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Montag, 17. Mai 2010

ÄGYPTEN: „Leben oder Tod“ am Nil

von Birgit Cerha


Der Grieche Herodot beschrieb Ägypten als „Geschenk des Nils“. Tatsächlich bezieht das volkreichste arabische Land 95 Prozent seines Wasserbedarfs aus diesem mit 6.670 km längsten Fluß der Welt. Wiewohl der Nil durch zehn Staates fließt erheben die Nachkommen der Pharaonen bis heute einen einzigartigen Anspruch auf diese Quellen des Lebens, die eine der größten Zivilisationen des Globus hervorgebracht hatten. So ist in Kairo viel von „historischen Rechten“ die Rede, wenn sich politische Kreise und Medien über die anderen Flussanrainer empören, die sich nun sogar so weit vorwagen, eine „Nilfluß-Krise“ zu provozieren, wettern ägyptische Tageszeitungen. Auf keinen Tropfen dieses Lebenselexiers werde Ägypten verzichten. Die „nationale Sicherheit“ stehe auf dem Spiel. Dieser Tenor der Kommentare über ein Abkommen, das vier der Anrainer-Staaten – Tansania, Uganda, Rwanda und Äthiopien - zur Neuverteilung des Nilwassers im ugandischen Entebbe am 14. Mai unterzeichnet hatten, illustriert deutlich Kairos Entschlossenheit, unter allen Umständen seine fast totalen Ansprüche auf diesen Fluß nicht aufzugeben, gleichgültig, wie berechtigt das Verlangen der Nachbarn am Oberlauf des Nils auch sein mag. Manche Politiker zeigen sich gar militant, wenn es um die Frage der Bedürfnisse ihrer Bevölkerung geht. So meint ein Parlamentsabgeordneter, „wir würden sogar einen Krieg (um den Nil) begrüßen, wenn er uns aufgezwungen wird“.

Es ist keineswegs das erste Mal, dass in Ägypten in der Frage des Nils kriegerische Töne laut werden. Hatte Präsident Nasser einst durch seine antikolonialistische Charmeoffensive in Afrika enge Freunde und viel Solidarität gewonnen, so setzte sein Nachfolger Sadat mehr auf Einschüchterung und Ägyptens dominierende Militärmacht. Diese Zeiten freilich sind längst vorbei. Mehr und mehr verliert Ägypten in Afrika, ja sogar in der arabischen Welt an Führungskraft, ein Faktum, das – so sehen es zumindest kritische Stimmen in Kairo – wohl die Nilanrainer nach mehr als zehn Jahren fruchtloser Verhandlungen zum Alleingang ermutigt hatte. Eine Kommission soll eingesetzt werden, die das Wasser neu aufteilt. „Wir versuchen dabei“, so beschwichtigt ein Regierungssprecher in Addis Abeba, „Ägyptens Interessen nicht zu verletzen“.

Offiziell versucht Kairo das Entebbe-Abkommen, das ein Jahr lang zur Unterschrift für die anderen betroffenen Staaten, insbesondere Ägypten, ausliegen soll, herunterzuspielen, Man erkenne es nicht an, es besitze überhaupt keine Bedeutung, sei durch internationales Recht nicht abgesichert. Zugleich erwägen Ägyptens und Sudans Führer, Mubarak und Bashir, die Bildung einer „Hohen Präsidentenkommission“, die die Konflikte mit den anderen Nilstaaten regeln und über gemeinsame Projekte entscheiden soll.

Der Konflikt hat seinen Ursprung in einem zwischen Ägypten und Großbritannien, der damaligen Kolonialmacht der anderen Anrainer, 1929 abgeschlossenen Vertrag, der Kairo das Vetorecht gegen all jene Bauvorhaben am Oberen Nil einräumt, die den ihm zustehenden Wasseranteil schmälern könnten. Sudan, sobald in die Unabhängigkeit entlassen, forderte Nachverhandlungen, die 1959 zum Abschluss eines bilateralen Abkommens führten, in dem Kairo das Recht erhält, 55,5 Mrd. qm Wasser aus dem Nil abzuleiten und der Sudan 18,5 Mrd, insgesamt mehr als 90 Prozent der Gesamtmenge.

Die anderen Nilstaaten – Äthiopien, Burundi, Kongo, Eritrea, Kenia, Rwanda, Tansania und Uganda – empfinden diese koloniale Regelung – insbesondere das Vetorecht, das alle Bewässerungs- und Energieprojekte in ihren Staaten blockiert - seit langem als zutiefst ungerecht und argumentieren heute zudem, dass auch die veränderten klimatischen und demographischen Verhältnisse in ihren Ländern eine Neuregelung dringend erforderten.

Was Ägypten besonders empört ist jeder in dem neuen Vertragswerk fehlende Hinweis auf seine im Kolonialvertrag von 1929 verbrieften „historischen Rechte“. Ägypten und Sudan, so betont man in Kairo, sind die einzigen Wüstenstaaten am Nil, alle anderen könnten auf reiche Regenfälle zählen, ein Argument allerdings, dass angesichts der Klimaerwärmung längst nicht mehr zutrifft, insbesondere nicht in dem immer wieder von katastrophalen Dürren heimgesuchten Äthiopien. Dort liegen in Dürreperioden die Felder brach, während daneben der Blaue Nil, der insgesamt 85 Prozent des durch Ägypten fließendes Wassers liefert, fast unberührt dahinströmt. Äthiopien darf nur ein Prozent seines Wasserbedarfs vom Nil abzweigen, Kenia zwei, Tansania drei, Kongo ein und Burundi fünf.

Während Ägypten die totale Abhängigkeit vom Nil für die Landwirtschaft betont, die etwa 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Beschäftigung bietet, verweisen unabhängige Experten auf die äußerst mangelhafte Wasserstrategie Kairos, auf die sehr wasseraufwendigen Projekte in der Wüste, wie etwa im Sinai, wo die sich auf Tausende ha erstreckende größte Biofarm Afrikas nicht hungrige Ägypter, sondern europäische Supermärkte mit Obst und Gemüse versorgt. Äthiopien werde gleichzeitig „das Recht verweigert, sich selbst zu ernähren“, klagt Ministerpräsident Meles Zenawi verärgert und will sich von Kairo nicht länger einschüchtern lassen. „Ich glaube, es ist ein offenes Geheimnis, dass Ägypten über Truppen verfügt, die für den Dschungelkrieg spezialisiert sind.“ Da es fast nur Wüste in Ägypten gäbe, „werden sie wohl für Kämpfe in den Dschungels Ostafrikas trainiert“. Doch ein solcher Krieg, so Zenawi, sei chancenlos. „Wenn Ägypten uns von der Nutzung des Nils abhalten will, dann müsste es Äthiopien besetzen und keinem Land der Welt ist dies bisher gelungen.“

In Ägypten fließen heute acht von zehn Liter Nilwasser in die Landwirtschaft. Zwar hat man mit Bemühungen begonnen, den Wasserbedarf zu reduzieren, wie etwa die weitgehende Einstellung des Reis- und Verringerung des Maisanbaus. Doch, so klagt Asit Biswas, Direktor des „Third World Centre for Water Management“, das Regime „blickt leider in sehr traditionalistischer Weise in die Zukunft.“ Bis heute hat man keine Alternativquellen für den Nil erschlossen, wie etwa Meerwasser-Entsalzungsanlagen, die sich insbesondere entlang der Rote-Meer-Küste als ökonomisch und nachhaltig erweisen würden, da man sich den langen Transportweg vom Nil in diese Region ersparen würde. Auch wurde bisher nicht mit der systematischen Anwendung neuer Technologien und dem Anbau neuer wassersparender Getreide- und Reissorten begonnen. Auch fehlen drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Wasserverschwendung. Mehr als 40 Prozent des Haushaltswassers wird in Ägypten vergeudet.

Aber, so kritisieren Experten, auch in den anderen Nilanrainerstaaten bedarf es effizienteren Wassermanagements. Im Schnitt nämlich gingen dort an die 30 Prozent der Regenfälle für die Landwirtschaft verloren.

Experten halten die Krise für „sehr ernst“. Vorerst setzt Kairo aber auf seine guten Beziehungen zur westlichen Welt, auf die Strategie der Weltbank und anderer internationaler Finanzinstitutionen, die keine Projekte in den Nil-Anrainerstaaten finanzieren wollen, wenn Ägypten nicht zustimmt. Doch schon zeigen sich Israel und China bereit, Energie- und Bewässerungs-Projekte am Oberlauf des Nils durchzuführen. Die Spannungen könnten sich auch noch weiter verschärfen, wenn der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärt und eigene Ansprüche auf den Lebensquell Nil stellt.

Ägypten hat keine Wahl, als eine Ära der Verständigung und Partnerschaft mit den anderen Nilländern einzuläuten zum gemeinsamen Vorteil aller, bevor der Streit um den längsten Fluß der Erde außer Kontrolle gerät.

Bildquelle: http://media-cdn.tripadvisor.com/media/photo-s/01/03/f1/44/nile-shore-in-aswan.jpg

Siehe auch LEXIKON "Konfliktzone Nil"

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LEXIKON: KONFLIKTZONE NIL

Der Nil ist mit 6.670 km der längste Fluß der Welt. Er zieht sich durch zehn Staaten: Äthiopien, wo drei der vier Haupt-Zuflüsse (der Blaue Nil, Sobat und Atbara) entspringen), Burundi, Kongo, Eritrea, Kenia, Rwanda, Tansania, Uganda, Sudan und Ägypten. In Verträgen mit der britischen Kolonialmacht von 1929 und anschließend mit dem unabhängigen Sudan sicherten sich Kairo und Khartum die Nutzung von mehr als 90 Prozent des Wassers, „historische Rechte“, die sie entschlossen sind, nicht aufzugeben. Ägypten und der Sudan sind die einzigen Wüstenstaaten am Nil. Doch auch in den anderen Ländern wächst mit der zunehmenden Klimaveränderung und dem rasanten Bevölkerungswachstum der Durst.
Zwar hat sich Ägyptens Bevölkerung seit den 1960er Jahren auf über 81 Millionen mehr als verdoppelt. Doch auch Äthiopien weist eine der höchsten Wachstumsraten der Welt auf – bis heute und wird schon in fünf Jahren Ägypten übertroffen haben. Laut UN-Statistik dürften bis 2025 in Äthiopien 113 Millionen Menschen leben, im Kongo 110 Millionen, in Ägypten 99 Millionen.

Zwischen 1997 und 2000 stieg der Wasserverbrauch in Ägypten nach offiziellen Angaben von 64 Mrd. auf 72 Mrd. m3 und wird nach Berechnungen in 17 Jahren 86 Mrd. erreichen, Die eigenen Ressourcen aber reichen nur für etwas mehr als 70 Mrd.

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Sonntag, 18. Oktober 2009

Birgit Cerha: „Das ist Todes-Niveau“


Eine alarmierende Wasserkrise vertreibt Hunderttausende Menschen in Syrien, Irak und anderen Länder des Mittleren Ostens und verschärft politische Konflikte


Zweieinhalb tausend Jahre schöpften die Norias das Leben spendende Nass aus dem Orontes, abwechselnd von tiefem Knarren und hohem Singen begleitet. Diese einst von den Römern installierten hölzernen Schaufelräder zählen zu den Hauptattraktionen der syrischen Stadt Hama, deren Bewohner sie seit Generationen das Trinkwasser lieferten. In jüngster Zeit versorgten die „Singenden Wasserräder“ vor allem die lange so üppigen Felder der Region. Heute aber reicht die Strömungsenergie des Flusses kaum noch, um die riesigen Holzräder von bis zu 20 Meter Durchmesser in Bewegung zu setzen. Algen und allerlei Unrat schwimmen auf der Oberfläche des alarmierend träge dahin fließenden Stroms und haben längst die reichen Fischschwärme verdrängt. Dieses Wasser „hat die Qualität unserer Feldfrüchte dramatisch verschlechtert. Sie bringen kaum noch genug Ertrag, um die Familie zu ernähren“, klagt ein 80-jähriger Bauer.

In Damaskus und anderen syrischen Städten sammeln sich die Menschen zum Gebet um Regen. Syrien, Irak, Jordanien, Teile der Türkei und der Libanon erleiden nun das zweite Jahr die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. In Syrien ist der von Kurden bewohnte Nordosten besonders hart betroffen. In der Provinz Hasaka schleppen sich bis zu Skeletten abgemagerte Schafe und Ziegen über die ausgedörrten Felder. Aus Flussbetten und Kanälen steigt der Staub auf. In Dutzenden Dörfern ist das Leben erloschen. Das wichtigste Wasserreservoir der Region ist auf vier Prozent seiner ursprünglichen Größe zusammengeschrumpft. „Das ist Todesniveau“, klagt Samir Mora, Hauptverantwortlicher für die Wasserversorgung der Provinz Hasaka. „Es ist eine Katastrophe“. Und den Gouverneur von Hasaka, Motha Najib Salloum, alarmiert die sich rasant ausbreitende Armut. „Kinder kommen nicht mehr zur Schule“ und wer kann, suche anderswo eine Bleibe. Das Kinderhilfswerk UNICEF versucht – bisher vergeblich – die internationale Gemeinschaft aufzurütteln: Unterernährung in der Region habe besorgniserregende Ausmaße angenommen. Die Weizenernte in der Provinz erreichte dieses Jahr mit 892.000 Tonnen nicht einmal die Hälfte des Vorjahres.

Nach einer UN-Studie sind bereits 60 Prozent des Landes und etwa 1,3 Millionen Menschen von der Dürre betroffen. An die 300.000 Menschen hat die Krise bisher aus ihrer nordöstlichen Heimat vertrieben. Viele suchen sich ein elendes Dasein in Slums oder Zelten am Rande von Damaskus, Aleppo und Hama. Täglich treffen mehr Menschen auch aus anderen Regionen ein.

Viele Syrer schieben die Schuld an ihrer Not nicht nur dem „Wettergott“ zu, sondern auch den benachbarten Türken, die durch den Bau von Staudämmen den Fluss des Euphrats, der einzigen großen Wasserquelle des Landes, stark reduziert haben. Der prominente syrische Ökonomie-Professor Aref Dalila macht jedoch auch eine fehlgeleitete Landwirtschaftspolitik der vergangenen 20 Jahre für die Misere verantwortlich. Mit dem Ziel, zu einem Weizenexporteur aufzusteigen, unterstützte die Regierung den Weizenanbau in halbtrockenen Regionen und ermutigte das illegale Bohren von Brunnen. Damit sank der Grundwasserspiegel bedrohlich ab. Die derzeit etwa 420.000 Brunnen, die Hälfte davon illegal angelegt, decken heute etwa 60 Prozent des syrischen Wasserbedarfs und die Landwirtschaft, von der die Hälfte der Bevölkerung lebt, verschlingt 90 Prozent des zur Verfügung stehenden Wassers.

Aber auch in Teilen des Iraks nimmt die Trockenheit alarmierende Ausmaße an. Der Wasserstand von Tigris und Euphrat liegt nach offiziellen Angaben um 50 Prozent unter dem normalen Niveau. Damit „ist die Nahrungsmittelversorgung gefährdet“, klagt ein Regierungssprecher in Bagdad, denn der Euphrat liefert fast 40 und der Tigris 60 Prozent des irakischen Bedarfs. Nach Jahren der Zerstörung und des Krieges befürchten die Iraker nun eine „Umweltkatastrophe“. In diesem Jahr fiel um 40 Prozent weniger Regen als 2008, das ohnedies schon ein trockenes Jahr gewesen war. In vielen Landesteilen sind die Flüsse ausgetrocknet. In der nördlichen, von arabischen Sunniten und Kurden bewohnten Provinz Diyala etwa ist der einst reiche Ackerboden ausgedörrt, Bewässerungskanäle bleiben leer und die Blätter in den Palmenhainen haben sich zu einem ungesunden Braun verfärbt. Der Wasserstand des größten Reservoirs, Hamrin, ist auf unter zehn Prozent der Kapazität abgesunken. Verzweifelt bohren die Menschen auf eigene Faust im Boden nach Wasser. Doch die Grundwasserquellen sind salzig, ungeeignet für menschlichen und tierischen Konsum.

Eine Million Schafe fielen nach Schätzungen bereits der Dürre zum Opfer. Wie in Syrien trieb die Trockenheit im Nord-Irak, insbesondere in Diyala, bereits mehr als 100.000 Menschen in die Flucht. Noch 36.000 mehr dürften ihnen nach jüngsten Schätzungen der UNESCO in nächster Zeit noch folgen. Die Situation wird dramatisch verschärft durch den Zusammenbruch des altertümlichen unterirdischen Wasserleitungsystems, genannt „Karez“, einst im alten Persien entwickelt und von den Bewohnern des Zweistromlandes, sowie anderen Kulturen übernommen wurde. Nach der Überlieferung sind die nord-irakischen Karez bis zu 350 Jahre alt. Ein einziges Karez-System kann 864.000 Liter Wasser im Tag transportieren und damit eine Gemeinde von fast 9000 Menschen versorgen. Gleichzeitig ermöglicht es die Bewässerung für die Produktion von fast 300 Tonnen Getreide.

In der ersten Studie ihrer Art stellte die UNESCO im August die Existenz von 683 „Karez“ im Nord-Irak fest, vor allem in den Kurdenprovinzen Sulaymaniya und Erbil, 116 davon versorgten die lokale Bevölkerung immer noch mit Trinkwasser, würden aber auch für Landwirtschaft und Tiere benützt. Ein großer Teil des Leitungssystems ist laut UNESCO durch die Trockenheit, aber auch durch jahrelange Vernachlässigung unbenutzbar geworden. Die Organisation betrachtet den drohenden Zusammenbruch des gesamten Systems als Alarmzeichen für noch größere Wassernot in der Zukunft.

Auch Iraks Süd-Provinz Basra leidet unter der Dürre. Der Salzgehalt des Grundwassers ist so hoch, dass es für die Landwirtschaft fast unbenutzbar wurde. Euphrat und Tigris führen nicht mehr genug Wasser für die Felder dieser Region. Die Krise wird noch verschärft durch die Folgen von Staudämmen, die der Iran an dem in den Schatt-el Arab mündenden Karun-Fluß errichtet hat.

Seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein 2003 schwimmen im Tigris, diesem großen Schatz des Zweistromlandes, Plastikflaschen, und –säcke neben allerlei anderem Unrat, die jahrelanger Krieg und das Chaos hinterlassen haben. Saddam hatte einst Verunreinigungen dieser Lebensader des Iraks mit schweren Strafen belegt. Heute tut dies niemand mehr. „Die Situation ist kritisch“, warnte 2007 der Umweltexperte Rativ Mufid in Bagdad. „Der Fluß wird zusehens zerstört und niemand erarbeitet Projekte zu seiner Rettung.“ Seither hat sich der Zustand des Stroms noch weiter dramatisch verschlimmert.

Die Probleme beginnen an der Quelle, im türkischen Taurus-Gebirge, und verschlimmern sich auf dem Weg des Flusses zum Persischen Golf. Wasserminister Abdel Latif Rashid identifiziert zwei Hauptursachen für das gegenwärtige Problem. „Der Irak hat sich jahrzehntelang von seinen Nachbarn Iran und die Türkei, aber auch Syrien isoliert“, die ihre eigene Wasserstrategie entwickelten und durch den Bau von Staudämmen den Wasseranteil reduzierten. Erst an zweiter Stelle macht der Minister das Klima und den Treibhauseffekt verantwortlich, fuhr der Irak in diesem Jahr die schlechteste Ernte seit einem Jahrzehnt ein. Die Erträge liegen bei weniger als einem Drittel des zehnjährigen Durchschnitts.

Abgelenkt durch jahrelange Bürgerkriegswirren hat die irakische Regierung dem Wasserproblem lange nicht gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Erst in den vergangenen Monaten begann Bagdad wieder verstärkt die Türkei zu größerer Kooperation zu drängen. Doch das Problem bleibt ungelöst. Es heißt GAP, Südostanatolien-Projekt. Durch ein gigantisches Netz von insgesamt 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken am Oberlauf der beiden mesopotamischen Flüsse ist Ankara entschlossen, die Energieversorgung des westlichen Landesteils nachhaltig zu sichern und die landwirtschaftlich nutzbare Fläche der Türkei schließlich zu verdoppeln. Das GAP-Projekt ist unterdessen etwa zur Hälfte realisiert, 15 Staudämme, fünf davon am Euphrat, sind fertiggestellt. Dies ermöglicht Ankara die Kontrolle der Wassermengen, die Euphrat und Tigris in die beiden Nachbarstaaten Irak und Syrien bringen.

Nach Angaben irakischer Wasserexperten schob der Euphrat in früheren Jahren im Durchschnitt 28 Mrd. Kubikmeter Wasser in den Irak, nun ist der jährliche Fluss auf 13 Mrd. zusammengeschrumpft. Die Türkei garantierte im Juni Bagdad 400 Kubikmeter Wasser pro Sekunde von Euphrat und Tigris, doch der Wasserfluss der beiden Ströme hatte laut Raschid häufig nicht einmal 200 Kubikmeter erreicht und um den nationalen Bedarf auch nur einigermaßen zu decken seien 500 Kubikmeter nötig. Auch die Türkei quält die Dürre. Dennoch versprach Ankara Bagdad nun, den Wasserfluss des Euphrat auf 550 Kubikmeter pro Sekunde zu erhöhen – ein Monat lang, um Iraks Nöte ein wenig zu lindern. Doch von einem multilateralen Verteilungsabkkommen, zu dem Syrien und Irak die Türken seit Jahren drängen, da dies das Problem auch für die nächste Zukunft lösen sollte, will Ankara nichts wissen.

Das Potential für künftige Konflikte ist hoch. Nach irakischen Schätzungen wird der Wasserbedarf des Landes bis 2015 um 50 Prozent steigen, während der Zustrom nicht zuletzt durch den weiteren Bau von Dämmen in der Türkei sinken wird. Von den Folgen des Treibhauseffekts ganz zu schweigen.

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