Montag, 4. November 2013

Bassem Youssef: Der unerschrockene Freiheitsträumer

Ägyptens populärster Satiriker hält dem Volk den Spiegel einer traurigen Realität vor
 
von Birgit Cerha
 
Fast hätte er den Beginn des Prozesses gegen den gestürzten Präsident Mursi in den Schatten gestellt. Tagelang  konzentrierten sich Ägyptens Medien und die öffentliche Diskussion auf das Schicksal jenes Mannes, dem es seit dem Sturz Präsident Mubaraks 2011 gelungen war, ein Lächeln in die Gesichter des zunehmend verzweifelten Volkes zu zaubern. Doch viele Ägypter haben in den Jahren dramatischer und blutiger Turbulenzen, mit sich stetig steigerndem Hass in einem dramatisch polarisierten Land allmählich das Lachen verlernt. Denn auch die neuen Herrscher vertragen trotz ihres Demokratie-Bekenntnisses, nicht mehr Humor als ihre islamistischen Vorgänger. So stoppte der private TV-Sender CBC die Satireshow Bassem Youssefs, die nach Aussagen der Produzenten mit rund 40 Millionen Zusehern fast die Hälfte der Bevölkerung Ägyptens angezogen hatte. Droht Youssef nun auch der Prozess, vielleicht gar Gefängnis und damit Ägypten die Rückkehr in die finstersten Zeiten der Repression?
Wer ist dieser Mann, der mit seinem Witz und seinem unerschütterlichen Mut Ägypten in Atem zu halten vermag?
Bassem ist ein Naturtalent in einem Land, dem der Humor tief ins Herz gepflanzt ist. In der arabischen Welt werden die Ägypter „ibn nukta“  genannt, „Sohn der Witze“. Doch politische Satire kannten auch die Menschen am Nil ebenso wenig wie die Bürger anderer arabischer Diktaturen. Auch Bassem hatte sich damit professionell nicht beschäftigt. Er studierte in den USA Medizin und spezialisierte sich auf Herzchirurgie. Doch der radikale Wandel im Leben des heute 39-jährigen setzte am 28. Jänner 2011 ein.  Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften riegelte an diesem Tag den Zugang von der Nilbrücke zum Tahrir-Platz im Herzen Kairos ab. Fassungslos beobachtete Youssef im Fernsehen, wie unbewaffnete Volksmassen mit Schlagstöcken und Gewehren ausgestatteten Polizisten zum Tahrir-Platz zurückdrängten, um in diesem Zentrum der Revolution ihre Protest-Camps zu errichten.  Da entschloss sich der erfolgreiche Arzt nun seinerseits einen Beitrag zu dieser historischen Entwicklung des Landes zu leisten.
Die in den Medien so hemmungslos verbreiteten Lügen über Widerstand und Revolution empörten ihn derart, dass er nach dem Sturz Mubaraks Anfang März in der Hoffnung auf einen nun angebrochenen Frühling der Freiheit mit Witz und Zynismus und einfachsten Mitteln seine Sicht der Dinge zu präsentieren begann. In seiner Wohnung, so erzählte Youssef einmal in einer Show, gab es einen Abstellraum, der nur zum Wäschetrocknen benutzt wurde. Dort setzte er sich an einen Tisch, vor ihm ein Blatt Papier, im Hintergrund eine Fotomontage der anhaltenden Demonstrationen und eine kleine Kamera.  Sie nahm seine satirisch  untermalten Berichte über die dramatischen Ereignisse auf und die Filme stellte Youssef in YouTube. In kürzester Zeit hatten diese Videos mehr als fünf Millionen Zuseher angezogen. Daraufhin schloss er einen Vertrag mit dem ägyptischen Privatsender „ONtv“ und schließlich mit dem unabhängigen Privatsender CBC ab. In seinen allwöchentlichen Shows schoß er seine satirischen Pfeile vor allem auf Präsident Mursi und dessen Serie gravierender Fehlentscheidungen.  Innerhalb von mehr als zwei Jahren stieg er so zum größten Fernsehstar Ägyptens auf. Sein schonungsloses Bemühen aber, dem Land mit Hilfe von Witz und Satire den Spiegel einer traurigen Realität vorzuhalten trug ihm zunehmend Kritik von allen Seiten ein, denn die wahre Bedeutung der Meinungs- und Redefreiheit in einem demokratischen System findet sich in der ägyptischen Gesellschaft noch keineswegs verankert. CBC setzte deshalb auch Ende Oktober seine Sendungen ab.
Youssef empörte er nicht nur Anhänger des Militärs, sondern auch Liberale, die heute in großen Zahlen Ägyptens neuen „starken Mann“ , Verteidigungsminister General Al-Sisi, unterstützen, als er in seiner jüngsten Show Ausschnitte aus TV-Sendungen zeigte, in denen Moderatoren zunehmend fantastische Schätzungen der Menschenmassen nannten, die im Juni gegen Präsident Mursi protestierten: 25 Millionen, 40 Millionen – bis zu 70 Millionen.  Dann folgte eine Passage aus einem Interview mit dem Abgeordneten der Moslembruderschaft Azza el-Garf, der triumphierend bekanntgab, dass 45 Millionen Menschen zur Unterstützung Mursis in die Straßen gezogen waren. Mit verstörtem Blick zog Youssef den Taschenrechner hervor, drückte auf die Tasten und warf ihn in theatralischer Geste zu Boden. Denn Ägyptens Bevölkerung zählt nur rund 80 Millionen. „Das kann zweierlei bedeuten“, schließt der Satiriker: „Entweder hat sich die ägyptische Bevölkerung vermehrt oder wir haben Leute, die auf beiden Seiten spielen.“
Mit beißendem Witz attackierte er, der einst den Militärputsch gegen Mursi unterstützt hatte, die „Heuchelei, Vergötterung, Pharaoisierung und die Wiederholung der Fehler der vergangenen 30, ja gar 60 Jahre“ und er meinte damit Sisis rasant anschwellende Popularität, die fast an Hysterie grenzende Verherrlichung des Generals, dessen Gesicht unterdessen nicht nur auf Plakaten allgegenwärtig ist, sondern auch tausendfach auf kleinen Schokoladeriegeln und anderen Süßigkeiten in Geschäftsregalen erscheint. „Sisi wandelte sich in Schokolade“, so der sarkastische Spruch über den General, der seine politischen Gegner mit zunehmend harter Hand verfolgt.
Besonders beklagt Youssef das sich stetig verschärfende Klima der Feindseligkeit und des Hasses, das den Weg zu politischer Verständigung vollends zu blockieren droht. „Ich kann die Intoleranz der religiösen Bewegungen und deren Neigung zum Rechtsextremismus verstehen. Das ist schließlich ihr ideologischer Standpunkt und sie stehen damit zumindest in Übereinstimmung mit ihrem Glauben. Aber ich kann eine Strömung nicht begreifen, die vorgibt Liberalismus und Freiheit zu verteidigen, doch in Wahrheit weniger tolerant ist als die religiösen Bewegungen.“
Seine enorme Popularität vor allem auch in den sozialen Netzwerken wie im Fernsehen nützt Youssef, um sich für in Ägypten verfolgte Aktivisten einzusetzen. Zugleich wirbt er woimmer er kann um finanzielle Unterstützung für die Ausstattung von kardiologischen Spezialkliniken im armen Oberägypten und um jungen ägyptischen Ärzten die Ausbildung zu Chirurgen zu ermöglichen.
Ende Oktober eröffnete die Staatsanwaltschaft Untersuchungen gegen diesen unbequemen Kritiker, der fest entschlossen ist, die Wahrheit zu verteidigen und sich nicht einschüchtern zu lassen.

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