanistan zu vermindern. Doch die Paschtunen sehen in dem Präsidenten und in seinem ganzen Stamm, dem der Popolzai, eher Kollaborateure als Vertreter ihrer Interessen. Dies schon deshalb weil ihre alten Rivalen und Feinde, die Tajiken Mas’uds, führende Positionen in der neuen Regierung erhielten.Auch der engere Klan Karzais gehört heute zu den grossen Gewinnmachern in Kabul. Karzai wird daher von seinen paschtunischen Landsleuten als eine Frontperson für die Tajiken und die Amerikaner abgelehnt.
Diese Konstellation bewirkt, dass die Taleban als Grundlage für ihre Werbung nicht nur auf ihre Ideologie, einen besonders eng verstandenen Islamismus, zählen können, sondern auch auf die ethnische Solidarität der Paschtunen, oder jedenfalls der grossen Mehrheit von ihnen. Nicht von ungefähr war der Hauptgegenspieler Karzais in den Präsidialwahlen von August 2009 der Tajike Abdullah Abdullah. Doch er ist nicht ein Angehöriger des der Regierung nahestehenden Tajiken Klans, der sich um Ahmad Schah Mas’ud geschart hatte, und seine Chancen eine Mehrheit zu gewinnen, waren trotz der geringen Beliebtheit des Präsidenten bei den meisten Afghanen schon aus diesem Grunde gering - ganz abgesehen von den massiven Wahlfälschungen, die von den Anhängern des Präsidenten organisiert wurden.



Fremde Soldaten sind Besetzungssoldaten

Ein weiterer Vorteil der Taleban im Ringen um die Loyalität der Afghanen liegt darin, dass die fremden Besetzungssoldaten, in erster Linie die Amerikaner, jedoch die Europäer schwerlich ganz ausgenommen, sich durch ihre Übergriffe gegenüber der afghanischen Zivilbevölkerung zunehmend verhasst machen. Absichtlich oder unabsichtlich – für die Afghanen ist dies nicht wesentlich, für sie zählen die Toten und Verwundeten – kommen immerwieder Bombardierungen und Beschiessungen von Zivilen vor mit tödlichen Folgen für bedeutende Zahlen von Frauen, Kindern und alten Leuten. Besonders verhasst sind die Drohnenschläge, die offiziell auf Gruppen von Aufständischen ausgehen, die aber de facto immerwieder zivile Gruppierungen und Ansammlungen treffen. Wahrscheinlich versucht die Taleban Propaganda die Opferzahlen zu übertreiben. Im Gegenzug übertreibt wohl die amerikanische Kriegspropaganda die angeblichen Erfolge der Drohnen bei der Tötung von vermuteten Anführern der Taleban. Dass auch auf der alliierten Seite die Fakten nicht notwendigerweise mit der Kriegspropaganda übereinstimmen, lehren die Dokumente der Wikileaks noch drastischer als wir es schon ohnehin wussten. Doch die Mordaktionen der Besetzungssoldaten durch Drohnen und Raketen kommen tatsächlich vor. Ihre Wirkung ist aufwühlend.

Die Oberkommandanten, zuerst McChrystal, später Petraeus, wussten dies, und sie haben wiederholt Befehle ausgegeben, nach denen solche „Fehlgriffe“ unbedingt vermieden werden müssten. Doch in der konkreten Situation der Soldaten, die sich in vielen Fällen gefährdet glauben und dann die energischsten Gegenmassnahmen ergreifen, über die sie verfügen, ist dies leicht zu befehlen und schwer zu befolgen. Bisher haben solche Befehle nicht viel gefruchtet. Die tödlichen Aktionen dauern an und ernten Hass und Verachtung von den Afghanen, die sie als feige und einer jeden kriegerischen Moral unwürdig einstufen. – Auch die Selbstmordbomben der Taleban widersprechen der traditionellen afghanischen Kampftradition. Zu Zeiten des Ringens gegen die Russen wurden sie nicht eingesetzt. Die Taleban haben von ihrer Wirksamkeit erst durch die Kämpfe der irakischen Aufständischen gegen die Amerikaner erfahren und diese Kampmethode von ihnen gelernt.

Ob die Bomben der Taleban gleich abstossend auf die Afghanen wirken, wie die Drohnen und Raketen der Amerikaner und Nato Truppen, bleibt offen. Die Taleban suchen in erster Linie Opfer aus, die sich bei der Regierung oder den fremden Truppen engagierten. Ihre Einsätze sind menschenverachtend aber nicht von der gleichen hochtechnologischen „Herablässigkeit“ wie die ferngesteuerten Geschosse und Bomben aus heiterem Himmel.


Korruption statt Entwicklungshilfe

Nicht nur die Amerikaner, auch die von ihnen gestützte Karzai Regierung und ihre ausübenden Organe machen sich in wachsendem Masse verhasst. Ihnen wird allesamt Korruption vorgeworfen, und dies sowohl von amerikanischer wie von afghanischer Seite. Milliarden von amerikanischen und europäischen Hilfsgeldern versickern in Afghanistan ohne Spuren zu hinterlassen. Geschichten gehen um, von Lastflugzeugen, die mit Dollarbündeln beladen das Land verlassen.
Von der afghanischen Polizei weiss die Bevölkerung, oder glaubt es zu wissen, dass sie sich mehr mit dem Aussaugen der Afghanen als mit ihrer Verteidigung gegen Gewalttäter abgibt. Die neu ausgehobenen Truppen, die von den Amerikanern und Europäern ausgebildet werden, aber gelegentlich auf ihre Ausbilder schiessen, gelten als unsicher, und niemand traut ihnen zu, dass sie ohne Unterstützung der Amerikaner zu kämpfen vermöchten. Von der zivilen Verwaltung wird angenommen, dass sie viel verspricht, aber in Wirklichkeit in die eigenen Taschen arbeitet.
Die Unsicherheit zwingt viele der zahlreichen NGOs und internationalen Wohltätigkeitsorganisationen, in Kabul zu bleiben und ihr Wirken nach aussen hin, soweit es überhaupt noch stattfindet, irgendwelchen afghanischen Helfern anzuvertrauen. Die beständige Klage der Landbevölkerung lautet: „für uns tut man nichts!“

Der Mohnanbau ist eine der wenigen Aktivitäten, die sich für die Bauern als rentabel erweisen. Natürlich für sie in viel geringerem Masse als für die Zwischenhändler und Schmuggler, die in einer Drogenmafia zusammengefasst sind, von der es heisst, sie reiche bis tief in die Regierung hinein und sie diene zugleich dazu, die Aktivitäten der Taleban weitgehend zu finanzieren. Die Rauschgiftstrassen ziehen westwärts sowohl durch die zentralasiatischen Staaten und Russland wie durch Iran und die Türkei. Ihrer ganzen Ausdehnung entlang nehmen die Zahlen der Süchtigen zu. Die iranische Regierung bekämpft den Schmuggel energisch und nicht ohne Blutvergiessen. Doch von einer Eindämmung kann nicht die Rede sein, eher vom Gegenteil. Endziel der beiden Schmuggelstrassen ist Europa. Der dortige Verbrauch wird im wesentlichen aus Afghanistan gespeist.


Positionsbezüge für „nach den Amerikanern“

Heute wird immer deutlicher, dass früher oder später die Amerikaner abziehen werden. Obama hat sich auf einen Beginn der Truppenreduktion im August 2011 festgelegt, aber Karzai erhielt kürzlich die Zustimmung der Amerikaner und Europäer für einen Plan, der vorsieht, dass die afghanische Regierung bis zum Jahr 2014 die volle Verantwortung für die Sicherheit des Landes übernähme. Wie Afghanistan allerdings in vier Jahren wirklich aussehen wird, kann niemand voraussagen.
Der auf jeden Fall beschränkte Zeithorizont, der den amerikanischen Truppen im Lande gesetzt ist, bewirkt, dass sich schon heute alle Seiten in dem Ringen intensiv mit der Frage befassen: was geschieht nach den Amerikanern? - Seit über einem Jahr redet Karzai offen davon, dass er mit den Taleban verhandeln wolle. Daneben hat er Pläne entworfen und Gelder bereit gestellt, die für mögliche Überläufer aus dem Lager der Taleban bestimmt sind. Einige solche soll es in der Tat geben, jedoch bisher nur wenige. Neuerdings hat es auch Versuche gegeben, mit den alten Jihad Kommandanten aus der Zeit des Krieges gegen die Russen, Gulubuddin Hekmatyar und Jallaluddin Haqqani, ins Gespräch zu kommen, beide paschtunische War Lords, die heute als Verbündete der Taleban und enge Vertraute von ISI in Afghanistan gegen die Amerikaner kämpfen.

Resultate hat all dies jedoch bisher nicht gezeigt. Die Taleban und ihre Gönner und Freunde sehen sich als die gegenwärtigen Gewinner des Ringens, und sie sind daher nur daran interessiert, den Abzug der Amerikaner und der Nato-Truppen auszuhandeln, ohne irgendwelche Kompromisse mit ihren Gegnern einzugehen. Dies wiederum scheint den Amerikanern nicht annehmbar.
Auch ISI behält beständig ein Eisen im Feuer der Kontakte und Verhandlungen. Die Gefangennahme des Taleban Waffen- und Einsatzchefs, des Mullah Beradar, durch die Pakistaner im Februar 2010 und ihre Weigerung, den Gefangenen den Amerikanern zur Verfügung zu stellen, bis sie selbst ihn verhört hatten, gehört in den Zusammenhang dieser Kontakte. Durch ihr Vorgehen unterstrichen die Pakistani (stets unter der Leitung von ISI), dass sie in Gesprächen, wie jene, welche die Amerikaner indirekt über Saudi Arabien eingeleitet hatten, auf keinen Fall übergangen werden wollten. 4)
-------------------------------------------------------------------------------------

4) Es gibt viele autorisierte Stimmen, die mahnen, es sei jetzt die Zeit zu verhandeln, auch für die Amerikaner. Dies müssten Gespräche über Versöhnung mit den Taleban sein und möglicherweise ihrer Beteiligung an der Macht in Kabul, nicht solche über Kapitulation, wie sie die Amerikaner immernoch forderten. S. z.B. reconciliation efforts (PDF), von Matt Waldmann. Ouch die Ausführungen von Barnett R. Rubin and Ahmed Rashid, in Foreign Affairs Nov./Dec. 2008: From the Great Game to Grand Bargain, Ending Chaos in Afghanistan and Pakistan. Sowie: Interview mit Matt Wadmann, Time to talk to the Taliban: Council of Foreign Relations, 14/7.10 Viewpoint, Time for US to join talks with Taleban. http://www.cfr.org/publication/22708/time_to_talk_to_the_taliban.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed
-------------------------------------------------------------------------------------

Die Beziehungen zwischen Karzai und den Pakistanern waren angespannt bis vor wenigen Wochen. Pakistan warf ihm vor, sich allzu eng mit den Indern einzulassen. Seine Regierung hatte die Öffnung von indischen Konsulaten in Afghanistan zugelassen und erhält – relativ - wirksame Entwicklungshilfe aus Indien. Doch dann scheint eine Umpolung stattgefunden zu haben. Anlässlich eines Besuches des Oberkommandanten der pakistanischen Streitkräfte, des Generals Kayani, in Kabul wurde deutlich, dass Karzai nun gedenkt sich auf die Pakistani abzustützen. Ob er wirklich die indischen Konsulate schliesst, wie Pakistan das offen forderte, bleibt noch abzuwarten. Doch jedenfalls sind die Beziehungen herzlicher geworden. Dies sei Vorbedingung gewesen, sagten die Pakistani, um den Wunsch Karzais zu erfüllen, mit den Taleban Kontakt aufzunehmen. 5)
----------------------------------------
5) Vgl. Washington Post foreign service 21/7/2010Joshua Partlow, Afghanistan building up strategic partnership with Pakistan. Und bbc 22.3.2010 Militants hold peace talks in Kabul.
http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/8579380.stm

siehe auch: Lyse Doucet: Pakistan pushes for new role in Afghanistan, bbc Feb. 19/ 2010 http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/8521823.stm und Stephen M. Walt, meanwhile at Kabul, March 24/2010, in http://walt.foreignpolicy.com/blog/2072 und ausführlicher: http://www.nytimes.com/2010/03/24/world/asia/24afghan.html?ref=world

vgl. Ahmed Rashid: making war and peace in Afghanistan, bbc march 10/2010
http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/8550129.stm

-----------------------------------------------------------------------------------------
Man kann vermuten, dass diese Formel genauere Abmachungen verbirgt, nach denen Karzai, wenn er mit den Taleban spricht, die Pakistani auf dem Laufenden zu halten hätte. Das gleiche dürften die Pakistani auch von den Taleban erwarten. Sie wären dadurch in der Lage, solche Gespräche weitgehend fernzusteuern.
Fernziel Pakistans dürfte sein, dass nach dem Abzug der Amerikaner eine Machtkonstellation in Kabul übrig bleibt, die den Weisungen Islamabads Gehör schenkt und nicht den „Einflüsterungen“ Indiens. Als sie in den Jahren von 1994 bis 96 die Taleban zum ersten Mal zur Macht in Kabul beförderten, scheinen sich die Strategen von ISI insofern verrechnet zu haben, als ihre Schützlinge ziemlich viel Eigeninitiative entfalteten. Ob sie diese Lehre heute in Rechnung stellen und dafür sorgen wollen, dass auch die Taleban in einem künftigen Afghanistan nicht Alleinherrscher werden, oder ob sie gewillt sind, erneut eine volle Talebanherrschaft in Kabul anzustreben, muss vorläufig offen bleiben.


Pakistans Krieg mit den eigenen Taleban

Die heute für Pakistan höchst verderbliche und gefährlich gesteigerte Aktivität der sogenannten Pakistanischen Taleban, einer eigenen Organisation, die im wesentlichen aus den radikalen Pakistanischen Jihad Gruppierungen hervorgeht, wird von den pakistanischen Offizieren offenbar als eine Entwicklung angesehen, die durch die amerikanischen Eingriffe in den paschtunischen Grenzgebieten provoziert worden sei. „Nicht gerade als Rache dafür, aber doch als indirekte Konsequenz“, wie eine ihrer Formeln lautet.

Vielleicht schliesst sich an solche Vorstellungen die Hoffnung an, dass die islamistischen Terroristen in Pakistan auch wieder zur Botmässigkeit unter ISI und zum Einschreiten gegen Indien zurückgebracht werden könnten, wie dies vor dem afghanischen Krieg der Amerikaner gewesen war, als ISI eine weitgehende Kontrolle über die radikalisierten Kampfgruppen Pakistans ausübte und diese bei Bedarf richtung Kaschmir steuerte.

Die Offensiven, welche Pakistan in den paschtunischen Stammesgebieten des Nordens, wahrscheinlich unter Druck durch die Amerikaner, mit blutigen Opfern durchführte, ergaben gemischte Resultate. Die Kämpfer wichen jedes Mal aus in benachbarte Bezirke und re-infiltrierten, nachdem die Armeeoffensiven abgeklungen waren. So gross die pakistanische Armee sein mag, ist sie mannschaftsmässig doch nicht in der Lage, sämtliche Stammesgebiete auf einmal zu besetzen und dadurch die aufständischen Radikalen überall gleichzeitig niederzuhalten. Die Aktionen der pakistanischen Armee haben jedes Mal zur Massenflucht der Bevölkerungen aus den betroffenen Regionen geführt (Swat, Waziristan, Buner) und das dadurch entstandene Flüchtlingselend belastet den armen Staat Pakistan. Die Armee hat angekündigt, dass sie (gegenwärtig oder definitiv blieb unklar ) nicht gedenke, weitere Grossoffensiven in den Grenzregionen durchzuführen.


Kein Raum für eigene Meinungsbildung

Bei aller Vielfältigkeit der Beweggründe und Motive bleibt festzuhalten: Was immer die afghanische Landbevölkerung und grosse Teile der Stadtbevölkerungen desgleichen, eigentlich möchte, ist nicht wirklich relevant, solange die Taleban in der Lage sind, sie individuell in ihren Häusern und Siedlungen zu bedrohen und ihre Drohungen, im Bedarfsfalle wahr zu machen. Unter solchen Umständen bleibt eine möglicherweise vorhandene Entscheidung der grossen Mehrzahl der Afghanen für die „Freiheit“ der Amerikaner nicht mehr als eine undurchführbare Theorie. Zuerst müssen die Betroffenen sich am Leben erhalten. Die Amerikaner stehen vor einem inneren Widerspruch: um das Land von den Taleban zu befreien, brauchten sie die Hilfe und Mitarbeit der Bevölkerung, jedoch: um die Mitarbeit und Hilfe der Bevölkerung zu erhalten, müssten sie zuerst das Land von den Taleban reinigen.

Um dieser Falle zu entkommen, hatten die Amerikaner eine Strategie von Flecken für Flecken entworfen. Eine bestimmte Zone sollte durch die amerikanischen Kampftruppen von den Taleban gereinigt werden, dann besetzt gehalten bis zu dem Zeitpunkt, an dem die einheimischen Sicherheitskräfte, die afghanische Armee und Polizei, dort die Sicherheitsverantwortung übernehmen könnten. Dann wäre der nächste Flecken an die Reihe gekommen. Diese Strategie sollte im Februar 2010 mit vermehrten Offensivtruppen der Amerikaner und Engländer in Helmand erprobt werden. Die damals viel erörterte Offensive nach Marja im südlichen Helmand (Südwesten Afghanistans) begann in dieser Absicht. Die Armeesprecher verkündeten auch schon, als zweites Ziel, nach Marja, sollten die Provinz und die Grosstadt Kandahar an die Reihe kommen, der Sitz der Hauptmacht der Taleban. Doch die geplante Offensive musste zurückgestellt werden, weil es bis jetzt offensichtlich nicht gelungen ist, in Marja die Aktivitäten der Taleban Kämpfer so weit zu drosseln, dass die afghanischen Sicherheitskräfte die Amerikaner dort ablösen könnten. Ausserdem bestehen grosse Zweifel daran, dass die junge afghanische Armee und die als höchst korrupt geltende Polizei in absehbarer Frist überhaupt in der Lage sein könnten, derartigen Absicherungsaufträgen erfolgreich nachzukommen.

Weiterlesen ...

Donnerstag, 8. Juli 2010

Zivile „Nation Builders“ für Afghanistan

Die Washington Post hat eine eindrückliche Reportage veröffentlicht, in der gezeigt wird, wie in den USA freiwillige Zivilisten geschult werden, die man dringend benötigt, um in Afghanistan die erhoffte politische Zuwendung der zivilen Bevölkerung zu Nato und ihren Anliegen zu erreichen. Das Ausbildungs- Programm ist offenbar realistisch genug, um den Kandidaten für Zivilhilfe in Afghanistan deutlich zu machen, welchen Schwierigkeiten und Gefahren sie in Afghanistan ausgesetzt sein werden. Seine Schilderung kann daher auch dazu dienen, Aussenseiter erkennen zu lassen, welche diese Schwierigkeiten und Gefahren sind. Diese erklären weitgehend, warum es nur wenige amerikanische Zivilisten geben dürfte, welche die Fähigkeiten besitzen, derartige Situationen soweit zu meistern, dass sie, ihnen ausgesetzt, dennoch Aufbau Arbeit zu Gunsten der afghanischen Bevölkerungen leisten könnten. Nebenbei kommt auch zur Sprache, dass die Reserven von Können, Erfahrung und Enthusiasmus, die einst in Amerika für die Belange von Zivilhilfe in der „Unterentwickelten Welt“ vorhanden waren, während der Regierungszeit Bushs und seiner Vorgänger abgebaut und herabgestuft worden sind. Nun sucht man die Bestände offenbar durch Eilkurse improvisiert wieder zu ergänzen.

Immerwieder wird in den Vereinigten Staaten selbst unterstrichen, dass der Krieg in Afghanistan letztlich dadurch entschieden werde, ob die afghanische Bevölkerung sich auf die Seite der Amerikaner und anderen Nato Soldaten stellt oder (freiwilliger oder gezwungener Massen) auf die der Taleban und ihrer politischen Verbündeten und Freunde. Doch was es bedeuten würde, die unter den heutigen, über viele Jahre hinweg beständig verschlechterten. Gesamtbedingungen fast unmögliche Arbeit zu vollbringen, welche das offensichtliche Abbröckeln der Bevölkerung weg von Nato und fort von der Karzai Regierung umkehren könnte, darüber gibt das Trainingsprogramm, wie es hier geschildert wird, beredte Auskunft.
Die Zahlen der zur Verfügung stehenden und einigermassen qualifizierten Freiwilligen sind offensichtlich völlig ungenügend. Dass es in den kurz bemessenen Fristen, von denen heute die Rede ist, genügend und genügend befähigte Freiwillige geben könnte, die diese gewaltigen, praktisch wohl übermenschlichen Anforderungen, auch nur ansatzweise bewältigen könnten, ist schwer vorstellbar. An dieser Stelle, vielmehr als im rein militärischen Bereich, dürften die wahren Hindernisse liegen, die ein Erreichen der politischen Ziele der Afghanistan Aktionen der USA und der Nato, sogar wenn man sie so gering wie nur möglich festlegt, als weitgehend unmöglich erkennen lassen.

Arnold Hottinger


-----------------


This Is War: How USAID workers are trained for work and danger in Afghanistan

By Kristin Henderson

Sunday, July 4, 2010; W22

The two-story yellow-brick building had seen better days.

Laura Mendelson followed the American soldiers guarding her and the rest of the team of U.S. government employees up the crumbling concrete steps. The dimly lighted lobby was loud with the strident voices of a crowd of women in headscarves and long tunics. They shouted for the team's attention. They wanted something.

"Don't stop," said the soldiers. "Keep moving."

Mendelson wished she could make out what the women were shouting. Through the rush and commotion, she could tell they were speaking Dari and not Pashto, two of the most common languages in southern Afghanistan, but not much more. Forty-eight hours ago, she'd been in Washington getting ready for this. She's with the U.S. Agency for International Development, or USAID, part of the State Department. She's a trained Arabic speaker. But in the push to deploy, no one on the team had had time for more than a couple of hours of Dari and Pashto instruction.

Mendelson and the team entering the building represent what military and civilian experts alike have called "the way out" of Afghanistan: a civilian surge, on par with the military surge, to help the country rebuild itself. More than a year after President Obama called for such action, this is what that way out looks like.

Down a quiet hall, the women's voices were a distant echo as Velcro tore apart and body armor came off the civilian team. Mendelson removed her helmet and adjusted her peach-colored head scarf. She'd never had to wear a scarf with a helmet before. She took a seat at one end of a battered table.

The far end was crowded with Afghan men: the police chief in his gray uniform; the other provincial officials and a mullah in the traditional outfit of tunic and baggy trousers known as salwar-kameez. They all wore jackets and shawls against the old building's unheated chill. A portrait of Afghan President Hamid Karzai hung on a wall that was flaking paint.

The provincial governor began with a long list of problems. The women begging for help in the lobby; a lack of fertilizer; a central government that coughed up only half of the promised budget; a police force with no training, gasoline or radios; a new road so poorly built that only goats and drug smugglers used it; broken promises from Americans who had come before. A young man in a prayer cap shuffled around the table serving tea. The mullah fingered his prayer beads.

Despite the overwhelming list of needs, it seemed to Mendelson that the meeting was going well. Her USAID colleague Adam Schumacher had volunteered to take the lead at this first meet-and-greet, and he was saying all the right things. He avoided offering to do for the Afghans what they could do for themselves. He deftly steered them toward resources within their own government. He made no promises he couldn't keep.



***

He was gathering useful information. Then the governor brought up the accidental bombing of a village a month ago.

"The Americans make mistakes and make problems for the government," he said through the interpreter. "Six innocent people were killed."

Mendelson exchanged glances with the State Department representative beside her. Six deaths? They'd been aware of only one. Compensation had been paid. They'd thought the problem had been handled. Apparently, it hadn't. Mendelson was filled with guilty relief that Schumacher was the one in the hot seat. She was 51, 10 years older than Schumacher, but she was new to USAID. She'd spent 3 years in Afghanistan as a civilian adviser to the Army, but that work had all been done at a safe emotional distance -- reading reports, writing assessments. She'd rarely left the base.

Schumacher, on the other hand, had been a USAID foreign service officer for five years; Afghanistan was his third overseas posting. But it was his first posting in a war zone. This time, to these Afghans, he was the American representative -- the face not just of USAID but also the U.S. military, and that was outside his comfort zone.



Schumacher tried to get clarification on the number of casualties. He tried to connect. He said he understood the pain caused by these deaths because many Americans had died in Afghanistan, as well.

That didn't go over well. At all. The Afghans objected that this was not the same, that the American military dead weren't members of Schumacher's family. One man's face grew red. The governor concluded: "I invite all of you to come to the village. We will invite the media. And you can apologize to the villagers who were bombed."

As the meeting was breaking up, another American standing by the wall stepped forward and said loudly: "Okay, if everyone will just keep their seats, we'll do the hot wash right here. First, let's find out how the Afghans think it went."

Although this rundown building might have felt as if it was in the Third World, it wasn't. Outside the dusty windows lay not the deserts and mountains of Afghanistan, but the rolling green fields of an Indiana National Guard training facility. Half a dozen trainers wearing armbands were watching from the edges of the room. The Afghans at the table were all immigrants with recent experience back home. This was a training exercise, and the role-playing was over. Now it was time for the critique.

A week from now, ready or not, Mendelson, Schumacher and most of the other Americans at the table would be leaving for Afghanistan. That was why, when the bombing issue came up, Schumacher had decided to experiment with a response he wasn't sure would work.

The feedback confirmed that it probably wouldn't. "I knew I was going out on a limb, tying their sorrow with my sorrow," he said later. "But that's what made it valuable. I came here to test limits, to find out what works and what doesn't. If you come to this training with any ego, you're not going to get anything out of it."

Tomorrow, it would be Mendelson's turn in the hot seat.

***
The civilian surge includes USAID development specialists, State Department diplomats, Justice Department lawyers, Agriculture Department agronomists, and experts from Treasury, Homeland Security, Health and Human Services, the Federal Aviation Administration and the Drug Enforcement Administration, among others. The reason Obama called for more of these people is because at that point, eight years into the war, the civilian effort was even more understaffed than the military effort. USAID, for instance, had 85 people in-country, most of them hunkered down inside a walled compound in Kabul.

"That's the first thing about USAID," says Robert Perito, a post-conflict stability expert at the U.S. Institute of Peace, a research and training institution established by Congress. "There's nobody at USAID." It wasn't always that way.

"USAID was a repository of expertise and knowledge about development ... that would result in the improvement of societies around the world and, by the way, serve the interests of the United States," recalls George Moose, a former assistant secretary of state. He's talking about USAID's heyday, the 1960s, when the agency fielded more people in Vietnam alone than the 1,569 it fields today worldwide.

After the Vietnam War, America turned inward. USAID and the State Department watched their budgets and staffs steadily shrink. "In the absence of other resources, there was an increasing readiness to rely on military commands to try to fill the gap," says Moose, who recently testified before Congress on the role of civilian and military agencies.

The terrorist attacks of Sept. 11, 2001, tested the military's ability to do it all -- fight wars and rebuild the nations it invaded. Provincial reconstruction teams, or PRTs, were set up in key Afghan provinces in 2002. The American teams consisted of military civil affairs soldiers, National Guard members and a few civilians.


The civilian effort had no consistency, according to Perito's surveys of civilians returning from the PRTs. "One person is an expert in tribal structures, and the next person is interested in building roads," Perito says. They came and went without overlapping each other. "No one gave the PRT leadership any overarching goals or strategic guidance. The teams were left to work it out on their own on the ground."

The lack of civilian focus and resources, combined with the inadequate military presence, disillusioned the Afghan population and contributed to the insurgency taking root and eventually threatening the whole country. "When you talk about a baseline, after nine years of war, of less than 100 people in the field doing [development] work for a country of 29 million, you realize some of the forces that led to this," says Anthony Cordesman, a national security scholar with the nonpartisan Center for Strategic and International Studies (CSIS) who has advised the top U.S. commander in Afghanistan, Gen. Stanley A. McChrystal.

The effort lost even more focus and resources when U.S. attention shifted to Iraq. "[The Iraq experience] reinforced the recognition that the military can't do this on its own," says Stephanie Sanok, a former Iraq policy specialist who served in the Baghdad embassy. "It's the Department of Defense, not the Department of Defense and Much, Much More."

The "more" includes economic development, reconstruction and improving the ability of the Afghan government to meet its people's needs, a process known as "capacity building." Sanok, now with the CSIS, says, "In order to work yourself out of a job and depart a nation in a responsible way, you are going to have to transition programs and projects to local authorities, and you're going to need civilian trainers to build that capacity."

By the time the Obama administration took over running the war in Afghanistan, it was clear that both the military and its civilian partners needed more boots on the ground, and fast. But whereas the Pentagon could call up reservists and the National Guard to supplement its active-duty service members, neglected civilian institutions such as USAID had to build up their workforces from scratch.

Finding civilians with the appropriate skills who were willing to leave home for a year or more of grueling days doing difficult work in a dangerous place, often while living in primitive conditions, has not been easy. Finding those civilians fast has been impossible. The initial goal was to boost the number of American USAID staffers from 85 to 333, but after more than a year, that increase hasn't been achieved. As Mendelson was completing her training in May, she was one of 271, according to Charles North, senior deputy director of USAID's Afghanistan-Pakistan task force. The goal now is 377 by year's end, he says.

At first, in the push to get people in the field, the main qualification for new hires seemed to be a simple willingness to go. Now, USAID targets people with expertise in agriculture, infrastructure, private enterprise, education, health care and good governance.

Hiring the right people, though, has been only half the battle. For years, civilians were shipped off to Afghanistan with, at most, a few days of training. It was as if "you add civilians and water, and get instant development," Cordesman says. Just adding more unprepared civilians to the mix wasn't going to solve that problem. So a year ago, as the surge got underway, State Department leaders made training mandatory.

USAID's new hires now spend a week in the Ronald Reagan Building's basement learning how to operate within the agency's bureaucracy. For two weeks, they commute to the campus of the State Department's Foreign Service Institute in Arlington for a crash course in provincial reconstruction teams; U.S. military and political strategy; and Afghan culture, history, politics, geography and religion. They trek to the West Virginia woods for a "crash-bang" course: how to drive their way out of an ambush, how to fire a weapon. They learn combat lifesaving techniques and countersurveillance -- spotting a tail and shaking it. And they spend a week at the Indiana National Guard's Muscatatuck Urban Training Center.


But with training time at a premium, stabilization and development experts complain that the crash-bang course and countersurveillance instruction is a waste of time for people who will be traveling only in military convoys. In-depth strategic training is still missing. "And they're still not learning how to build capacity in their Afghan counterparts," adds Lauren Van Metre, who specializes in education and training at the U.S. Institute of Peace.

However, none of the experts interviewed for this article disputes the value of the day-to-day tactical skills taught at Muscatatuck. Those skills are critical for USAID especially, because the majority of USAID's people in Afghanistan are now working out in the field, not holed up in Kabul. At Muscatatuck, the civilians train alongside the National Guard on the grounds of what was once a sprawling institution for the mentally handicapped. Among dozens of spooky, abandoned buildings, and a mocked-up marketplace, prison and cemetery, civilians are plunged into a military environment, many of them for the first time.

***



The grazing cows ignored the convoy of Humvees as it rumbled past. From a back seat, Mendelson caught glimpses of frame farmhouses and silos. She and a trainee from the Treasury Department chatted with the Indiana National Guard soldiers in the driver's seat and the turret. Water dripped from the Humvee's ceiling. Mendelson was nervous. They were on their way to another role-play, a meeting on women's affairs, and it was Mendelson's turn to take the lead.

The turret gunner, Spec. Joshua Diaz, sat on a strap slung below an opening in the roof, his upper body in the turret, his boots on the platform between the back seats. The soldier shouted down to Mendelson over the engine, "What's your specialty?"

"Anticorruption," Mendelson shouted back, laughing, "so this is kind of a stretch." She tended to smile when she talked. It made her sound enthusiastic, even after staying up late with Schumacher, blearily running through all the questions, solutions and pitfalls they could think of. "How do you feel about the training?" she asked. "Does it seem realistic to you?"

"Yeah, it seems pretty real. But what you guys are doing is new to us." Diaz and the driver, Sgt. Kenneth Arnett, were both in their mid-20s. Both had already done tours in Afghanistan and Iraq. But they were not just props for the civilians' training vignettes. They were here to train, too.

The National Guard provides security to all the American provincial reconstruction teams in Afghanistan. It guards the PRT compounds and protects the teams anytime they go outside the wire. Before this combined training began at Muscatatuck, Guard members had had no practice operating with civilians in tow and little sense of why the civilians were there in the first place. So, in addition to sharpening their convoy and security skills, they were learning how to work with civilians. Unlike soldiers, civilians tended to respond to orders with "Why?" instead of a salute, and they had the nerve-racking habit of veering away from their security detail if they spotted someone they needed to talk to.

Beyond the Humvee's small windows, thick, hazy and bulletproof, the Indiana countryside rolled by, tranquil and green. Mendelson adjusted her helmet over her bulky headscarf. Her boyfriend, a British Royal Marine, had worn the scarf in the Persian Gulf War, official military issue. For combat wear, its peachy hue was an odd touch. She called it her superhero cloak. It had gotten her boyfriend safely through. Now, she was counting on it to do the same for her.

Up ahead through the windshield, a field of jumbled, broken concrete loomed. They were coming up on the border between Indiana and Afghanistan. Here at Muscatatuck, the Afghan landscape was represented by crumbling buildings, forsaken construction sites, a mobile home graveyard, wrecked and rusted cars, and piles of concrete.



Mendelson pointed to a car parked out of the way at the rubble's edge. "Wherever we went in Afghanistan, if there was a car sitting over there, we'd be real careful now." What was simply a parked car in Indiana could be a spotter in Afghanistan, calling ahead to insurgents lying in wait that a target was on its way.

The road led into the rubble, piles of it on both sides. Muffled pops erupted, sudden and startling. "Fire!" Mendelson shouted. She strained to spot the source, saw the muzzle of a weapon sticking out from behind a rock. She shouted again, and the Treasury trainee did, too, both of them shouting out the location of the danger the way they'd been trained: "Fire at one o'clock!"



The volume of pops grew louder until it was drowned out by a steady string of bangs from the turret -- Diaz, firing back. His boots shuffled on the platform next to Mendelson as he turned the turret to fire at more pops from the other side of the road. The sharp smell of cordite filled the cab. Mendelson knew all the weapons were firing blanks, but she couldn't help ducking. With a boom, an explosion spouted up next to the road, a thin plume of smoke and dirt. It was a pale imitation of an improvised explosive device, an IED, but still a reminder of the No. 1 cause of death and injury in Afghanistan.

Then the convoy lumbered out of the rubble, and the ambush was over. It had lasted 20 seconds. The Humvees drove on, their pace unchanged.

At the wheel, Arnett made a leisurely turn and said, "Last time in Iraq, I got hit by an IED, and all I heard was my ears ringing."
***

A sense of adventure is one thing most people who sign up for this work have in common. While studying agriculture at the University of Arizona in the 1970s, Mendelson's adventurousness prompted the native New Yorker to drop out, jump in a pickup and drive across America with a Saint Bernard, headed for Alaska. She worked in a bar, waited for the salmon run in Montana, got tired of waiting and picked apples in Washington state.

She never made it to Alaska. Instead, she milked cows on a kibbutz in Israel, studied Arabic in Egypt and joined archeological digs in Turkey. After waitressing her way through a Georgetown MBA and working summers at the Commerce Department's Mideast-North Africa Desk, she joined the Washington office of Arthur Andersen and served as a business consultant to the Palestinian Authority.

She carries all of the important things in her life in an oversized backpack. When she hoists it onto her back, she looks like a little turtle. She's fond of saying: "Life is like a pinball game. It doesn't just go in one direction."


Mendelson was in Flint, Mich., representing Arthur Andersen at a meeting with city officials, when the planes flew into the twin towers. That day, she decided: "I have to figure out how to help. I have to help my home town. I have to help my country." She joined the New York City Police Department as its first civilian analyst, dispensing advice based on her unique combination of knowledge and experience. When she was offered a contractor job doing the same thing for the Army in Afghanistan, she grabbed it. She told her sisters it was a chance to get closer to the fight.



Three and a half years later, she made the switch to USAID. On a Friday afternoon a few weeks into the training, she hurried to Union Station and took Amtrak to New York to say goodbye.

It was a cold, rainy weekend. Mendelson spent Saturday afternoon at a high school baseball game, huddled under a wool blanket with her older sister Lisa and Lisa's teenage daughter Katie, watching Katie's brother at bat. An American flag was next to the scoreboard. Lisa and the other parents in the concrete bleachers talked about upcoming birthdays, player injuries, the PSAT, golf.

"When did you become such a big golfer?" Mendelson asked Lisa, amused.

"When I couldn't stand watching any more baseball," Lisa said.
Mendelson and Katie wandered around the edge of the baseball diamond to the refreshment stand. They sipped hot chocolate and talked about boyfriends, the kind of trivial talk that made Mendelson angry the first time she came home from Afghanistan three years ago. People there were fighting and dying, and people here were talking about boyfriends and golf. Eventually, though, she decided this was exactly what she was working so hard to protect -- this ordinary, unfearful life.
During Mendelson's time working for the Army, she shared an eight-person plywood hut on Bagram Airfield, just north of Kabul. In a cubicle in a cavernous old hangar, she pored over reports from the field. Back when she was advising distressed cities such as Flint for Arthur Andersen, one of the things she'd focused on was corruption. According to some development experts, Afghanistan is one of the most corrupt countries in the world.

Mendelson had figured that out for herself from the reports she was reading. "The corruption was just obvious from the start," she recalls. The military began taking steps to combat it, but only at the tactical level. She was frustrated by the lack of a broader strategy.



Then last fall, during a week of meetings in and around the embassy in Kabul, she had an epiphany: "Okay, this is where the policy and strategy happen, this is where it makes sense to happen -- the civilian side." While briefing incoming USAID staffers, she thought, I want to be them.

Talking with her sister Lisa, she debated the pros and cons of a job based out of an embassy instead of a large, secure military base, a job that would require her to "get out in the mix" more. Pros: better food; interesting people to work with. Con: more likely to get blown up. The pros won.
***


Day Three of training at Muscatatuck, and so far, so good. Mendelson's role play meeting with the director of women's affairs had gone so well that one trainer told another it was the best he'd ever seen. When Mendelson and her teammate Adam Schumacher heard that, they did a little jig.

After the meeting, the convoy loaded up and moved out. The road wound into the woods, where a onetime Girl Scout camp had been transformed into a forward operating base. FOBs are generally smaller and closer to population centers than the big airfields. The convoy pulled in through the FOB's guarded gate for lunch.

Inside the rustic wooden dining hall, the education continued. "Body armor," a civil affairs soldier advised two USAID trainees over steak salad and potatoes, "is like putting on a layer of distrust between you and the other person. Taking off the armor says, 'I trust you,' and that creates an obligation." Among older people in southern Afghanistan, he explained, the traditional honor code of Pashtunwali still means something.

Across the rows of rough-hewn tables, a training exercise was underway. Mendelson and half a dozen other trainees watched as a soldier playing the role of the FOB commander tried to convince two trainees playing visiting USAID officers that his district needed more civilian support. Wrapping up his pitch, he leaned forward with an eager salesman's grin. "So, shall we clear some cots off for you and move you in?"

Mendelson and the other trainees burst out laughing.

One of the faux USAID officers said dryly, "We'll get back to you."
After lunch, the convoy rolled on to another role-play, this one involving Afghans. The training program at Muscatatuck wouldn't be possible without them. That's true of USAID's programs in Afghanistan, too. In the past year, in addition to hiring more Americans, USAID has hired more Afghans in Afghanistan. Local staffers speak the language and can usually get around safely in cars or on motorbikes instead of the military convoys required to move Americans around. But not always. While USAID hasn't lost any Americans, 77 non-American staffers and contractors, mostly Afghans, have been killed as of May 31, according to the American Embassy in Kabul.

Among the role-players at Muscatatuck are those who have fled the violence. Some arrived so recently they speak almost no English. For each training session, 20 to 40 Afghans with recent Afghanistan experience are recruited from around the United States by McKellar Corp., the training and policy analysis firm that runs the training. Some once worked for the Afghan government, others for nongovernmental organizations. Some were police officers or soldiers. "Many," writes McKellar curriculum developer Lisa Backstrom in an e-mail, "have experienced life under the Taliban and/or the realities of life in a war-torn and under-developed country."

You can see it in the role-plays.

After acting their way through another meeting, a parade of Afghan officials, elders and American government civilians, flanked by soldiers carrying M-16s and led by a Humvee with a gunner in the turret, set off down the street. They trudged past a burned-out house. Beside it lay a heap of rubble.



The Americans carried boxes hand-labeled in black marker: Water, Blankets, and 12 Man Tents. One person carried a big stuffed cream-colored puppy labeled Sheep. These were "gheramat" gifts, compensation for the victims of the accidental American bombing of this ersatz village. As the man playing the governor had suggested in that first role-play meeting that Schumacher had led, the Americans had come to apologize.

The men playing villagers waited for them on carpets and tarps laid out under a tree. Off to the side two women in burqas huddled like lonely blue ghosts. Mendelson and a 25-year-old State Department trainee named Jacklyn Palme were led to the women by a man who said he was a cousin. Mendelson and Palme took off their helmets and knelt.

One of the women slowly rocked.



"We're so sorry," said Palme, her brows pulling together. "We're deeply sorry for your loss."

"I'm a medic," Mendelson said. That was her assigned role this time. "I would like to offer my services to you, if you have women or children who've been wounded."

From within the slowly rocking burqa came a small voice. The male cousin translated: "Treatment would not bring my son back. Can you bring him back?"

From the group of men behind them, a wail went up. An older man wrapped in a brown shawl wailed again and slapped the carpet. He clambered to his feet and shouted in a hoarse, broken voice. The villagers and officials jumped up and crowded around him. The American men sat very still.

The other woman spoke up firmly from inside her burqa. Once again, the cousin translated: "What kind of help can you offer?"

"We have brought engineers with us today to help rebuild," Mendelson said.

Behind her, the wailing man quieted and sank to the carpet.

Before her, the rocking woman murmured plaintively through the cousin: "I wish you could bring my son back."

"I'm sorry." Mendelson put her hand over her heart. "I can't bring your son back. But maybe I can help save other children in the village from disease or illness."

"You can rebuild my house, but my soul is gone, my heart is burning. I hope you never see such a sorrow as I saw."



Mendelson's eyes reddened. In a situation that wasn't real, she hadn't expected to react like this. Yet a feeling of loss rushed over her. She knew about loss, not violently, not as a mother, but as a daughter. During her time in Afghanistan, she had unexpectedly lost her mother, then her father. "I'm sorry," she said again, quietly. "There is nothing we can do to heal your pain. Only time will heal your pain."
The woman's hands pressed themselves to her burqa-covered face, and she rocked.


***

At the end of the week, Mendelson and the rest of the civilian trainees boarded a bus and left behind the Muscatatuck Urban Training Center's staged violence and destruction, its recitations of frustration and despair. The road took them through a quiet Midwestern town with wide streets lined with old brick storefronts, fast food chains, plastic signs, a Wal-Mart.

For a moment, looking at the faces around her on the bus, Mendelson suddenly feared for them, even as she joined them in talking about their plans and hopes for the work that lay ahead. The town gave way to peaceful green fields. Farmhouses slipped past, a pickup in the drive, a swing set next to the barn.

On the bus, they cracked jokes. They told stories such as the one the Treasury trainee told on himself: Two Afghan role-players came to him about a clinic that needed repairs; he asked if they had any photographs; they gave him a funny look because "apparently," he mocked himself, "local, poor Afghan villagers don't own digital cameras."

After an hour and a half, the trainees reached the Indianapolis airport. In a few days, they would board planes in Washington. They would make their way east, over the Atlantic, across Europe, to Dubai. And from there, waiting over the horizon, would be Afghanistan, where everything is real.

Kristin Henderson is the author of "While They're at War" and a regular contributor to the Magazine. She can be reached at wpmagazine@washpost.com.

© 2010 The Washington Post Company

Weiterlesen ...

Mittwoch, 23. Juni 2010

AFGHANISTAN/PAKISTAN: AFPAK HEUTE

Streit um die Strategie des Generals McChrystal

Die Lage in Pakistan und Afghanistan verändert sich in kleinen Schritten – im Sinn einer negativen Entwicklung. Die Grundgegebenheiten sind und bleiben die gleichen: Für Afghanistan, dass ein militärischer Sieg gegen die Taleban ohne die tätige Mithilfe der afghanischen Bevölkerung nicht zustande kommen kann: dies räumen sogar die amerikanischen Militärkommandanten ein. Doch die Bevölkerung scheint sich mehr und mehr von den Besetzungssoldaten, Amerikanern und Nato Truppen, abzuwenden. Die Gründe sind vielfältiger Art: immer mehr zivile Tote, besonders durch Luftangriffe der fremden Militärs; keine glaubwürdige afghanische Regierung; korrupte Polizeitruppen; - doch auch ruchloser Druck der Taleban, gegen den die meisten Landeskinder nicht abgeschirmt werden können, sogar wenn alliierte Truppen tagsüber gelegentlich vorbei patrouillieren.
Natürlich gibt es auch optimistische Stimmen, die sagen, alles gehe langsam voran. Zwar langsamer als erwartet, aber immerhin vorwärts. Doch diese Darstellungen kommen fast nur von offiziellen Militärsprechern, die nichts anders sagen dürfen und können. Von ihnen ist immerwieder zu hören, man stehe an einem „Wendepunkt“; bald werde alles besser werden, oder es sei schon am Besserwerden. Diese Stimmen, sosehr sie als offizielle Propaganda erkenntlich sein mögen, verursachen doch eine gewisse Ungewissheit. – Offiziere, Minister, hochgestellte Besucher, afghanische Behörden sprechen, die eigentlich am besten wissen müssten, was wirklich vor sich geht. Könnten sie am Ende doch recht behalten? - Ausserdem geht die Verschlechterung der Lage in kleinen Schritten voran. Die Einzelheiten sind eintönig. Immerwieder gibt es auch „Erfolge“ – viele Taleban seien anscheinend getötet worden, wichtige Anführer sogar – werden die Amerikaner und ihre Verbündeten mit ihrer militärischen Übermacht und Technologie schlussendlich doch eine Umkehr erreichen?


Schlechte Vorzeichen in Pakistan
In bezug auf Pakistan scheinen die Dinge klarer hervorzutreten. Die pakistanischen Taleban machen deutliche Fortschritte. Neuerdings haben sie sich auch in Karachi, weit weg von den nördlichen Stammesgebieten, Basen geschaffen. Die Anschläge innerhalb Pakistans und in den Grenzregionen des Norden nehmen immer zu. Die pakistanische Armee erklärt, sie sei nicht in der Lage, die Aufständischen überall gleichzeitig zu bekämpfen, und sie hat ihre früheren Offensiven gegen sie, wie jene vom Vorjahr und von diesem Frühling nach Swat und Waziristan, nicht fortgesetzt.
Es gibt immerwieder Beobachter, die überhaupt in Frage stellen, ob die pakistanische Armee die Taleban wirklich bekämpfen will. Der Verdacht stirbt nicht aus, dass nach wie vor ein Willen bei den pakistanischen Strategen von ISI bestehen könnte, die Taleban, oder Teile von ihnen, eher zu Instrumenten ihrer Politik zu machen, als sie niederzukämpfen. Teuerung und Arbeitslosigkeit sorgen dafür, dass den islamistischen Rebellen weder die Rekruten noch die Kandidaten für Selbstmordanschläge ausgehen.
Die amerikanischen Militärs behaupten sie hätten grosse Teile der Taleban Führung in beiden Ländern durch ihre Drohnenschläge eliminiert. Doch die Taleban sind in der Lage, rasch neue Anführer zu ernennen, die an die Stelle der Gefallenen treten, und ausserdem ist ungewiss, ob die behaupteten Eliminierungen wirklich die Taleban Führer treffen, oder nur mehr oder weniger unschuldige Zivilisten, oft ganze Familien, in deren Häusern sich möglicherweise Taleban aufgehalten, hatten, bevor die Raketen einschlugen. Wobei auch ungewiss bleibt, ob dies unter Druck der Aufständischen geschehen war, oder mit ihrer Zustimmung. Gewiss ist nur, dass die Tötung von pakistanischen und der afghanischen Zivilisten durch die ferngesteuerten Flugzeuge böses Blut bei den Überlebenden schafft. Trotz alledem ist nicht zu erwarten, dass die pakistanischen Taleban schon bald oder auch nur auf mittlere Frist in die Lage gelangen werden, Pakistan zu übernehmen. Dafür ist das Land zu gross, die Armee zu mächtig, und die Bevölkerung vorläufig noch zu patriotisch und mindestens teilweise noch zu stark eingebundenen in den in Pakistan heimischen mystisch ausgerichteten Volksislam, der dem Fundamentalismus der Taleban entgegensteht. – In Afghanistan kämpfen fremde Armeen, die immer deutlicher als Fremde hervortreten. In Pakistan ist es die eigene.

Unterirdischer Streit zwischen Zivilen und Militärs
Angesichts der Unklarheiten, die über die wahre Lage und die wirklichen Aussichten der Amerikaner und ihrer Verbündeten in Afghanistan bestehen, ist der Skandal, der um General Stanley McChrystal, den amerikanischen Oberkommandierenden, in Washington ausbrach von Bedeutung. Der General erlaubte einem Reporter der Musik und Protest Zeitschrift „Rolling Stone“,ihn einen Monat lang zu begleiten. Daraus resultierte eine Schilderung des Generals und seiner Umgebung, die ihn in einem sympathischen Licht erscheinen lässt, aber auch widerspiegelt, wie er und seine Vertrauten über die Politiker und Spitzen der amerikanischen Verwaltung sprechen und denken. Bitterer Ärger über den Botschafter Obamas in Kabul, den früheren General Karl Eikenberry, und auch ziemliche Wut gegenüber dem Vizepräsidenten Joe Biden wird deutlich. Verachtung der Militärs sogar für Obama selbst macht sich Luft.


Rivalisierende Strategiekonzepte
Biden und Eikenberry waren beide Vertreter einer anderen Strategie als der von McChrystal vorgeschlagenen, als Anfang 2009 die Frage mit und vor Obama diskutiert wurde, wie in Afghanistan vorzugehen sei. Die beiden hatten für eine „leichte“ Strategie gesprochen, die sich in erster Linie gegen die relativ wenigen Qaida Leute in Afghanistan und den pakistanischen Grenzgebieten gerichtet hätte, und diese mit dem Einsatz von Sondertruppen und Geheimdienstaktionen zu bekämpfen versucht hätte – ohne die Niederhaltung der viel zahlreicheren und im Land über die Stammessolidaritäten der Pashtunen verankerten Taleban anzustreben. Doch Obama entschied sich damals für McChrystals Strategie der „Counter Insurgency“, das heisst der massiven Niederschlagung und Niederhaltung aller Aufständischen unter Besetzung des Landes bis zu dem Zeitpunkt, in dem eine afghanische Regierung die Sicherheitsverantwortung übernehmen könne. Dies bedeute auch die Verstärkung der im Lande engagierten amerikanischen Truppen.
Nun werfen MyChrystal und seine Vertrauten dem Botschafter und dem Vizepräsidenten vor, sie übten systematisch Kritik an ihrem Vorgehen und äusserten die Befürchtung, dass sie nicht an ihr Ziel gelangen könnten, weil sie sich die Rolle dessen vorbehalten wollten, der am Ende doch recht hat, auch wenn der militärische Einsatz als ein Schlag ins Wasser verläuft. Man kann vermuten, dass sie sich nicht wirklich von den Politikern gedeckt fühlen. Was natürlich einen ersten Schritt zur Bildung einer Dolchstosslegende durch die Militärs – für den Fall eines militärischen Misserfolgs – bildet.
McChrystal wurde nach Washington beordert und musste sich öffentlich durch eine Erklärung sowie vor einer parlamentarischen Kommission und vor den verschiedenen genannten politischen Spitzen Amerikas persönlich entschuldigen. Er tat dies, ohne den Inhalt des Rolling Stones Artikels zu bestreiten. Er entliess jedoch seinen Berater für Öffentlichkeitsarbeit. Ob Obama ihn zu Rechenschaft ziehen wird, ist zur Zeit noch ungewiss. Stimmen werden laut, die an die Entlassung von General McArthur durch Truman erinnern.

Unklar verlaufene Bewährungsprobe
Jedenfalls aber wirft die Affäre ein Schlaglicht auf die ungewisse, wenn nicht gar kritische Lage in Afghanistan. Offensichtlich ist die Diskussion in den Kulissen über die Erfolge oder Misserfolge der Strategie Mc Chrystals und über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die vorgegebenen Ziele zu erreichen, so heftig geworden, dass der General sich veranlasst sah, ziemlich wild um sich zu schlagen, obwohl er eigentlich hätte wissen müssen, dass dies ihm und seiner Sache bloss Ungemach bringen kann. Seine oft und öffentlich beschriebenen Ziele wären: Ausbildung einer grossen afghanischen Armee und Wiederherstellung der Regierungsmacht über Afghanistan mit Hilfe einer Schwächung der Positionen der Taleban durch vermehrten Einsatz von amerikanischen und verbündeten Truppen in den Gebieten, die heute von den Taleban weitgehend kontrolliert werden oder teilweise unterwandert sind. Doch die erste Aktion, in der diese Strategie geprüft werden sollte; der Vorstoss von amerikanischen und britischen Truppen nach der Provinz Helmand und die dauerhafte Besetzung von Flecken wie Marja bis zu dem Zeitpunkt, in dem die afghanischen Regierungstruppen, Zivilgouverneure und Polizei die Verantwortung für die dortige Sicherheit übernehmen können, hat bis jetzt länger gedauert und ist weniger entscheidend verlaufen, als vorgesehen. Immer wieder kommen Aktionen der Taleban in den besetzten Regionen vor, und sie scheinen immernoch soweit unterirdisch präsent zu sein und genügend Angst zu verbreiten, um die lokale Bevölkerung zu zwingen, sich darauf einzustellen, dass sie des Tags von den Amerikanern und Engländern, des Nachts aber von den Taleban „besucht“ werden.

Die vorgesehene Ausdehnung der Befriedungsaktion auf die Provinz und Stadt Kandahar, ein sehr viel anspruchsvolleres Unternehmen als der Vorstoss nach Marjah es war, musste unter diesen Umständen aufgeschoben werden. Und in Marjah hat sich erwiesen, was von vorneherein als ein gewichtiger Schwachpunkt der Strategiepläne erkenntlich gewesen war: die Regierung Karzai war nicht in der Lage, eine brauchbare Polizei, verwendbare eigene Truppen oder den Herausforderungen der Lage gewachsene Zivilverwalter nach Helmand zu entsenden.

Protektionszahlungen der amerikanischen Armee
Fast gleichzeitig mit den Entschuldigungen des Oberkommandierenden wurde ein Bericht der amerikanischen Militärbehörden bekannt, eine parlamentarische Kommission sollte am 22. Juni über ihn offiziell informiert werden. Der Bericht beruht auf einer Untersuchung der zuständigen militärischen Kontrollbehörden, die sechs Monate lang gedauert hatte , und er ergab, dass die amerikanischen Truppen Millionen von Schutzgeldern an höchst verdächtige afghanische Sicherheitsagenturen bezahlten, um auf diesem Wege die Lastwagenkolonnen zu beschützen, die ihren Nachschub ins Land bringen. Anscheinend sehen sie sich gezwungen, dies zu tun, sonst würden ihre Lastwagen angegriffen. Die Frage ist dabei, wohin diese Schutzgelder wandern. Offenbar besteht der Verdacht, dass dies ganz einfach die Hände der Taleban oder deren Freunde und Mittelsleute sein könnten.

Eine näher rückende Zeitgrenze
Als Obama die vorgeschlagene Strategie McChrystals akzeptierte, setzte er gleichzeitig eine Zeitgrenze fest, innerhalb deren sie zu Erfolg führen müsse, indem er den August 2011 als den Zeitpunkt bestimmte, an dem ein Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan zu beginnen habe. Diese Zeitgrenze war, begreiflicherweise, bei den Vertretern einer massiven Strategie der „Counter Insurgency“ unbeliebt. Sie hätten lieber gesehen, dass – wie einst in Vietnam mit dem bekannten Ende, und wie auch im Falle der Sowjetunion in Aghanistan – keine Grenze ihrer Aktionen vor dem erhofften Erfolg festgelegt werde. Sie erklärten denn auch sofort, nachdem der Beschluss einer Truppenverstärkung in Afghanistan und der Durchführung der Strategie McChrystals gefallen war, so genau werde man es mit der Zeitgrenze nicht nehmen können und auch nicht nehmen. Es handle sich nur um einen theoretischen Plan. Dem gegenüber haben Obama und seine Vertrauten, kürzlich noch der Stabschef des Weissen Hauses, Emanuel Rahm, immer sehr deutlich ausgesagt, die Zeitgrenze stehe fest, und die Frist werde nicht verlängert. Diese Frage der langsam immer näher rückenden Zeitgrenze erhöht natürlich die Spannungen zwischen McChrystal mit seinen Anhängern und den zivilen Skeptikern, die in den Aktionen der Militärs mehr Misserfolge denn Erfolge zu sehen glauben.

Weiterlesen ...