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Donnerstag, 23. Juli 2015

Atom-Deal heizt Rivalitätskampf am Persischen Golf an

Saudi-Arabien leitet grundlegende Neuorientierung seiner Außenpolitik mit dem Ziel einer langfristigen Konfrontation mit Iran ein
 von Birgit Cerha

„Das iranische Regime ist wie ein Monster, das an einen Baum gebunden war und nun in unserer Region freigesetzt wurde.“  Der prominente arabische Journalist Abdulrahman al Rashid scheut in der größten arabischen Tageszeitung „Asharq el Awsat“ nicht vor den schärfsten Worten zurück, wenn er  vor einem politisch und ökonomisch  aufstrebenden Iran als Folge des Atomabkommens mit den Weltmächten warnt. Verbale Versprechen der Amerikaner, iranische Beteuerungen des guten Willens überzeugten die Region nicht.

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Dienstag, 16. Dezember 2014

Katar: Getrieben vom „Napoleon-Komplex“

Mit Kultur und Sport auf dem Weg zu einer regionalen „Großmacht“ – Doch die Strategie des Zwergstaates schafft nicht nur Freunde
 
 von Birgit Cerha

Wenn die Sonne am Horizont versinkt, wandeln sich die Türme aus Glas und Stahl in ein atemberaubendes Leuchtfeuer. Die funkelnden Strahlen, die sich aus den modernsten Wolkenkratzern Dohas in den Himmel strecken symbolisieren die Kraft und den maßlosen Ehrgeiz eines Zwergstaates, den nichts auf seinem Weg zu einer regionalen Großmacht von internationaler Bedeutung blockieren soll.  Die kaum 300.000 Nachkommen der bitterarmen Perlenfischer auf der winzigen Halbinsel im Persischen Golf sind heute mit einem Pro--Kopf-Einkommen von 100.000 Dollar im Jahr die reichsten der Welt, während sich jene, die ihnen die Luxusbauten schaffen (1,8 Millionen Gastarbeiter) überwiegend mit Hungerlöhnen begnügen müssen.

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Sonntag, 21. Juli 2013

Die dunkle Seite Dubais

Wie Opfer von Vergewaltigungen zu „Kriminellen“ werden  - Der Fall einer Norwegerin erregt Aufsehen, doch er ist nichts Ungewöhnliches am Persischen Golf
 
von Birgit Cerha
 
Sie könne nicht schweigen. Ihr Fall solle die Risiken aufzeigen, die Fremden in Dubai drohen, wenn sie das von der islamischen Scharia beeinflusste Rechtssystem dieses glitzernden Ölreiches, wie auch der anderen Teilstaaten der „Vereinigten Arabischen Emirate“ (VAE)  nicht richtig begriffen. Mit diesen Worten begründet die 24-jährige norwegische Innenarchitektin Marte Deborah Dalelv die Entscheidung, ihre Verurteilung zu 16 Monaten Gefängnis durch ein Gericht in Dubai publik zu machen. Und ihr Fall löst im Westen, unter Menschenerechtsaktivisten und vielen Sympathisanten bereits Aufsehen und Empörung aus.

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Dienstag, 25. Juni 2013

Machtwechsel in Katar

Der superreiche Ministaat spielt in seinem ehrgeizigen Streben nach einer zentralen Führungsrolle in der Region mit dem Feuer
 
 von Birgit Cerha

[Bild: Scheich Tamim bin Hamad al-Thani]
 
Der winzige Stadtstaat Katar, mit seinen nur 1,7 Millionen Einwohnern und davon nur 225.000 eigenen Staatsbürgern auf einer kleinen Halbinsel im Persischen Golf gelegen, schafft es immer häufiger in die Schlagzeilen der internationalen Medien. Nicht nur ist diese absolute Monarchie Heimat der reichsten Bürger der Welt mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 80.870 Dollar im Jahr. Die materiellen Schätze aus Öl- und vor allem Gasquellen sollen nach den Wünschen der Herrscherfamilie al-Thani schier Unmögliches bewerkstelligen: den Aufstieg zur Großmacht in der Region. Zu diesem Ziel hat Emir Hamad bin Khalifa bereits eine Serie bemerkenswerter Schritte gesetzt.

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Freitag, 22. Oktober 2010

GOLFSTAATEN: Bahrains Tanz auf dem Vulkan

Die dritten Parlamentswahlen des winzigen Königreiches signalisieren explosive soziale Spannungen.

von Birgit Cerha

Es soll ein „Fest der Demokratie“ werden, wenn heute, Samstag, die Bürger des internationalen Bankenzentrums Bahrain ein neues Parlament wählen. So zumindest lautet der offiziell verkündete Wunsch von Justizminister Scheich Khalid al-Khalifa. In Wahrheit rückt das winzige Königreich am Persischen Golf der Erfüllung solcher Träume immer ferner. Die Wahlkampagne entlarvte vielmehr Weltöffentlichkeit eine erschreckende Farce, zu der Bahrains Demokratieanspruch entartet ist. Und sie signalisiert auch bedrohlich tiefe soziale Spannungen in diesem nur eine Million Bewohner (mehr als 50 Prozent davon nicht-wahlberechtigte Ausländer) zählenden Land. Diese sozialen Konflikte, verschärft durch gravierende Menschenrechtsverletzungen, verleihen den Wahlen eine Bedeutung für die gesamte Region, illustrieren dramatisch die Gefahren, die nicht nur Bahrain, sondern auch anderen politisch ähnlich strukturierten Ölmonarchien am Persischen Golf drohen könnten.
Untereinander zerstrittne sunnitische Islamisten könnten bei den Wahlen zum 40-köpfigen Parlament empfindliche Verluste zugunsten von regierungstreuen unabhängigen Kandidaten erleiden. An der Mehrheit für die herrschenden Al-Khalifas dürfte sich wenig ändern. Dafür sorgte das Königshaus seit vielen Wochen durch massive Repressionen. Liberale Medien, Blogs, zivile und Menschenrechts-Organisationen wurden geschlossen, die lautesten Kritiker des Königshauses durch Verhaftungen zum Schweigen gebracht, andere massiv eingeschüchtert. Ein Prozess gegen 25 prominente Oppositionelle und Blogger, die meisten im August und September verhaftet, andere durch Auslandsaufenthalte den Fängen der Justiz entschlüpft, soll am 28. Oktober beginnen. Prozesse gegen andere werden folgen. An die 300 Regimekritiker wurden nach Schätzungen von Human Rights Watch in den vergangenen Wochen festgenommen. Genaue Zahlen gibt es keine. Berichte über intensive Folter dringen an die Öffentlichkeit. Zahlreiche Inhaftierte gehören Oppositionsgruppen an, die die Regierung als illegal betrachtet und die einen Boykott der Wahlen propagieren.

„Unter den gegenwärtigen Umständen erscheint es schwer vorstellbar, dass diese Wahlen die Grundvoraussetzungen von Fairness – wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit – erfüllen“, klagt Joe Stork, Chef der Mittelost-Abteilung von „Human Rights Watch“. Die gegenüber den letzten Wahlen 2006 von 207 auf 146 geschrumpfte Zahl der Kandidaten spricht für sich. Fast zwei Drittel der Bewerber sind (regimetreue) „Unabhängige“, der Rest gehört der schiitischen „Al-Wefaq“-Organisation sowie zwei regierungstreuen sunnitischen Gruppierungen an. „Das System ist kugelsicher gegen demokratischen Fortschritt“, erklärt der Linkspolitiker Ebrahim Sharif die große politische Apathie.



Dabei hatte US-Präsident George Bush den engen Verbündeten Bahrain (der der Fünften Flotte der US-Marine einen Stützpunkt bietet) vor zehn Jahren als „demokratisches Modell“ für andere Nahost-Staaten gepriesen. Als Hamad bin Issa 1999 die Macht übernahm, leitete er einen Reformprozeß ein, der mit der Aufhebung der repressiven „Staats-Sicherheitsgesetze“ begann, der Verabschiedung einer „Nationalen Aktions-Charta“ und der Umwandlung des Emirats in eine „Konstitutionelle Monarchie“ mit einem gewählten Parlament. Doch schon 2002 wurden solche Liberalisierungen durch eine Verfassungsänderung zunichte gemacht, die einem vom König ernannten 40-köpfigen Konsultativ-Rat absolute Vetomacht über alle vom Parlament verabschiedeten Gesetze sicherte. Vier überwiegend schiitische Oppositionsgruppen boykottierten daraufhin die Parlamentswahlen von 2002. „Bahrain erlebt eine Rückkehr zum totalen Autoritarismus“, analysiert Stork.

Es herrscht ein Klima allgemeiner Unzufriedenheit und Frustration. Die durch die sunnitischen Herrscher diskriminierte schiitische Bevölkerungsmehrheit von 60 bis 70 Prozent sieht keine Chance auf ein Ende ihres Daseins als „Bürger zweiter Klasse“, die weitgehend von der sozialen und politischen Entwicklung des Landes ausgeschlossen bleiben. Jüngste öffentliche Protestkundgebungen wurden vom Regime als iranische Subversionsversuche gebrandmarkt, womit sich das Königshaus die Sympathie des amerikanischen Verbündeten angesichts der Repressionen zu sichern suchte, wohl mit einigem Erfolg. Zugleich heizt ein Einbürgerungsprogramm von mehr als 200.000 Sunniten aus Jordanien, Saudi-Arabien und Syrien die sozialen Spannungen massiv auf, zielt es doch auf eine entscheidende Stärkung der herrschenden sunnitischen Minderheit durch größeren Anteil an der Gesamtbevölkerung, wie auch die Bildung eines dem Regime absolut loyal eingestellten Blocks ab. Viele dieser neuen Bürger finden Anstellung im Militär und in den internen Sicherheitsdiensten, aus denen Schiiten systematisch ausgeschlossen sind.

Die allgemeine Unzufriedenheit wird aber auch durch ökonomische und soziale Probleme verschärft. Bahrains Ölerträge haben sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht, doch ein großer Teil der Bevölkerung, insbesondere die Schiiten, bleibt von diesem Segen ausgeschlossen und leidet unter wachsender Arbeitslosigkeit. Rund 50.000 Familien stehen auf einer Regierungsliste für leistbare Wohnungen. Nicht wenige warten darauf schon seit zwei Jahrzehnten.

Das Regime tanzt auf einem Vulkan. „Das gesamte System muß reformiert werden“, meint Sharif. „Doch jene, die die Macht haben, sind dazu nicht bereit.“ Damit würden sich die sozialen Ungerechtigkeiten verschärfen und eine Massenrebellion sei unausweichlich.

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Samstag, 21. August 2010

Am Persischen Golf steigen die Kriegsängste

Inmitten eskalierender Drohungen von allen Seiten und gigantischen Aufrüstungsplänen treibt Teheran sein Atomprogramm voran – Doch Washington versucht zu beschwichtigen

Die Menschheit sei an einem gefährlichen Kreuzpunkt angelangt. Vorbereitungen für einen Angriff auf den Iran hätten ein „fortgeschrittenes Stadium“ erreicht. Hi-Tech-Waffensysteme, darunter auch Atomsprengköpfe stünden voll einsatzbereit. Vorbereitungen für einen „Dritten Weltkrieg“ liefen auf Hochtouren, warnt die in Kanada stationierte unabhängige Forschungsgruppe „Global Research“. Tatsächlich steigt im Mittleren Osten die Hochspannung. Ein Bericht der New York Times, nach dem die US-.Regierung Israel davon überzeugt habe, dass der Iran mindestens ein weiteres Jahr für die Entwicklung einer Atomwaffe benötige können die Wogen der Nervosität kaum glätten.
Unabhängige Diplomaten und Militärexperten sind ohnedies seit längerem davon überzeugt, dass die „Islamische Republik“ noch Jahre benötige, um eigene Atomwaffen zu produzieren. Die Gefahr werde instrumentalisiert, um die aufsteigende iranische Regionalmacht zurückzudrängen und einzuschüchtern.

Dennoch: die Kriegsgefahr wächst. Zwar beschwichtigen diplomatische Kreise, Israel habe sich von den Amerikanern von der Notwendigkeit überzeugen lassen, der Diplomatie und der jüngst in Kraft getretenen vierten Sanktionsrunde gegen den Iran noch eine Chance zu geben. Immerhin äußert Irans Präsident Ahmadinedschad wieder verstärkt den Wunsch nach einem Dialog mit den USA und andere Hardliner, wie Mohammed-Javad Laridschani, Berater des „Geistlichen Führers“ Khamenei, deuten gar offen die Möglichkeit an, „wenn notwendig, werden wir mit dem Teufel (USA) in der feurigen Höhle der Hölle“ verhandeln. Zugleich aber stehen die Zeichen auf Sturm. Heute, Samstag, soll das erste iranische Atomkraftwerk in Betriebe gehen. Ein Sprecher der russischen Atomenergiebehörde verkündete, die Bestückung des von den Russen fertig gestellten Reaktors Bushehr mit Brennstoff solle nun begonnen werden. Bis zur völligen Inbetriebnahme werde es allerdings noch etwa zehn Wochen dauern. Laut iranischer Atomenergiebehörde sollen insgesamt 165 Brennstäbe installiert werden. Die erste Kernspaltung in der 1000-Megawatt-Anlage soll Anfang Oktober erfolgen. Bushehr, das unter Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gebaut wurde, steht jedoch nicht im Zentrum des Atomstreits zwischen Teheran und der internationalen Gemeinschaft.

Kern des Konflikts ist ein eigenes iranisches Programm zur Urananreicherung, das Teheran entschlossen vorantreibt. So verkündete der Chef der iranischen Atomorganisation, Ali Akbar Salehi eben, dass – ungeachtet des Sanktionsdrucks – mit dem Bau der ersten von zehn geplanten Uran-Anreicherungsanlagen spätestens Anfang nächsten Jahres begonnen werden solle.

Solch stolze Entschlossenheit steigert wachsende Ängste auf der arabischen Seite des Persischen Golfs. Dort zeigen Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erstmals offen ihre Bereitschaft, sich selbst militärischen Aktionen zum Stopp eines befürchteten iranischen Atomwaffenprogramms anzuschließen. Am Golf befürchtet man weniger, dass der Iran Nuklearwaffen tatsächlich einsetzen könnte, sondern dass ihn deren Besitz vielmehr dazu ermutigen werde, weit aggressiver als bisher seine Dominanz über die Region herzustellen. Immerhin beherbergen fast alle arabischen Golfstaaten schiitische Minderheiten, die im Konfliktfall mit Teheran sympathisieren könnten.

Die wachsende Unsicherheit hat einen gigantischen Rüstungswettlauf vom Zaum gebrochen. So haben die Saudis ein Waffenpaket – das größte in der Geschichte der USA – in Höhe von 60 Mrd. Dollar in Washington bestellt, Abu Dhabi kauft neue amerikanische und französische Kampf-Jets und Kuwait 200 amerikanische Abwehrraketen. Zugleich brüstet sich der Iran seiner höchst effizienten heimischen Rüstungsindustrie. Verteidigungsminister Vahidi verkündete den Produktionsbeginn eines Langstrecken-Raketen Verteidigungssystems und droht zugleich mit der Bereitschaft, Israel zu zerstören, sollte es einen Angriff auf iranische Atomanlagen wagen. Und die Revolutionsgarden, so einer ihrer Sprecher, hielten sich bereit, „überall in der Welt energisch der Dummheit der amerikanischen und zionistischen Regime zu begegnen“.

Wenig glaubwürdige Gerüchte, Saudi-Arabien hätte Israel die Erlaubnis erteilt im Falle eines Angriffs auf den Iran über saudisches Hoheitsgebiet zu fliegen, und von Riad allerdings heftig dementierte Berichte der iranische Nachrichtenagentur Fars, die israelische Luftwaffe hätte militärische Geräte in der saudischen Wüste, nahe der Grenze zu Jordanien, gelagert, heizen die Spannungen auf. „Gulf Daily“ meldete, Israel hätte Kampfflugzeuge in Georgien und Aserbaidschan stationiert, um aus größerer Nähe leichter den Nord-Iran zu attackieren. Und selbst Al-Kaida schließt sich der Hysterie an. Deren stellvertretende Führer im Jemen, Said al Shehri erklärte eben in einer Audionachricht die Bereitschaft, sich einem „von den Juden gegen den Iran“ begonnen Krieg mit den Methoden des Terrornetzwerkes anzuschließen.

Unabhängige Beobachter halten die Eskalation der Propaganda und Kriegstreiberei allerdings für höchst gefährlich. Denn sie berge das Risiko, dass politische Führer von ihrer eigenen Rhetorik übermannt und tatsächlich zu den Waffen greifen würden.

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Freitag, 1. Januar 2010

DUBAI: Scheich Mohammed bricht Weltrekord um Weltrekord


Das krisengeschüttelte Dubai eröffnet den höchsten Turm der Erde – Ein Ort der Superlative für die Superreichen


von Birgit Cerha

„Die Erde hat ein neues Zentrum“, frohlockt die PR-Fanfare des Glitzerreiches Dubai. Und wieder ist es Scheich Mohammed Bin Rashid al Maktoum gelungen, den Blick der ganzen Welt auf sein winziges Emirat zu ziehen, wo er, zum vierten Jahrestag seiner Machtübernahme, am 4. Januar vor Tausenden Besuchern den Burdsch al Dubai, den höchsten Turm des Globus, eröffnen wird. Ein Fest der Superlative ist geplant, um „den goldenen Augenblick“ (so die offizielle Propaganda), „den Beginn einer neuen Ära“ zu feiern, so als hätte das von einer schweren Schuldenkrise geschüttelte Dubai nicht eben erst um seinen Glanz fürchten müssen.

Mit dem Burdsch al Dubai hat Scheich Mohammed Weltrekord um Weltrekord gebrochen. Noch nie hatten Menschen derart kühn in den Himmel gebaut. Die tatsächliche Höhe dieses modernen „Turms von Babel“ ist strengstens gehütetes Staatsgeheimnis, das Dubais Herrscher, gemeinsam mit dem Inneren des Giganten und einigen anderen Informationen erst zur Eröffnung zu lüften gedenkt. Ist der Burdsch nun 808, 818 oder gar 825 Meter hoch? Erstreckt er sich über 160 Stockwerke oder gar mehr? In jedem Fall überragt er das bisher höchste Gebäude, das 508 Meter hohe Taipei 101. Die wahren Kosten dieses Projekts des Größenwahns wird die Welt wohl nie erfahren. Vermutungen reichen von 1,5 Mrd. bis fast drei Mrd. Euro.

Als das Projekt 2004 in Angriff genommen wurde, stellte der zu einem Drittel der Regierung des Emirats gehörende Bauträger „Emaar“, den amerikanischen Architekten Adrian Smith und ein großes Team internationaler Experten vor einzigartige Herausforderungen, die eindrucksvoller Erfindungsgabe bedurften. Ein Fundament in der Form eines Y wurde gegossen, auf dem der Gigant nun auf 850 gewaltigen Betonpfählen in 50 Metern Tiefe von je 1,5 Metern Durchmesser steht. Über diese Pfähle wurden mehrere Meter dicke Stahlbetonplatten gelegt. Diese weltweit einzigartige Stahlkonstruktion reicht bis zum 155. Stockwerk.

In schwindelerregender Höhe haben die asiatischen Bauarbeiter Stahlstäbe zu einem Gitter geflochten, brachten an den Seiten Schalungen an, füllten die Höhlräume mit Beton. Dabei galt es das Problem der in Dubai extrem hohen Temperaturen von bis zu 50 Grad zu überwinden. Die Arbeiten mussten überwiegend in der Nacht durchgeführt werden und häufig half man sich, riesige Mengen von Eiswürfeln in den Beton zu mischen.

Ein großes Team von Statikern sicherte die Standfestigkeit des Turms bei allen nur erdenklichen Naturereignissen. Der Burdsch al Dubai steht nicht fest gemauert in der Erde, sondern trägt sich durch sein Eigengewicht. Er schwankt bei heftigem Sturm im oberen Teil um bis zu 1,4 Meter.
Im Inneren des Turms, an dessen Fertigstellung 12.000 Arbeiter aus 30 Ländern gewerkt hatten, findet eine ganze Kleinstadt Platz. Neben den 37 Stockwerken für Büros stehen 900 Apartments und 144 exklusive, betreute Wohnungen zur Verfügung, sowie ein Armani-Hotel mit 160 äußerst luxuriösen Suiten. Auf der 124. Etage wurde die höchste frei zugängliche Außenterrasse der Welt eingerichtet. Die obersten Etagen sind nur 120 cm breit und beherbergen ausschließlich Einrichtungen für die Antennen an der Spitze. 57 Aufzüge legen fast 20 Meter in der Sekunde zurück.

Insgesamt wurden u.a. 142.000 m2 Glas in mehr als 22 Mio. Arbeitsstunden verbaut. Das Kühlsystem des Turms, der von mehr als hundert Kilometern entfernt zu erkennen ist, könnte 13.000 Tonnen Eis im Tag produzieren. Zu Projektbeginn, als am Golf und international ein ökonomisch weit zuversichtlicheres Klima herrschte als heute, wurden die Wohnungen im Burdsch in weniger als acht Stunden verkauft. Die Preise sind nach Stockwerk gestaffelt und liegen im Schnitt bei etwa 25.500 Euro pro Quadratmetern. Die teuersten Wohnungen werden auf etwa 2,7 Mio. Euro geschätzt. Seit den ersten Käufen haben sich die Preise fast verdoppelt.

Die ersten von etwa 12.000 Menschen, die in diesem Turm leben oder arbeiten werden, sollen im Februar in die Armani-Residenzen in die Stockwerke neun bis 16 einziehen. Im März folgt die Inbetriebnahme des Hotels.

Im Dubai-Lake zu Füßen des Luxusturms liegt ein weiterer Superlativ: der größte Springbrunnen der Welt. Auf einer Breite von 275 Metern tanzen Fontänen bis zu 150 Meter in die Höhe. 6.600 Lampen und Projektoren verwandeln den Brunnen in ein buntes Farbenspiel.

Der Burdsch soll das Zentrum einer 20-Mrd.-Dollar Luxus-Stadt werden, mit 30.000 Wohneinheiten, neun Hotels, riesigen Parks, 19 Wohntürmen, dem größten Einkaufszentrum der Welt und einem riesigen künstlichen See und den Nakheel-Turm, der, wenn wie geplant 2020 fertiggestellt mit etwa 1.140 Metern den Burdsch al Dubai noch überragen soll. Diese Projekte kamen durch die Finanzkrise vor Monaten zum Stillstand. Nun aber da Abu Dhabi mit einer Geldspritze von 10 Mrd.Dollar – zunächst - die Zahlungsunfähigkeit der hochverschuldeten

Staatsholding „Dubai World“ abgewendet hat, will man die Bauarbeiten an zumindest einigen der Projekten wieder aufnehmen.

Dubais Herrscher hofft der Burdsch werde Dubais Überlebenskraft beweisen, Investoren und Touriste wieder anzuziehen, den in den Keller gerutschten Wohnungspreise Auftrieb zu geben. Die heimische Bevölkerung beobachtet das Spektakel mit einer Mischung aus Stolz ( „Bis 1300 waren die Pyramiden von Giza das die höchsten Gebäude der Welt. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass dieser Titel in die arabische Welt zurückkehrt“, meint ein Kommentator) und ein wenig Skepsis, ob all dieser Luxus einen Sinn erfülle. Nur wenige freilich erinnern daran, dass Scheich Mohammeds Exzesse mit dem Schweiß schwer unterbezahlter, in elenden Quartieren hausender asiatischer Arbeiter erkauft wird.

Erschienen am 3.1.2010 in der "Neuen Luzerner Zeitung"
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Freitag, 4. Dezember 2009

DUBAI: Scheich Mohammeds Traum von Weltgröße

Mit seinem wilden Ehrgeiz und Hang zu Exzessen trieb Dubais Herrscher sein kleines Emirat in eine schwere Existenzkrise – Kann er wieder internationales Vertrauen gewinnen?

von Birgit Cerha
„Wir werden weiter nach großen Zielen streben.“ Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum, Herrscher über das von einer schweren Existenzkrise geschüttelte Mini-Reich Dubai, gibt sich unbeeindruckt, stolz und unnahbar. „Wir sind stark und beharrlich.“ Und erbittert fügt er bei einem der wenigen Auftritte in der Öffentlichkeit, seit das riesige Firmenkonglomerat „Dubai World“ in der Vorwoche de facto seine Zahlungsunfähigkeit anmeldete, hinzu: „Sie (gemeint sind die Dubai verleumdenden internationalen Medien und Finanzexperten) verstehen überhaupt nichts.“ Kein Zweifel, wer die Schuld trägt, wenn der von ihm so energisch in die Tat gesetzte Traum von Weltgröße vollends zerplatzt: „Es ist der Früchte tragende Baum, der das Ziel von jenen wird, die ihn (mit Steinen) bewerfen.“
Es ist der Stil dieses von grenzenlosem Selbstbewusstsein und wildem Ehrgeiz getriebenen Araberfürsten, der in den kommenden Tagen und Wochen darüber Ausschlag geben dürfte, ob internationale Geldgeber und der superreiche Bruder am Golf, Abu Dhabi, das in seinem kometenhaften Aufstieg stecken gebliebene Dubai rettend unter die Arme greifen.

„Unsagbar arrogant“, „unfähig zu raschen und klugen Entscheidungen“, „schockierende Geheimnistuerei und Mangel an Transparenz“, „die besorgte Finanzwelt grob durch Unwahrheiten abwimmeln“, „den Kopf in den Sand stecken“. Solche Kommentare aus Experten- und Journalistenkreisen machen nun die Runde. Sie erhalten neue Nahrung durch Berichte, Scheich Mohammed hätte nur am Tag nach der die Finanzwelt schockierenden Bitte von „Dubai World“ um Zahlungsaufschub für einen Teil seiner fast 60 Mrd. Dollar Schulden seinem größten Hobby gefrönt und für 1,95 Mio. Dollar in England acht Fohlen erstanden. Mohammed träumt nicht nur davon, Dubai von einer kleinen arabischen Provinz-Hafenstadt zu Weltgröße a la New York oder Manhattan zu heben. Er, selbst immer noch aktiver, begeisterter und gefeierter Reiter, ist der größte Besitzer und Züchter von Rennpferden in der Geschichte des Sports, mit gegenwärtig mehr als 700 Rassentieren im Training.

Persönlich verfügt Mohammed laut „Forbes“ über ein Nettovermögen von zwölf Milliarden Dollar , unterhält Aktien an dem Banken- und Versicherungsgiganten HSBC, an Sony und an Immobilienholdings, wie dem Essex House Hotel. Er besitzt eine 15.000 Quadratkilometer große Farm in Kentucky und kaufte eine weitere in Australien für 460 Mio.Dollar.

„Mit dem Scheich gibt es ein fundamentales Problem“, meint ein Finanzexperte, der lange in Kuwait gearbeitet hatte. „Er ist gewohnt, dass die Menschen um ihn widerspruchslos tun was er sagt. Er ist der Herrscher und sie sind die Untergebenen.“ So sei er auch stets mit den Bankern der Vereinigten Arabischen Emirate umgegangen. Doch internationale Finanzinstitute fürchten nicht den Verlust der Patronanz. Mohammed könne mit dieser Situation nicht umgehen.

Die Zahlungsunfähigkeit des größten Firmenkonglomerats seines kleinen Reiches, muss Mohammeds Ego schwer treffen, meinen Eingeweihte. Noch im April erklärte er fragenden Journalisten: „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir die Risiken der globalen Finanzkrise in Rekordzeit eingeschränkt haben.“ Als wenige Monate zuvor die Immobilienblas platzte und Tausende Arbeitskräfte, insbesondere aus Indien und Pakistan ihrer Jobs beraubte, spielte der Scheich stolzer Gastgeber der größten Party, die je im Mittleren Osten gefeiert wurde. 20 Mio. Dollar ließ er sich das fantastische Spektakel der Eröffnung der 1,5 Mrd.Dollar schweren „Atlantis-Hotel-Anlage“ kosten.

Der Traum war auf Sand gebaut, auf geborgtem Geld, das internationale Finanzinstitute bereitwillig zur Verfügung stellten, im Vertrauen darauf, dass hinter dem ehrgeizigen Scheich die reichsten Ölherrscher der Welt stünden. Doch Saudi-Arabien ließ den Unterstützung erbittenden Mohammed abblitzen und die Finanzkraft des Vetters am Thron von Abu Dhabi würde zwar leicht ausreichen, um Mohammed von allen Sorgen zu befreien. Der Scheich half zwar bisher schon mit 15 Mrd. Dollar, doch knüpft er weitere Finanzspritzen an harte Bedingungen: kein Blankoscheck, Entscheidung von Fall zu Fall und möglicherweise auch Beteiligung an den immer noch bestehenden lukrativen Unternehmen Dubais, wie allen voran „Emirates Airways“ und das größte Hafenunternehmen der Welt.

Arroganz und die total fehlende Transparenz sind eine der Hauptgründe für einen katastrophalen Vertrauensverlust, den Mohammed nun erlitt. In den glorreichen Zeiten legte er großen Wert darauf, „Dubai World“ als staatliche Institution zu präsentieren. Nun distanziert er sich voll von dem Unternehmenskonglomerat, nicht bereit, Garantien für die Schulden zu unternehmen und den Gläubigern läßt er durch seinen Finanzchef Abdulrahman al Saleh „einen Teil der Verantwortung“ zuschieben, denn sie hätten sich bei der Kreditvergabe entsprechend informieren und absichern sollen.

Ob Scheich Mohammed mit solcher Haltung das nun dringend benötigte Wohlwollen der Finanzwelt gewinnt, wenn „Dubai World“ in den nächsten Tagen zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise direkt mit den Gläubigern nach einer Lösung sucht, bleibt dahingestellt.

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Dienstag, 1. Dezember 2009

Der Retter von Dubai

Der Emir von Abu Dhabi gilt als besonnener Stratege – Die Krise des überehrgeizigen Nachbarn bedeutet für Khalifa Bin Zayed eine große Herausforderung, aber auch neue Chancen

von Birgit Cerha
An einer der belebtesten Kreuzungen im Herzen von Dubai ist das riesige Porträt von Scheich Mohammed Bin Rashids al Maktoum verschwunden. An seiner Stelle prangt nun ein Plakat, das den krisengeschüttelten Herrscher des gar nicht mehr so glitzernden Ölreiches an der Seite Khalifa Bin Zayeds al Nahyan zeigt, des Emirs von Abu Dhabi, darunter die viel sagenden Worte: „Lange lebe unsere Union der Emirate“.

Damit ist der Weg des zahlungsunfähigen Stadtstaates mit seiner grandiosen Vision von atemberaubendem Luxus ohne Grenzen vorgezeichnet. Ein anderes Foto, das dieser Tage die Runde macht, zeigt Scheich Khalifa, wie er fürsorglich die Hand auf Mohammeds Schulter legt. Es vermittelt vielen Untertanen Mohammeds das beruhigende Gefühl, dass finanzkräftige Nachbar Dubai nicht untergehen lässt. Die Zeiten der einzigartigen Extravaganzen aber sind vorüber.

Scheich Mohammeds nun zutage getretener Leichtsinn, mit dem er sein kleines Reich fast in den Bankrott trieb, stellt den 61-jährigen Nachbarn und Vetter vor die größte Herausforderung seiner langen politischen Karriere, eröffnet Scheich Khalifa zugleich aber auch eine einzigartige Chance. Sie zu nützen, bedarf es nicht nur finanzieller Macht, sondern auch großen Geschicks und Weitblicks.
Khalifa Bin Zayed ist laut „Forbes“-Magazin der zweitreichste Monarch der Welt, der nach Schätzungen für seinen Clan ein Vermögen von mindestens 600 Mrd. Euro verwaltet. Er gilt aber auch – ganz im Gegensatz zu Scheich Mohammed – als ein besonnener, kluger Stratege mit enormer Erfahrung in Politik und Wirtschaftsmanagement. Seit der Älteste von 19 Söhnen Scheich Zayeds bin Sultan, des ersten Herrschers von Abu Dhabi und Gründers der Vereinten Arabischen Emirate (VAE), 1969 im Alter von 21 zum Kronprinzen ernannt wurde, lenkt er entscheidend den Aufstieg dieses trostlosen Fleckens Wüste, dessen 850.000 Untertanen bis zur Entdeckung des Öls 1958 in bescheidenen Hütten ohne Strom und Kanalisation hausten, zu einer „Insel des Glücks“. Er hat maßgeblich zum Aufbau des Privatsektors beigetragen und damit den Grundstein für eine moderne Entwicklung Abu Dhabis gelegt. Die Kontrolle über fast ein Zehntel der Weltölreserven, und 90 Prozent der VAE-Ölschätze verschafft ihm die Finanzkraft für den Erfolg.

Seit er nach dem Tod seines Vaters 2004 voll die Macht übernahm, spielt er die Rolle des weisen Patriarchen, der zu delegieren versteht und die weitere Modernisierung des Landes seinem Halbbruder Mohammed bin Zayed überlässt. Investitionen, die Abu Dhabauch in angesehenen westlichen Unternehmen (darunter Daimler und MAN) tätigt, werden über das Netzwerk eines der größten Staatsfonds der Welt aus mehreren kunstvoll miteinander verwobenen Gesellschaften getätigt.

Scheich Khalifas starker Hang zu Harmonie und Ausgleich gibt den Bürgern Dubais die Hoffnung, dass ihr Retter Einheit und Stabilität der VAE bewahrt. Dies dürfte auch Khalifas höchste Priorität sein.

Seit Ausbruch der Krise vor einem Jahr ist Abu Dhabi immer eingesprungen, wenn Dubai in Schwierigkeiten war. 15 Mrd. Dollar hat der Vetter bereits springen lassen. Damit wurde ein Fonds eingerichtet, der etwa offene Rechnungen im Immobiliensektor zahlen soll. Doch die genaue Vorgangsweise bleibt, wie so vieles in Dubai, geheim. Transparenz zählt nicht zu den Stärken des Emirs.

Fest steht unterdessen, dass Scheich Khalifa dem bedrängten Nachbarn keinen Blankoscheck ausstellt, ein dicht geknüpftes Sicherheitsnetz über das vom Untergang bedrohte Nachbar-Emirat wirft. Denn Dubai könnte sich all zu leicht als „Fass ohne Boden“ erweisen, das selbst das steinreiche Abu Dhabi mit in die Krise reißt. Deshalb will Khalifa die Probleme sorgfältig studieren und „von Fall zu Fall“ entscheiden (so ein Vertreter des Herrschers), um den Schuldenberg von geschätzten 80 Mrd. Dollar (Minimum, manche meinen gar es könnten 120 Mrd. sein und damit mehr als das Neunfache seines Jahreseinkommens etwa von 2008) abzubauen. Dafür will man wohl auch internationale Finanzmärkte mit ins Boot holen. Dubai müsse einmal „viele Dinge klären“. Davon hänge dann auch das Ausmaß der Hilfe ab. Der Strategie Abu Dhabis liegt die Sorge zugrunde, dass die Wirtschaft der VAE unter keinen Umständen bleibenden Schaden erleidet.

Zunächst macht Abu Dhabi eine weitere Finanzspritze von der Entscheidung Scheich Mohammeds abhängig, sich von unrentablen Staatsbetrieben, wie der maroden Investment-Gesellschaft Istithmar – der dritten ihrer Art im winzigen Emirat - zu trennen und die Schuldenlast durch den Verkauf anderer Vermögenswerten zu verringern. Als eine attraktive Möglichkeit bietet sich etwa der eine oder andere von vier Häfen an, die „Dubai Ports World“ am Roten Meer unterhält und die Milliarden einbringen könnten. Gleichzeitig wird Abu Dhabi all die gigantischen Infrastruktur-Projekte des Nachbarn überprüfen und entscheiden, welche und nach welcher Priorität Finanzsspritzen erhalten sollen. Vor allem aber muss Dubai seiner hemmungslosen Ausgabenpolitik ein Ende setzen.

Schmerzliche Einschränkungen und harter ökonomischer, aber auch politischer Preis für die großzügige Nachbarschaftshilfe werden nicht ausbleiben. Scheich Khalifa hat schon länger ein Auge auf Dubais die immer noch lukrativen Unternehmen. Nun, da der Herrscher Abu Dhabis sich als einziger Finanzier anbietet, der das lange so hoch gepriesene Diversifikationsmodell eines Ölstaates zu retten vermag, bleibt Mohammed nur noch wenig Spielraum , die Unabhängigkeit zu wahren. Die erfolgreiche Fluggesellschaft „Emirates Airlines“ lockt etwa.

Eine Fusionierung mit seiner eigenen „Etihad“ könnte Khalifas, ebenso ganz grundsätzlich eine Abkehr vom sinnlosen Konkurrenzdenken zwischen den beiden rivalisierenden Emiraten, das Milliarden von Dollar verschlingt. So dürfte wohl auch das Projekt Scheich Mohammeds, in Dubai den größten Flughafen der Welt zu bauen, während das nur etwa 160 km entfernte Abu Dhabi seinen eigenen erweitert, dem Rotstift der Retter anheim fallen. Immerhin hegt Khalifa selbst den Plan, Abu Dhabi zu einer Drehscheibe der globalen Luftfahrt zu entwickeln.

Auch an anderen lukrativen Unternehmen Dubais, wie die Jebel-Ali Zollfreizone, strebt Khalifa. Ein Beteiligung an. Und vor allem hegt Abu Dhabi großes Interesse daran, einige der Finanzaktivitäten des Nachbarn zu übernehmen. In den 90er Jahren hatten beide Emirate Pläne für eine gemeinsame Börse geschmiedet. Schließlich gründete Dubai 2000 seinen eigenen „Dubai Financial Market“, zum Ärger Abu Dhabis, das auf der nahe der Küste gelegenen Insel Sowwah ein großes Finanzzentrum errichtet.

Nach den Vorstellungen Khalifas soll sich der Vetter doch lieber auf seine eigenen Fähigkeiten konzentrieren, die Verwaltung des zentralen Transit-Umschlagsplatzes der Region, des größten Hafens im gesamten Mittleren Osten und auf andere Dienstleistungen.

„Die Zentralisierung der VAE“, so meint Eckart Woertz vom „Gulf Research Center in Dubai“, „könnte der Preis sein“, den der stets so auf Selbständigkeit pochende Scheich Mohammed zu zahlen hätte. „Das könnte hier und da so manches Ego schmerzlich verletzen.“

Die Beziehungen zwischen den Nahyans und den Makhtoums sind seit langem von Eifersucht geprägt. Schon die Briten hatten lange vor der Gründung der Emirate nach der altbewährten Methode des „Teile und Herrsche“ die beiden Stämme gegeneinander beeinflusst. 1833 löste sich Dubai von Abu Dhabi und bewahrte sich dank Londons Unterstützung seine Eigenständigkeit. Nur widerwillig ließ es sich 1971 in die lose Union von sieben Emiraten, die VAE, integrieren, wobei es größten Wert auf ein hohes Maß an Selbständigkeit legte und bis 1996 gar auch eine eigene Armee unterhielt. Die politische Dominanz Abu Dhabis, das den Präsidenten stellt, bleibt Dubai bis heute ein Dorn im Auge, wiewohl es den Posten des VAE-Premiers und des Vizepräsidenten bekleidet.

Dubais aggressive entwicklungspolitische Höheflüge lösten in Abu Dhabi nicht nur seit langem Neidgefühle, sondern weitgehend auch Sorge und Unverständnis aus. Zurecht, wie sich nun herausstellt. So wuchsen die Spannungen zwischen den beiden Familien. Die Finanzkrise bietet Scheich Khalifa nun wohl eine hochwillkommene Gelegenheit, den so verantwortungslos spendierfreudigen Mohammed endlich an die Kandare zu nehmen. Dubai wird einen Teil seiner Unabhängigkeit preisgeben müssen, das Kräfteverhältnis in den VAE wird sich stark zugunsten Abu Dhabis verschieben. Der Zeitpunkt ist auch international gesehen wichtig. Scheich Khalifa will schon seit einiger Zeit die Außenpolitik der Emirate auf eine Linie bringen, um die VAE zu einer regionalpolitischen Macht aufzubauen, die Hegemonie Saudi-Arabiens zu brechen. Das eigenwillige, im Gegensatz zum puritanischen Abu Dhabi liberale Dubai hat ihm dabei bisher immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht.Diesem Ziel soll ein schon weitgehend ausgearbeitetes Kooperationsabkommen mit den USA dienen, das die VAE zur ersten arabischen Atommacht am Persischen Golf aufsteigen lässt.

Dubais Politik des Laissez-Faire, vor allem auch das liberale Verhalten gegenüber dem Iran, dem es seit langem als wichtigster Umschlagsplatz u.a. auch für allerlei Schmuggelwaren dient, sind den Amerikanern ein Dorn im Auge, insbesondere da sie eine Verschärfung der internationalen Sanktionen gegen die „Islamische Politik“ anstreben. So meint auch der britische Historiker und Golfexperte Christopher Davidson: „Weder Abu Dhabi, noch Wasington können eine Fortsetzung dieser Rolle Dubais und seiner Autonomie in der Föderation zulassen.“ Die Politik Scheich Mohammeds stelle „eine schwere Belastung für die Sicherheit“ und Stabilität der VAE dar.

Ungeachtet dieser geostrategischen Ziele, wird Khalifa, der Mann des Ausgleichs, wohl dafür sorgen, dass sich Dubai nicht all zu sehr in die Enge getrieben fühlt und damit die Stabilität der VAE insgesamt gefährden könnte.


Erschienen am 03.12.2009 im "Rheinischer Merkur"
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Donnerstag, 8. Oktober 2009

Birgit Cerha: Kulturelle Morgenröte über dem Golf

Ein Bildungsboom soll die Basis für eine fruchtbare Zukunft ohne Öl schaffen – Doch traditionalistische Kräfte bremsen den Aufbruch

Einst, vor gar nicht so langer Zeit, als das „schwarze Gold“ noch unberührt unter den Wüstenböden schlummerte und die Beduinen der Arabischen Wüste ein hartes Dasein fristeten, da hockten die Menschen im rötlichen Schein der untergehenden Sonne beisammen und frönten ihrer Liebe zu Reimen und Versen. Unterdessen hat der Ölsegen, haben die riesigen Beton- und Stahlbauten, die auf breiten Autobahnen dahinbrausenden Luxuslimousinen, hat ein ungehemmter Konsumrausch diese alte Tradition erstickt. Die Liebe zur Poesie aber schlummert weiter in den Herzen der Menschen Aufgeklärte Herrscher versuchen sie heute zu neuem Leben zu erwecken.

Ein Bildungsboom ohne gleichen hat die arabische Golfregion erfasst. Inmitten des Überflusses haben die Ölscheichs Wissen und Kultur entdeckt und setzen in diese hohen Werte all ihre Hoffnungen auf ein fruchtbares Dasein in einer mancherorts schon all zu bald anbrechenden Zukunft ohne Öl, in einer von Jugend dominierten Welt, in der bis zu 60 Prozent der heimischen Bevölkerung unter 21 Jahre alt ist. So springen in fast allen Hauptstädten am Persischen Golf einzigartige Kultur- und Bildungszentren aus dem Boden. Nach dem Guggenheim-Museum und dem Louvre ziehen auch deutsche Museen in die Ölreiche. Gegenseitig konkurrenzieren sich die Herrscher mit Festivals aller Art, von Theater, über klassische Musik, Film bis zur Poesie. Oman baut für sein vor einigen Jahren gegründetes Orchester ein Opernhaus, Katar eröffnete ein elegantes Museum für islamische Kunst und Bahrain hofft durch die Errichtung eines Theaterkomplexes von Weltklassenniveau von der UNESCO 2011 zur „Arabischen Kulturhauptstadt“ gekrönt zu werden.

Die Ölmonarchen nahmen sich einen alarmierenden Bericht internationaler Institutionen, wie der Weltbank zu Herzen, der einen Besorgnis erregenden Bildungsabfall, eine Analphabetenrate feststellte, die weit über jener Asiens und Lateinamerikas liege. Die Bildungssysteme auch in den reichen Golfstaaten brächten keine Absolventen hervor, die den Bedürfnissen des Marktes gerecht würden. Auch arabische Wissenschafter, wie der prominente Jordanier Raja Kamal, ziehen energisch gegen die Lehrmethoden und den niedrigen Standard von Schulen und Universitäten selbst in den ölreichen arabischen Ländern zu Felde. Vor allem: „Die überwältigende Mehrheit der Universitäten lehren ihre Studenten was sie und nicht wie sie lernen sollen.“

Doch hoffnungsvoller Wandel hat eingesetzt. In nur fünf Jahren haben die Golfstaaten 22 Mrd. Dollar springen lassen, um Forschungs- und Bildungsinstitutionen höchsten internationalen Standards, insbesondere in den Bereichen der Technik, Energie, Umwelt, Medizin und Wirtschaft, in ihre lange so steril wirkenden glitzernde Reiche zu locken. Mehr als 15 private Universitäten öffneten seither ihre Tore und viele mehr sind geplant. Dubai protzt mit einem eigenen „Knowledge Village“. Hoch angesehene amerikanische, britische, französische und deutsche Universitäten richten hier ihre Dependancen ein und Katar will gar seine „Education City“ zu einer Bildungsdrehscheibe für die gesamte islamische Welt hochziehen. Höchsten Wert legt man dabei auf die für die Region bisher unbekannte Lernkultur: Förderung der Kreativität und selbständiges Arbeiten anstelle von Auswendiglernen.

Selbst das in diesem Wettlauf nachhinkende Saudi-Arabien ließ eben durch die Eröffnung der „King Abdullah University of Science and Technology“ aufhorchen, die als Elite-Forschungs-Institution in enger Partnerschaft mit ausländischen Lehranstalten konzipiert ist.

Doch sind diese hohen Ziele von „internationalen Drehscheiben des Wissens“ bis zum Aufbau einer „wissensbasierten“ heimischen Gesellschaft nichts als eine „Fatamorgana“, wie manche Skeptiker meinen? Noch ist ein nachhaltiger Erfolg keineswegs garantiert. Ein genauerer Blick auf die Fülle von kulturellen und bildungspolitischen Initiativen aufgeklärter Herrscher am Golf weckt Hoffnungen, läßt aber auch ein fatales Verharren in festgefahrenen Strukturen erkennen, die den so ehrgeizig gesetzten Entwicklungszielen, dem Wunsch nach einer Umkehr des verhängnisvollen „Brain Drain“ bedrohlich im Wege stehen.

Der Ausgang einer heftig tobenden politischen und intellektuellen Debatte über den Zwang zur „Modernisierung kontra Authentizität“ einer in uralten Stammesstrukturen verwurzelten Kultur und Tradition ist immer noch höchst ungewiss. Dieser Konflikt nimmt häufig bizarre Formen an und steigert mancherorts, insbesondere in Saudi-Arabien oder Kuwait, die Frustrationen der jungen Generation.

Einige Beispiele mögen das Ausmaß der Problematik illustrieren. In Saudi-Arabien erregt die von staatlichen Medien als „Sprung in die Zukunft“ gefeierte King Abdullah University Aufsehen, weil sie als erste Institution des Königreiches Koedukation der Geschlechter zulässt. Darauf – und nicht auf die entscheidenden wissenschaftlichen und intellektuellen Aspekte – konzentriert sich die Diskussion. So manche Vertreter der mächtigen islamisch-wahabitischen Gelehrten fordern die Einsetzung eines „religiösen Komitees, das die Vereinbarkeit der Lehrpläne mit der Scharia (dem islamischen Recht) überprüft. „Vermischung der Geschlechter ist eine große Sünde und von großem Übel“, wettert etwa Scheich Saad al Shethi und junge Intellektuelle befürchten, auch diese jüngste Initiative des Königs könnte, wie zahlreiche andere Reformen und Modernisierungsversuche kläglich im Sand verlaufen. Denn, „das freie Denken existiert hier nicht und Widerspruch gegen den königlichen Willen ist tabu“, analysiert Ahmed al-Omran, Student an der Universität von Riad, in seiner Website „Saudi Jeans“. Shetis Forderung sei ebenso beklagenswert, wie die Tatsache, dass er unmittelbar danach per königlichem Dekret aus dem Rat führender Geistlicher geworfen und damit zum Schweigen gebracht wurde.

Zwar setzen sich saudische Schriftsteller und Intellektuelle mit größerem Mut für eine stärkere Förderung der Kultur und Wissenschaft ein. Die vor einigen Jahren vom Kulturministerium in zwölf Städten des Königreiches gegründeten Literaturclubs weckten zunächst große Hoffnung auf einer Neubelebung und Verjüngung der Literaturszene. Doch die Ultras und ihre geistlichen Hintermänner gewannen die Oberhand, verbannten Frauen aus Führungskreisen, ja der Präsident eines dieser Clubs erhielt gar Todesdrohungen, weil er eine prominente saudische Poetin zu einem Vorlesungsabend eingeladen hatte. Der Geist der Ultras, die sich von der Kultur der Welt abschirmen, bestimmt den Ton und kreative Frauen, viele begabte junge Saudis haben sich längst von den Clubs abgewandt. „Schreibt euren eigenen Blog“, um mit Hilfe des Internets die öffentliche Meinung zu beeinflussen, lautet die Empfehlung einer saudischen Dichterin.

Ähnliche Schicksale erleiden Organisationen der Zivilgesellschaft, die in den vergangenen Jahren in allen Golfstaaten aus dem Boden sprangen. Unabhängigkeit dieser Institutionen wird von den Regimes nicht geduldet und politisches Ziel noch weniger. Ohnedies wird die große Mehrheit dieser Gruppen von Mitgliedern der führenden Elite entweder direkt gegründet oder schließlich unter deren Einfluß gezwungen, in Saudi-Arabien ebenso, wie im liberaleren Dubai, Abu Dhabi oder Katar. Politischer Dissens, Kritik an den autokratischen Herrschern wird bis heute am Golf nicht geduldet. Menschenrechtsaktivisten gelten als „Sicherheitsrisiko“. Trotz der scheinbar liberalen Bildungsatmosphäre werden Publikationen streng zensuriert. Selbst in Dubai müssen alle Lehrbücher auf die Moralvorstellungen dieses islamischen Landes, in dem die Einheimischen nicht einmal ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen, zu überprüfen. Jedes importierte Medium wird streng auf eventuelle Verstöße gegen Moral und Wertvorstellungen kontrolliert. In Kuwait werden etwa 50 Prozent der importierten Filme verboten, Saudi-Arabien erlaubt überhaupt keine Kinos.

Die Jugend ist verwirrt, gefangen in tiefgreifenden Widersprüchen zwischen einer Politik, die sie vielfach ablehnen, einem traditionalistischen, religiösen Establishment auf der einen Seite und all dem über Internet und Satellitenfernsehen, sowie den regen Kontakt mit der Außenwelt auf sie eindringenden Wissen.

Doch insbesondere an Orten wie Katar, Bahrain oder den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ist die Hoffnung auch unter der wissenshungrigen Jugend auf einen nicht mehr zu stoppenden kulturellen Aufbruch nicht verflogen. Kleine Fortschritte lassen sich immerhin erkennen. Die Position der Frauen ist dafür ein Indikator. Selbst der bis heute stark anhaltende gesellschaftliche Widerstand gegen öffentliches, insbesondere politisches Engagement von Frauen konnte nicht verhindern, dass Mädchen voll in den Bildungsprozess integriert sind und teilweise sogar mehr als 70 Prozent der Universitätsstudenten stellen. In den VAE bekleiden Frauen sogar 66 Prozent der Regierungsstellen, 30 Prozent davon mit Entscheidungsgewalt. In den Emiraten gibt es heute bereits mehr als 10.000 Unternehmerinnen, die Investitionen in Höhe von über vier Mrd. Dollar jonglieren. Eine eigene Firma zu gründen, gilt für junge Akademikerinnen als besonders attraktiv, weil sie sich damit auch in der Gesellschaft emanzipieren. Schon sind unabhängige Ökonomen davon überzeugt, dass Frauen die wirtschaftlichen Führungskräfte der Zukunft stellen werden.

Ein Licht am restriktiven Meinungshorizont des Persischen Golfes bilden die vom britischen BBC geleiteten „Doha Debates“, eine Lieblingsinitiative der hochengagierten zweiten Frau des Emirs von Katar, Mozah Bint Nassser als Missned. Achtmal im Jahr diskutieren hier Experten mit 350 geladenen Studenten, überwiegend aus den Golfstaaten, über kontroverse Themen, frei von Zensur. Häufig werden hier auch radikale Ansichten präsentiert. „Die Diskussionen“, so spricht eine Studentin weitverbreitete Gefühle aus, habe sie Dinge größter Bedeutung gelehrt. „Ich habe gelernt, nicht rasch zu urteilen, sondern mit Reife und Logik zu reflektieren, nicht rasch Ansichten zu akzeptieren, sondern nach Beweisen zu fragen.“ Die Doha-Debates, das einzige Diskussionsforum dieser Art im gesamten Mittleren Osten, spielen eine entscheidende Rolle in dem Bemühen, Konflikte nicht mit Gewalt, sondern durch die Macht des Wortes zu lösen.

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Mittwoch, 12. August 2009

Birgit Cerha: Öl und Gas vergehen, doch das Wissen bleibt

Mit einer Jahrhundertstrategie will Katars Herrscherpaar das winzige Gasreich zu einem Modellstaat für die gesamte Region entwickeln

„Wenn eines Tages Öl und Gas in unserem Boden erschöpft sind, werden wir nicht wieder auf unsere Kamele steigen“, scherzte Emir Hamad bin Khalifa jüngst bei einem Besuch in den USA. Deshalb hat der 57-jährige Herrscher Katars eine Jahrhundertstrategie entworfen, die den Ministaat im Persischen Golf zu einem Modell erheben soll für die gesamte Region. Die Ansätze sind viel versprechend. Um sie weiter auszubauen haben sich der Emir und sein engstes Beraterteam auf die Suche nach lukrativen Industriebeteiligungen begeben, in die sie wenigstens einen Teil ihres überschüssigen Kapitals aus den Öl- und Gasexporterträgen fließen lassen können. Angesehene Marken, Zukunfts- und Umwelttechnologie und Know-how genießen bei den Einkäufen höchste Priorität. Eine Milliardeninvestition bei Porsche soll nun einen Höhepunkt dieser ehrgeizigen Vorsorge für die Zukunft bilden.

Emir Hamad liebt Porsche, und das tut auch seine schöne Frau Mozah Bint Nasser al Missned. In ihrem stattlicher Familien-Fuhrpark stehen gleich mehrere Exemplare der schwäbischen Sportwagen. Die Scheichin, so wissen Eingeweihte, soll treibende Kraft des Einstiegs in diesen prestigeträchtigen Autoproduzenten sein, den Katar von einem Teil der offiziell etwa zehn Mrd. Euro Schulden befreien und damit zu einem Großaktionär aufsteigen will.
Wiewohl ausgebildet an der britischen Militärakademie Sandhurst, entwickelte sich der Herrscher dieses kleinen, erzkonservativen Reiches weit mehr zum Diplomaten und Unternehmer, denn zu einem Militär. Und er ist ein begeisterter Sportfan, der der mit großem persönlichen Einsatz die Leichtathletik in seinem Reich aufbaute und förderte, so dass einer der heimischen Sportler gar eine olympische Medaille errang.

Gemeinsam mit seiner „First Lady“ hat Hamad Katar auf die politische und ökonomische Landkarte gesetzt. Das Emirat und Hamed, so scheint es, mischen heute überall mit und Mussa gilt als die wichtigste treibende Kraft – und dies gar nicht nur im Hintergrund. Ganz offiziell ist ist die heute 50-Jährige seine wichtigste Beraterin. „Ihre Hoheit ist das Beste, was Katar je geschah“, umreißt ein junger Student eine im Emirat weit verbreitete Überzeugung. „Sie inspiriert uns total. Seit sie (an der Seite ihres Manne) an die Macht kam, hat sich Katar um hundert Prozent gewandelt“. Die Scheichin pflegt solches Lob bescheiden abzuwehren. Vielmehr sei es der Emir, der sie inspiriere. „Ich lebe an seiner Seite und kenne seine Sorgen, seine Hoffnungen und seine Träume für sein Volk.“ Und gemeinsam seien sie überzeugt, dass man die Zukunft nach einem Plan entschieden gestalten müsse und nichts dem Zufall überlassen dürfe. Und dies tut das Herrscherpaar tatsächlich gemeinsam.

Sie war erst 18, als die bildhübsche Tochter des bürgerlichen Nasser Abdullah Al-Missned und Soziologiestudentin 1977 die Aufmerksamkeit des damaligen Kronprinzen auf sich zog. Hamad ließ sie nicht mehr gehen. Er nahm sie zu seiner zweiten Frau und eine dritte folgte ihr. Doch Mussa ist seine Liebste. Sie schenkte ihm sieben seiner 27 Kinder. Sie unterstützte ihn in der turbulenten Zeit, als er 1995 seinen gerade in der Schweiz weilenden Vater stürzte, weil dieser Katars Entwicklung dramatisch gehemmt hatte. Seither hat das königliche Paar gemeinsam die Wirtschaft und Politik des Landes modernisiert und den Weg in eine prosperierende Zukunft geöffnet.

In der Region zählt Hamed, trotz der Winzigkeit seines Reiches heute zu den führenden Herrschern. Er pflegt gute Beziehungen zum Iran wie zu Israel, beherbergt das Hauptquartier der US-Truppen im Mittleren Osten, spielt den Gastgeber für unzählige politische Konferenzen, die Welthandelsrunde, die Arabische Liga, den Golfkooperationsrat, die Opec, engagiert sich als Vermittler in regionalen Konflikten, sei es zwischen den Palästinensern der Hamas und Fatah oder den zerstrittenen Libanesen. Sein politisches Engagement treibt manchmal allerdings auch seltsame Blüten. So veranstaltete Katar im März 2003 eine Sitzung der Islamischen Konferenz-Organisation, die die US-Invasion des Iraks gerade zu dem Zeitpunkt verhindern sollte, als vom US-Militärstützpunkt in Katar die ersten Kampfflugzeuge Richtung Norden aufstiegen. Dem Emir liegt enorm viel an guten Beziehungen zu den USA, und um diese zu stärken lädt er häufig israelische Führer nach Katar ein.

Die kluge, weltoffene Mozah stürzte zunächst die erzkonservativen Kataren in einen Schock, als sie erstmals unverschleiert in der Öffentlichkeit eine Rede hielt. Doch bald gewöhnten sich die Bürger an die für die Region so ungewöhnlichen öffentlichen Auftritte der schönen First Lady an der Seite ihres Mannes. Doch dies war erst der Anfang. Unterdessen engagiert sie sich in vielen Bereichen des Landes, von öffentlichem Transport für ausländische Arbeitskräfte, über die ersten Frauenhäuser, Gotteshäuser für Nicht-Muslime und viele soziale Fragen. Das Hauptinteresse dieser hart arbeitenden, energischen und zielbewussten Scheichin, die heute auf der Forbes-Liste der mächtigsten Frauen der Welt den 79. Platz einnimmt, aber gilt der politischen Reform und Entwicklung in ihrem Land und insbesondere dem Bildungswesen. Auf ihren Einsatz geht die Einführung des Frauenwahlrechts zurück, eine Seltenheit in den erzkonservativen Golfstaaten. Sie leitet die „Qatar Foundation“, die das kleine Land zu einem Hochschul- und Forschungszentrum machen will und bereits sechs amerikanische Spitzenuniversitäten auf einem Campus nahe der Hauptstadt Doha angezogen hat. Die von internationalen Stararchitekten hochgezogenen Universitätsgebäude, in die Katar im vergangenen Jahrzehnt rund eine Milliarde Dollar investiert hatte, lassen die unter dem Spardruck leidenden europäischen Akademiker vor Neid erblassen. „Öl und Gas“, so Mozahs Wahlspruch, „werden irgendwann zu Ende gehen. Das Wissen bleibt.“ Qatar soll sich vom Energielieferanten zum Bildungsstandort für die gesamte Region wandeln.

Solche Vision freilich quälen erzkonservative Islamisten-Führer in der Region gleich den schlimmsten Alpträumen. Nicht nur sitzen US-Militärs auf Stützpunkten in Katar, sie dringen auch in die Klassenräume der islamischen Heimatländer ein.

„Keine Angst vor Freiheit“, lautet das Motto der Scheichin, das benachbarten erzkonservativen Herrschern das Gruseln über den Rücken jagt. Bildung der Bürger sei die wichtigste Waffe gegen Extremismus und Terrorismus, betont Mozah immer wieder. Und sie tut viel, um das kritische Denken ihrer Bürger zu fördern. So gründete sie etwa nach dem Vorbild der politischen Debatten der britischen „Oxford Union“ die „Doha Debates“, zu denen allmonatlich vor allem junge Kataren und interessierte Bürger aus der ganzen Region geladen werden. Bei den von BBC geleitete Diskussionen ist kein Thema Tabu. „Wir glauben“, erklärt Mozah, „durch die Ermutigung des kritischen Denkens und Förderung von Wissen schaffen wir vielseitige Menschen und werden damit die Gesellschaft Katars aufbauen und entwickeln können.“

Durch eine kluge Investitionspolitik will das Herrscherpaar seinem kleinen Völkchen eine würdevolle Zukunft in Wohlstand sichern. Und diesem Ziel soll auch die Beteiligung bei Porsche dienen.


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Zwergstaat mit gigantischem Reichtum

Halb so groß wie Hessen, wurde Katar einst als der „langweiligste Flecken der Erde“ verspottet. Wiewohl schon zur Steinzeit besiedelt, ist diese schmale ovale Halbinsel heute eines der trockensten Gebiete der Welt, unfruchtbar, verödet, noch unwirtlicher als die anderen arabischen Wüstenstaaten. Salzsümpfe und Wüstenstreifen trennen Katar von der Arabischen Halbinsel. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts lebten die weitgehend ungebildeten Bewohner primär vom Perlenhandel und hausten in ärmlichen Lehmhütten. Heute gelten die etwa 150.000 Kataren dank des Öl- und vor allem des Gasreichtums mit einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 100.000 Euro als die reichsten Bürger des Planten.

Bis heute ist Katar noch in hohem Maße auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, die etwa vier Fünfte der Gesamtbewohner von geschätzten 1,6 Millionen Menschen ausmachen. Und das Bevölkerungswachstum liegt wegen des zunehmenden Bedarfs an Arbeitskräften bei etwa zwölf Prozent. Im Gegensatz zu seinem Vater, der das Staatsvermögen in stattlichen Mengen in die Schweiz transferierte, bemüht sich Emir Hamed bin Khalifa um eine halbwegs gerechte Verteiligung der materiellen Schätze des Landes. Bildung ist für die Bürger kostenlos und nirgends sonst wo auf der Welt ist dank staatlicher Subventionen die Sportwagendichte so große wie in Katar.


Wirtschaftsboom trotz weltweiter Krise


Während die Ölschätze bald zur Neige gehen, verfügt Katar nach Russland und dem Iran über die drittgrößten Erdgasvorkommen der Welt. 14,4 Prozent aller bekannten Gasvorkommen liegen unter seinem Boden. 2005 hat der Emir, der seit seiner Machtübernahme energisch die Gasförderung betreibt, den Staatsfonds „QIA“ (Qatar Investment Authority) gegründet. Er verfügt über einen geschätzten Kapitalstock von 60 Mrd. Dollar und jedes Jahr stehen aus diesem Fonds weitere 20 Mrd. zur Verfügung. Seit Beginn der Finanzkrise erwarb QIA, der sich mit einem Schleier des Geheimnisses umhüllt, etwa 16 Prozent an der britischen Barclays-Bank und zehn Prozent an Credit Suisse. Hamades lukrativstes heimisches Projekt ist Ras Laffan, eine Flüssiggasanlage, die nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds 77 Mio. T. pro Jahr produzieren und Katar damit über fünf Jahre Exporteinkommen von etwa 292 Mrd. Dollar sichern soll. Gemeinsam mit einem neuen Petro-Chemieprojekt soll damit das Bruttoinlandsprodukt bis 2010 um durchschnittlich real etwa 17 Prozent steigen, wohl ein Weltrekord. Deshalb auch hält die Regierung unverändert an ehrgeizigen Bau- und Infrastrukturvorhaben fest.



Reform-Modell


Emir Hamed bin Khalifa und seine „First Lady“ Mozah gelten heute als die reformfreudigsten Führer der arabischen Welt, bemüht, den traditionellen Konservativismus ihres Volkes mit der Vision eines technologisch modernen Staates mit kultureller Vielfalt zu vereinen. Katar beherbergt heute die freiesten Medien der arabischen Welt. Der Satellitensender Al Jezira wird vom Emir weitgehend finanziert, versagt sich allerdings auffällig Kritik am Herrscherhaus. Mit dem Ziel, sich schließlich der ganzen Region als Modell-Staat mit liberalen Zügen zu präsentieren erhielt Katar 2003 seine erste Verfassung, die die Demokratisierung des Golfstaates einleitete. Sie machte den Weg frei für die ersten Parlamentswahlen, bei denen Frauen und Männer gleichermaßen wählen und gewählt werden durften. Frauen bekleiden heute Regierungsämter, sie dürfen anders als im benachbarten Saudi-Arabien Autos chauffieren, auf den Küsten Bikinis tragen und müssen sich insgesamt keinen Kleidervorschriften unterwerfen. In Hotels wird Alkohol serviert und 2008 wurde die erste christliche Kirche eröffnet. Während das Herrscherpaar zwar grundsätzlich Meinungsfreiheit und den Aufbau einer Zivilgesellschaft fördert, ist der Emir laut Verfassung absoluter Herrscher, der Katar wie sein eigenes familiäres Lehenswesen reigert.

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