Montag, 16. September 2013

Irans Wende zum Pragmatismus

Nach dem Chemiewaffen-Abkommen mit Syrien wächst die Hoffnung auf eine „historische“ Annäherung zwischen der „Islamischen Republik“ und den USA
 
von Birgit Cerha
 
Ein von den USA geführter Militärschlag gegen Syrien gelte in Wahrheit dem Iran und würde einen Angriff auf die Atomanlagen des „Gottesstaates“ mit unabsehbaren Folgen überflüssig machen. Diese unter so manchen Experten im Westen, wie auch im Iran vertretene These weckt nun, da  ein zwischen den USA und Russland ausgehandeltes Abkommen zur Übergabe des Arsenals chemischer Waffen durch Syrien an die UNO einen US-Militärschlag  - vorerst? – abgewendet hat, im Iran erneut Ängste vor einer israelischen oder amerikanischen Attacke.
Dennoch, das offizielle Teheran begrüßt die internationale Kontrolle  der syrischen Chemie-Waffen und US-Präsident Obamas verstärkte Bemühungen um eine diplomatische Lösung der Syrien-Krise geben zweifellos jenen im Iran Auftrieb, die Syriens Präsidenten Assad nicht um jeden Preis unterstützen wollen. Dazu dürfte wohl auch Präsident Rouhani und sein Außenminister Zarif zählen. Der iranischen Regierung liegt viel daran, der internationalen Gemeinschaft ihre wichtige Rolle  bei der Abwendung eines gefährlichen Krieges klar zu machen. Immerhin wiegt Teherans Wort neben jenem Russlands in Damaskus schwer. Doch wird es diesen beiden engsten Verbündeten des syrischen Regimes gelingen, Assad nun auch von Täuschungsmanövern abzuhalten?
Für den Iran steht mit der weitgehend reibungslosen Übergabe der Chemiewaffen viel auf dem Spiel. Scheitert das Abkommen, wächst nicht nur wieder die Kriegsgefahr, sondern die damit dramatisch verschärften internationalen Spannungen würden auch die neue Diplomatie des Teams Rouhani/Zarif blockieren.
Auf dem Höhepunkt des Syrien-Konflikts hatten Präsident Obama und Rouhani geheim Briefe ausgetauscht. Zweifellos handelt es sich dabei um eine minimale Geste in einem historischen Konflikt, der in beiden Ländern schwere Wunden geschlagen hat. Und dennoch ist es ein höchst bemerkenswerter Fortschritt. Denn sowohl blieb Obamas früherer Kontaktversuch – ein Brief an den „Geistlichen Führer“ Khamenei – unbeantwortet, als auch wiederholte Bemühungen seines Vorgängers Bill Clinton, in den 1990er Jahren einen Dialog mit Teheran in die Wege zu leiten. Zum ersten Mal in der 34-jährigen Geschichte der iranisch-amerikanischen Feindseligkeiten, so meinen Experten, hätten erste Versuche zur Einleitung einer „historischen Annäherung“ tatsächlich eine Chance.
Mehrere Anzeichen nähren solche Hoffnung. Rouhani hat seit seiner Amtsübernahme im August keine Zeit verloren, um sich vor allem außenpolitisch radikal von seinem exzentrischen Vorgänger Ahmadinedschad abzusetzen und erste Schritte zu einer pragmatischen Außenpolitik zu setzen. Für den erfahrenen Politiker steht damit seine ganze Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Denn er hat eine Erholung der durch die internationalen Sanktionen am Rande des Zusammenbruchs stehenden Wirtschaft und damit die dringende Linderung der Not der Bevölkerung zu seiner höchsten Priorität erhoben. Deshalb auch siegte er überwältigend bei den Wahlen im Juni. Einziger Weg zu diesem Ziel  ist ein Ende der internationalen Sanktionen, das sich nur durch eine Einigung mit den Weltmächten über Irans umstrittenes Atomprogramm erzielen lässt. Rouhani verspricht Transparenz in der Atomfrage und verheißt eine rasche Lösung, wiewohl Teheran nicht auf sein Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie verzichten werde. Noch im September werde er bei einem Besuch in New York Vorbereitungen für eine „Win-Win-Lösung“ treffen, die alle Seiten zufriedenstellen solle. Robert Einhorn, der vier Jahre lang die US-Delegation bei den Verhandlungen geleitet hatte, zeigt sich zutiefst beeindruckt über die „sehr aktive und geschickte diplomatische Kampagne“, die Rouhani und Zarif zur Vorbereitung der nächsten Verhandlungsrunde führen. Zarif, der sein halbes Leben in den USA, zuletzt als UNO-Botschafter seines Landes verbracht hatte, genießt in politischen Kreisen der USA hohes Ansehen. Er ist der erste Außenminister seit 1979, der intime Kenntnisse dieses Erzfeindes der „Islamischen Republik“ besitzt. Er gilt als charmant und seriös, als ein Mann der nichts verspricht, was er nicht auch glaubt halten zu können. Auch Rouhani, dem als Atomunterhändler (2003 bis 2005) das einzige – allerdings nur zeitlich begrenzte – Abkommen zur Suspendierung der Urananreicherung gelungen war, genießt im Westen Achtung und – was mindestens ebenso wichtig ist – im politischen System des Irans hohes Vertrauen. Als jahrzehntelanger Berater Khameneis ist er in der einzigartigen Position einen gewissen Einfluss auf den „Geistlichen Führer“ auszuüben. In diesem Zusammenhang sehen Beobachter in der jüngsten Übertragung der Atom-Akte von dem Khamenei unterstehenden Nationalen Sicherheitsrat des Irans ans Außenministerium ein entscheidenes Signal.
So löste Khameneis jüngste Aufforderung an „die Administration, die Politiker und Diplomaten“ des Landes, das Verhalten des Westens im Rahmen eines „tiefen und fundamentalen Konflikts zwischen Islam und dem Westen“ zu analysieren, Bestürzung und Verwirrung aus. Hält Irans Führer unverändert am Geist des „Zusammenpralls der Kulturen“ fest? Kann sich Rouhani doch nicht den für eine Lösung des quälenden Atomkonflikts so wichtigen Freiraum schaffen?
Kenner der iranischen Politik aber werten diese erneut feindselige Rhetorik Khameneis als  Warnung an den Westen. „Wenn ihr diese Gelegenheit verpasst, dann werdet ihr es mit mir (Ayatollah Khamenei) zu tun bekommen“ und die Chance auf eine Lösung des Nuklearstreits sei vertan.
 

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