Dienstag, 28. März 2017

Kurden – die ewigen Verlierer?


Birgit Cerha

 
„Die Stunde der Kurden“ lautet der Titel eines im Vorjahr erschienen Buches. Nicht nur Vertreter dieses größten Volkes der Welt ohne Staat erhofften sich von den Folgen des „Arabischen Frühlings“, der den Nahen Osten seit Beginn des Jahres 2011 in immer blutigere Turbulenzen stürzte, eine einzigartige Chance auf Wiedergutmachung eines gravierenden historischen Unrechts. Auch unabhängige Analysten hielten solche Veränderungen für durchaus möglich.
 
 Als die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ (IS) 2014 die am Ende des Ersten Weltkrieges gezogenen und sich bis dahin als unverrückbar erwiesenen Grenzen durchstieß, um auf dem Boden des Iraks und Syriens ein einziges neues staatliches Gebilde zu schaffen, da stiegen die Kurden in beiden Ländern zur wichtigsten militärischen Stütze, zu den verlässlichsten, tapfersten und effizientesten Verbündeten der von den USA geführten internationalen Anti-Terrorallianz auf. Ihr Einsatz, ihre Erfolge gegen den IS schufen ihnen ein nie zuvor erreichtes internationales Prestige, wachsende Sympathie im Westen für dieses von der Geschichte, von den Weltmächten immer und immer wieder verratene Volk – verraten, obwohl sich die Kurden dem Westen nahe fühlten und fühlen, wie kaum andere Völker in der Region. Sie sind ausgeprägt laizistisch eingestellt, lehnen  Radikalismus, vor allem religiösen Fanatismus überwiegend ab und sind westlichen Werten, demokratischen Idealen zugänglicher als andere Bevölkerungsgruppen im Nahen Osten.
Zum erstenmal seit hundert Jahren wagten es die Kurden Hoffnung zu schöpfen, das endlich auch für sie das ihnen so lange verwehrte Recht auf Selbstbestimmung Geltung gewinnt. Nie zuvor besaßen sie regionalpolitisch so viel Einfluss wie heute. Kurden halten das Gleichgewicht der Kräfte im Irak und üben beträchtlichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen in Syrien aus. Plötzlich sehen sie sich umworben von der Supermacht USA und seit September  2015 zugleich auch von deren russischem Gegenspieler. Der Mittlere Osten steht in Aufruhr und die Kurden spielen eine Schlüsselrolle in der Neugestaltung der Region, ihre Forderungen können nicht mehr ungehört bleiben, ihr Schicksal kann nicht länger ignoriert werden. So zumindest schien es bis vor kurzem. Doch nun wächst die Angst, all diese Erwartungen könnten sich als eine Fata Morgana am Wüstenhorizont erweisen.
Mula Mustafa Barzani, der legendäre Führer der irakischen Kurden, der 1979 in einem Krankenhaus in den USA an Krebs starb, sein Lebenskampf in Trümmern….---  Barzani nannte die Kurden  „Waisen des Universums“. Sie kennen nur einen verlässlichen Freund: die Berge. Dort, im Nord-Irak, im Nord-West-Iran, in Südostanatolien fanden sie stets Schutz vor Verfolgung, vor Mord, vor Genozid, von dort aus konnten sie ihre Verteidigungs-, aber auch ihre Angriffsschläge gegen die übermächtigen Herrscher in Ankara, Bagdad und Teheran organisieren. Von dort aus konnte Barzani die schlagkräftige Armee des irakischen Staates beinahe in die Knie zwingen, bis ihn äußere Freunde und Helfer gnadenlos verrieten. So 1975 der damalige US-Außenminister Henry Kissinger, als er ohne Vorwarnung abrupt geheime amerikanische Militärhilfe an Barzani stoppte, um Iran und Irak für die Beilegung alter Grenzstreitigkeiten zu gewinnen. Über Nacht stellten die USA und die Iraner ihre für die irakischen Kurden entscheidende Hilfe gegen Iraks Diktator Saddam Husein ein, der Kampf der Kurden um die versprochenen autonomen Rechte brach zusammen und 250.000 Kurden, darunter auch Barzani, blieb nichts als die Flucht in den Iran. Tausende starben, Zehntausende konnten erst fast zwei Jahrzehnte später aus Flüchtlingslagern im Nachbarstaat heimkehren. Einst von Journalisten zu diesem Verrat an den Kurden befragt, antwortete der spätere Friedensnobelpreisträger Kissinger achselzuckend: „Die CIA ist keine humanitäre Organisation“.
 

Die Erfahrung dieses „Verrates“ hat sich tief in die kurdische Seele eingebrannt. Sie hat sich wiederholt etwa als Iraks Diktator Saddam Hussein 1988/89, damals Verbündeter des Westens,  von den Weltmächten ungehindert, seinen Genozid – genannt „Anfal“ (Arabisch für „Beute“) - an den Kurden verübte, als er die Bewohner der kleinen Grenzstadt zum Iran, Halabscha, mit Giftgas massakrierte, Chemikalien dafür einsetzte, die er von Europa importiert hatte. Allein in Halabscha starben mindestens 5000 Zivilisten. Mindestens 100 000 Menschen starben in dieser monaatelangen Vernichtungskampagne,  Kurdenführer schätzen die Zahl der Todesopfer gar auf über 180 000.  Die Welt sah zu, tatenlos, wortlos.
Wird sich der Verrat an den Kurden wiederholen  – durch die USA,  durch die Nachbarn, durch Russland? Wird die EU schweigen? – nun, da die gesamte Region durch grausame Gewalt, Terror und Kriege zerrissen ist, nun, da vielleicht die Grenzen neue gezogen werden?
Das politische Erdbeben, das heute die gesamte Region mit unabsehbaren Folgen aufwühlt, nennt der amerikanische Syrienexperte Prof. Joshua Landis „The great sorting out“,  ( etwa „das große Aussortieren). Um diese Entwicklung zu verstehen, müssen wir in die Zeit des Ersten Weltkrieges und die Zerschlagung des Osmanischen Reiches zurückgehen. Es war der16. Mai 1916, an dem ein Geheimabkommen des französischen Diplomaten Picot und des Briten Sykes zur Aufteilung der kolonialen Interessensgebiete im Nahen Osten in Kraft trat. Großbritannien wurde die Herrschaft über ein Gebiet zuerkannt, das insgesamt etwa dem heutigen Jordanien, dem Irak und der Region um das heute israelische Haifa entspricht. Frankreich übernahm die Herrschaft über die Südost-Türkei, Syrien und den Libanon. Jedes Land konnte die Staatsgrenzen innerhalb seiner Einflusszonen frei bestimmen. Die Mandatsmächte zogen sie  ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerungsstruktur. Völker, Stämme, ja Familien wurden zerrissen. Als Grenze zwischen der Türkei und Syrien wählte man die Berlin-Bagdad-Basra-Eisenbahnlinie, die sich mitten durch kleine Städte und Dörfer zog. Das traf vor allem die in diesen Gebieten lebenden Kurden. So läuft die Grenze etwa durch die Städte Qamishli, der in der Türkei liegende Teil heißt Nuseibin, Kobane heißt der in Syrien liegende Teil der kurdischen Grenzstadt, der Türkei einverleibte heißt Suruc.
Die Grenzziehung, so stellt Landis fest, orientierte sich also nicht nach der in der Region lebenden Bevölkerung, sondern diese hatte sich an die Grenzen anzupassen.  Diese von der Pariser Friedenskonferenz 1919 bestätigte  Regelung gilt bis heute, obwohl sie seit langem heftig als ein „Diktat der Kolonialmächte“ angefochten wird, das zahlreiche Bevölkerungsgruppen zum Zusammenleben zwang und einige spaltete.
Die Mandatsmächte hatten zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nicht nur die Grenzen willkürlich gezogen. Sie hatten die von ihnen gegründeten und verwalteten Staaten nach dem System des Teile und Herrsche regiert, indem sie jeweils den Minderheiten die Macht übergaben: den arabischen Sunniten im Irak, den Alawiten in Syrien. Im Libanon, wo die Franzosen die christlichen Maroniten mit der Staatsführung betraut hatten, erhob sich die islamische Mehrheit – die Sunniten, vor allem aber die Schiiten – schon 1975, um in einem 15-jährigen Bürgerkrieg die Machtverhältnisse entsprechend der Bevölkerungsstruktur zurechtzurücken. Dasselbe geschah nach dem Sturz Saddam Husseins im Irak, wo seit 2003 die Schiiten mit iranischer Unterstützung die Zentralregierung in Bagdad dominieren. Dasselbe ereignet sich in Syrien.  Der Prozess ist längst nicht abgeschlossen.
Als der IS im Juni 2014 in rasantem Tempo von seinen syrischen und irakischen Stützpunkten aus Mosul, Iraks zweitgrößte Stadt eroberte, weiter in irakisches Territorium vorstieß und in einem Anflug von fanatischem Größenwahn die Geburt eines neuen „Staates“, den Kern eines „Kalifats“, wie er es nennt, ausrief, zwang er eine Region in Syrien und Irak unter seine Kontrolle, die überwiegend von arabischen Sunniten bewohnt war, eine homogene Bevölkerung insofern, als sie zwar nicht unbedingt die Ideologie des IS billigte, sich aber in Syrien wie im Irak von ihren schiitischen, bzw. alawitischen, vom Iran unterstützten Zentralregierungen unterdrückt fühlte und überzeugt war, dass diese niemals ihren legitimen  Interessen entgegenkommen würden.
 

 
Teil dieses „großen Aussortierens“ wie Prof. Landis es nennt, ist auch die ethnische und religiöse „Säuberung“, die der IS in barbarischer Weise praktizierte, an Christen, vor allem aber an Yeziden, den Angehörigen einer vorchristlichen kurdischen Religion. Die genozidartigen Massaker, die  Zehntausende Yeziden in der alten nord-irakischen Kurdenstadt Sindschar in die Flucht in die Berge trieb, sind ihnen vielleicht in Erinnerung. Der IS ermordete Tausende Menschen, verscharrte sie in Massengräbern und verschleppte Tausende Frauen, um sie als Sex-Sklavinnen zu halten, schließlich zu verstoßen oder wie im finstersten Mittelalter angekettet auf Märkten zu verkaufen. Manche konnten inzwischen flüchten oder wurden befreit, viele erleiden immer noch unfaßbare Qualen. Allein in dem nun umkämpften Mosul sollen noch an die 3000 Yezidinnen gefangen gehalten werden.
 
4) Karte Sindschar
 
 
( Sindschar, das inzwischen von kurdischen Peschmerga befreite Zentrum der Barbarei, war für den IS ein besonders wichtiges Ziel. Die Stadt am Fuße eines kargen, fast völlig vegetationslosen Gebirgszuges besitzt für die Jihadis große strategische Bedeutung, liegt sie doch an der wichtigsten Verbindungslinie zwischen der sog. „Hauptstadt“ des „Kalifats“, dem syrischen Rakka und der Millionenmetropole Mosul im Irak, die der IS seit Juni 2014 kontrolliert.)
Zudem sind die Yeziden aus ideologischen Gründen Ziel des Hasses dieser islamistischen Fanatiker,  die diese Anhänger des Eingottglaubens mit seinen vorchristlichen, christlichen und islamischen Elementen, dem Glauben an das Feuer und den Engel Pfau als Häretiker verteufeln, die das Recht auf Leben verwirkt hätten.
 
Seit dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein haben die Kurden in ihrem autonom regierten Gebiet des Nord-Irak die Basis für einen unabhängigen Staat geschaffen. Sie verteidigen ihr autonomes Gebiet mit ihren zu einer reguläre Armee aufgebauten Peschmerga-Einheiten, den legendären Freiheitskämpfern, die jahrzehntelang einem der brutalsten Despoten des vergangenen Jahrhunderts, Saddam Hussein und seiner Armee, getrotzt und für die Selbstbestimmung der Kurden gekämpft hatten. Sie erwiesen sich auch seit dem Vormarsch des IS 2014 als die tapfersten Kämpfer gegen den IS, dessen menschenverachtende Ideologie sie auch für ihr Volk als lebensbedrohend fürchten. Sie besitzen den Ruf als verlässliche Kämpfer und zählen zu den größten Freunden des Westens in der Region. So fiel ihnen die Rolle einer der wichtigsten Bastionen gegen diese radikalen Jihadi-Terroristen zu. Das bis dahin geostrategisch eher unwichtige nord-irakische Kurdistan hat mit dieser Herausforderungen einen beträchtlichen regionalpolitischen Bedeutungszuwachs erlebt, zumal es auch den Kurden gelungen war, ihre autonome Region zu einer Oase der Ruhe und wichtigstem Zufluchtsort von Kriegsflüchtlingen im Irak aufzubauen, den seit dem von den USA geführten Krieg gegen Saddam 2003 blutige Gewalt zerreißt. Dennoch beugen sie sich unter Führung Massoud Barzanis, des Sohnes von Mula Mustafa, bis heute westlichem, vor allem amerikanischem Druck, die Einheit des Iraks nicht durch eine Unabhängigkeitserklärung zu zerstören – eine Einheit allerdings, die längst zur Illusion geworden ist.
 
Unabhängig von diesen Positionen stehen der Selbstbestimmung und vor allem der Gründung eines unabhängigen Staates enorme Hindernisse im Wege, sowohl für die Kurden des Iraks, als auch für jene Syriens und der Türkei (die beide allerdings sich offiziell nur mit Autonomie begnügen wollen) , von den massiv unterdrückten im Iran lebenden Kurden ganz zu schweigen
In Syrien, wo sie als eine von mehreren Minderheiten mit etwa zwei Millionen fast zehn Prozent der Bevölkerung stellen, waren die Kurden traditionell unterdrückt, wenn auch nicht ganz so brutal wie in der Türkei, im Irak oder im Iran. Aber auch in Syrien erlitten sie schwere Diskriminierungen, massive Versuche der Assimilierung, der Arabisierung ihrer Siedlungsgebiete im Norden, an der Grenze zur Türkei,200.000 Kurden verweigerte das Regime die Staatsbürgerschaft und damit die Grundrechte und um Kontakte mit Familien- und Stammesangehörigen jenseits der türkischen Grenze zu unterbinden, wurden Kurden aus dem Gebiet deportiert und Araber angesiedelt.
 
Trotz jahrzehntelanger Repressionen schlossen sich  die Kurden 2011 nicht den ersten friedlichen, von der überwiegend arabisch-sunnitischen Opposition angeführten Demonstrationen für politische Reformen in der Diktatur Assad an. Das Misstrauen der Kurden gegenüber den Gegnern Assads wuchs, je mehr sich diese islamistisch radikalisierten, je stärker sie Unterstützung aus Saudi-Arabien, Katar und der Türkei erhielten und je mehr ausländische Jihadis mit den Rebellen kämpften. Dennoch bot sich den historisch vollends marginalisierten Kurden in dieser Situation eine historische Chance, als sich das in die Enge getriebene Regime kampflos aus den nordsyrischen Kurdengebieten zurückzog und den Kurden die Kontrolle über diese Regionen überließ. So wurde Rojava (wörtlich aus dem Kurdischen: West)  geboren, eine kurdische Selbstverwaltungsregion.
 
 
Rojava besteht aus drei Kantonen, in denen die Kurden die Mehrheit bilden: Afrin im Westen Cizire und Kobane im Osten, getrennt durch einen Landstreifen, der einige Zeit vom IS kontrolliert wurde und in dem nun pro-türkische Kräfte und vor allem türkische Invasionssoldaten stehen. Es ist ein fruchtbares Gebiet, das auch Ölquellen birgt, doch weitgehend eingeschlossen und ökonomisch boykottiert von nicht freundlich gesinnten Kräften, die ihre Grenzen immer wieder schließen: das ist vor allem die Türkei im Norden, irakisch-Kurdistan im Nord-Osten, von wo aus die kurdische Führung Barzani erfolglos um politischen Einfluss über Rojava kämpft, und der Rest Syriens mit seinen stetig wechselnden von Rebellen, dann von Regimekräften oder radikalen Jihadis kontrollierten Gebieten.
Dennoch gelang es der Rojava dominierenden  „Demokratischen Unionspartei“ (PYD), in dieser Situation ein radikales Experiment direkter Demokratie zu starten und dabei ein effizientes Selbstverwaltungssystem aufzubauen. Unabhängige Analysten sind sich einig, dass  nach dem Scheitern des Westens bei der Demokratisierung des Iraks und den bitteren Enttäuschungen des „Arabischen Frühlings“ Rojava, trotz mancher Mängel,  eine einzigartige Errungenschaft darstellt. Es besitzt das Potenzial, sich zu einer zukunftsfähigen, dem Westen freundlich gesinnten Gesellschaft zu entwickeln, die als Musterbeispiel für die Achtung indigener Werte wie Säkularismus, Demokratie und Frauenrechte zu einer Zeit dienen kann, da selbst jene Staaten der Region, die auf ähnlichen Prinzipien gegründet wurden, sich in die entgegengesetzte Richtung entwickeln.
Die Gesellschaft Rojavas wird in den von der PYD aufgestellten „Prinzipien des demokratischen Konföderalismus“ definiert. PYD ist die stärkste Gruppe in der regierenden Koalition Rojavas, die sich „Bewegung für eine demokratische Gesellschaft“ (TEV-Dem) nennt. Nach ihren Prinzipien muss Macht so weit wie möglich dezentralisiert sein, beginnend mit Dorfversammlungen und Kommunen bis zu gesetzgebenden Räten und Kommissionen, die Ministerien für Wirtschaft, Verteidigung und Justiz führen. Auf allen Ebenen ist auf ein striktes Gleichgewicht der Ethnien, Religionsgruppen und der Geschlechter zu achten. Araber, Yeziden, Christen und Turkmenen nehmen neben der kurdischen Mehrheit am öffentlichen Leben voll teil. „Jin, Jiyan, Azadi“ (Frau, Leben, Freiheit) lautet das Mantra Rojavas.
Rojava hat amerikanische Wurzeln. Die Idee der Dezentralisierung der Macht geht auf Thomas Jefferson, einen der Gründerväter der USA, zurück und wurde von Abdullah Öcalan übernommen,den zu lebenslanger Haft verurteilten und im Hochsicherheitsgefängnis auf der türkischen Insel Imrali einsitzenden Führer der türkisch- „Kurdischen Arbeiterpartei“ PKK. PYD ist ein „Kind“ der PKK, was die Türkei dazu bewog, sie pauschal als „Terrororganisation“ zu verdammen und zu bekämpfen, wiewohl die beiden militärische Arme der syrischen Kurdenpartei, die (männliche) „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) und deren Fraueneinheit YPJ bis heute nachweislich keine Aktionen, geschweige denn Terrorakte in der Türkei verübt hatten. Doch sie wurden von den im völlig unzugänglichen nordirakischen Kandil-Gebirge stationierten PKK-Guerillaführern ausgebildet.
 

 
Hervorragend organisiert und patriotisch enorm motiviert beeindruckten YPG und YPJ die USA und zuletzt auch Russland auf deren verzweifelter Suche nach verlässlichen Bodentruppen gegen den IS.  Der hartnäckige Verteidigungskampf, den beide Einheiten von September 2014 bis Jänner 2015 gegen den IS in der Grenzstadt Kobane führten, ist in die kurdische Geschichte eingegangen.  Unvergessen bleiben die Bilder der die Stadt umringenden Panzer, die der IS aus den syrischen und irakischen Arsenalen erobert hatte und nun voll gegen diese strategisch wichtige Stadt einsetzte. Todesmutig verteidigten die Kurden mit nur leichten Waffen ihre Hochburg, während die Türkei die Grenze abriegelte, um- zumindest zeitweise – Flüchtlinge fern zu halten und kurdische Brüder aus ihrem Land davon abzuhalten, den Verteidigern der Stadt - häufig Verwandte - zu Hilfe zu kommen. Das zynische Schauspiel türkischer Soldaten, die auf ihren Panzern, die Kanonen auf Kobane gerichtet, die Schlacht um Kobane gemächlich verfolgten, dauerte Wochen, bis endlich die Amerikaner ihre Jets einsetzten, um den Fall der Stadt zu verhindern. Bis dahin aber waren die Jihadis schon in Kobane eingedrungen und amerikanische Bomben prasselten auf die Stadt nieder, bis sie schließlich vollends in Trümmern lag. Warum nur hat Washington so lange mit seiner Hilfe gezögert, fragen sich viele. Die Stadt gilt traditionell als Hochburg kurdischen Freiheitsstrebens und sie liegt in einem Grenzstreifen, den die Türkei insbesondere seit der Gründung Rojavas entvölkern will.  So blockieren die Türken bis heute auch Versuche zum Wiederaufbau Kobanes.
Dennoch, die Schlacht um Kobane leitete den Beginn einer militärischen Kooperation zwischen der den USA und den syrischen Kurden ein, die dem IS zahlreiche strategisch wichtige Niederlagen zufügten. Je größer die militärischen Erfolge der YPG, desto nervöser aber wurden die Türken. Die Vorstellung, Syriens Kurden würden das gesamte Hunderte Kilometer lange Grenzgebiet zur Türkei unter ihre Kontrolle bringen und dort ein autonomes Gebiet errichten, scheint türkischen Nationalisten als unerträglicher Alptraum. Denn, sie würden, so die Furcht Ankaras, dem Selbstbestimmungs-Streben der eigenen unterdrückten kurdischen Minderheit und damit auch der PKK  Auftrieb geben.
In offensichtlicher Panik entschloss sich der türkische Präsident Erdogan deshalb im August 2016 zu einer offenen militärischen Intervention mit Panzerkolonnen in Nord-Syrien, der er den Namen „Schutzschild Euphrat“ gab. Es ging – und geht immer noch - darum „Rojava den Todesstoß zu versetzen, die Kurden in ihre ursprünglichen Kantone zurückzudrängen und entscheidend zu schwächen. In dieser nachträglich von den USA, YPGs engstem Verbündeten gegen den IS, gebilligten Aktion scheuten die Türken auch nicht davor zurück, die gegen den IS kämpfenden Kurden von hinten zu attackieren.
Wiewohl sich auch Russland der militärischen Hilfe der Kurden bedient hatte, gab es türkischem Drängen nach und lud die PYD nicht zu den für nächste Woche geplanten Friedensgesprächen im kasachischen Astana ein. Washingtons zögernde Forderung, diese wichtigsten Kämpfer gegen den IS in Syrien doch nicht von Plänen über die Zukunft des Landes auszuschließen, begegnete Ankaras Außenminister Cavusoglu mit der erstaunlichen Bemerkung, wenn PYD, dann müssten die USA auch den IS an den Verhandlungstisch bitten. Ankara macht schon lange kein Hehl daraus, dass es PYD und YPG für noch gefährlicher hält als den IS. Die Türken setzen die PYD vollends gleich mit der PKK, die die USA und die EU als Terrororganisation einstufen.
Vor die Wahl zwischen dem NATO-Verbündeten Türkei oder Syriens Kurdische Minderheit gestellt, von der viele Kämpfer ihr Leben im Krieg gegen den IS gaben, für wen wird sich der neue US-Präsident entscheiden?  Waren alle Opfer der YPG vergeblich?  Im Schussbereich des vor seiner Haustür stehenden Erzfeindes Türkei – entartet für Syriens Kurden auch der Traum von Rojava zu einer Fata Morgana? Schon hat auch Diktator Assad, dem nun – zumindest kurzfristig die politische Zukunft gesichert erscheint – klargemacht, dass das jahrelange militärische Stillhalteabkommen mit den Kurden ein Ende finden müsse. Ganz Syrien solle wieder voll unter seine Kontrolle gezwungen werden.
 
Kurden – die ewigen Verlierer?
 
Erdogans Panik vor kurdischem Streben nach Selbstbestimmung hat aber auch die Minderheit in der Türkei mit voller Wucht erfasst. Die Explosion der Emotionen – pro- und anti-kurdische gleichermaßen - , die die Türkei derzeit erlebt, ist die Folge gravierender ungelöster Probleme, die der Staat jahrzehntelang unter den Tisch zu kehren verstand und zugleich, insbesondere unter der Führung Erdogans der internationalen Gemeinschaft vorgaugelte, dass es ja gar kein Kurdenproblem gäbe bzw., dass er, Erdogan, den Kurden im eigenen Land durch „Liberalisierungen“ weitgehend entgegengekommen sei. Nichts davon entspricht der Wahrheit. Als es erstmals einer pro-kurdischen Partei,der HDP („Demokratischen Partei des Volkes“) bei Parlamentswahlen im Juni 2015 gelang, die Zehn-Prozent-Hürde ins Parlament zu nehmen, zwang sie damit das politische Establishment, sich ernsthaft politisch mit der bis heute ungelösten Frage der Grundrechte der vielleicht 15 Millionen Kurden in der Türkei auseinander zu setzen. Sie Unfähigkeit des Staates zu echter Reform stellte sich sehr rasch heraus. Wie rasch es Erdogan dann gelang, kurdophobische Gefühle, gemischt mit religiösem Fanatismus  in der türkischen Bevölkerung neu zu beleben, um seine eigene politische Position zu stärken, zeigt deutlich, mit welchen gravierenden demokratischen Mängeln die Türkei bis heute zu kämpfen hat. Die lange Geschichte türkischer Intoleranz gegenüber ethnischen und religiösen Gruppen ist immer noch nicht abgeschlossen. Die Kurden sind die letzte ethnische Gruppe in der türkischen Republik, die die türkische Identität nicht als ihre primäre akzeptiert haben, wie es der Republikgründer Atatürk diktierte. So nützt Erdogan nun dieses ungelöste Problem, in dem Glauben, dass er sich damit die erstrebte absolute Herrschaft am besten sichern kann, d.h. mit Krieg gegen die Kurden. Gerade jetzt zeigt sich ja auch im Westen, wie sehr die Politik Grundängste der Menschen und Intoleranz gegenüber ethnischen Gruppen für ihre Interessen manipulieren kann.
In der Türkei aber birgt diese Tendenz die enorme Gefahr von ungeheuerlichen Brutalitäten. Erste Anzeichen lassen sich bereits erkennen. Konfrontiert mit wachsendem Terror im eigenen Land – durch den IS, den er lange unterstützt hatte und dem es dadurch gelang, ein Netz von geheimen Zellen in der Türkei zu flechten – Terror aber auch durch die Splittergruppe der PKK, die „Freiheitsfalken Kurdistans“ (TAK) – und Panik angesichts der internationalen – insbesondere amerikanischen – Beachtung, die die syrisch-kurdische PYD gewann,  führt Erdogan nun also nicht nur Krieg gegen die Kurden auf syrischem Territorium, sondern zunehmend auch innerhalb seines eigenen Landes. Von der durch das Grauen des Syrien-Krieges in Atem gehaltenen internationalen Öffentlichkeit kaum beachtet, richtete die türkische Armee zwischen September 2015 und Frühjahr 2016 „durch exzessive Gewalt“ – ich zitiere nun die angesehene „Human Rights Watch“ – in dichtbesiedelten, mehrheitlich von Kurden bewohnten Städten Südostanatoliens in einer Kampagne zur Niederschlagung der PKK und ihrer Jugendorganisationen unfassbare Zerstörungen an. Die wenigen Bilder, die damals an die Öffentlichkeit drangen – unabhängigen Journalisten wurde der Zugang verwehrt – gleichen Fotos, die wir aus Syrien kennen.
 
Freilich hatten Jugendorganisationen der PKK, zutiefst frustriert darüber, dass die jahrzehntelangen Bemühungen um Anerkennung kurdischer Grundrechte sich als vergeblich erwiesen, den Staat provoziert. Sie wollten  die Autonomie kurdischer Gebiete erzwingen, indem sie durch Barrikaden den staatlichen Sicherheitskräften den Zugang zu den Städten verwehrten. Dennoch: die Reaktion des Militärs war laut Human Rights Watch „exzessiv“, vor allem auch, da es sich um von Zivilisten dichtbesiedelte Gebiete handelte. Wie groß die Zahl der Toten dieser wochenlangen Operationen war, ist unklar. Doch nachdem sie die Barrikaden durchbrochen hatten, begannen die Sicherheitskräfte mit massiven Zerstörungen ganzer Stadtteile und Vertreibungen der Zivilbevölkerung.  400.000 Menschen wurden nach Schätzungen verjagt. Die Vertreibung von Menschen, die Zerstörung von Siedlungen, von Tausenden Dörfern ist seit langem eine der wichtigsten Methoden des türkischen Staates, die Identität der Kurden und ihren Wunsch nach Selbstbestimmung zu brechen. Ein lokaler Reporter der pro-kurdischen ‚“Dicle“ Nachrichtenagentur sprach aus, was viele empfinden: „Als Kurde haben wir kein Recht in diesem Land zu leben.“  Und der Westen, so meinen viele, sah und sieht einfach zu.
Insgesamt sieht die Bilanz der von den USA angeführter Anti-Terror-Kampagne gegen den IS nach drei Jahren für die wichtigsten Verbündeten des Westens, die Kurden, verheerend aus. Noch ist der IS militärisch nicht besiegt, noch leistet er in Mosul, der größten Stadt unter seiner Kontrolle, erbitterten Widerstand, ebenso in Rakka, seiner sog. „Hauptstadt“ in Syrien. In beiden Kriegsschauplätzen ist der Einsatz der kurdischen Kämpfer von entscheidender Bedeutung. Und die Kurden, sowohl im Irak, als auch in Syrien, haben in diesem Krieg bereits Tausende bewaffnete Männer und Frauen verloren. Zugleich versinkt die Region immer stärker im Chaos. Eine Lösung, eine regionale Neuordnung lässt sich nicht erkennen. Der Westen, allen voran die USA, tragen dabei ein gerüttelt Maß an Mitschuld. US-Präsident Obama trat vor acht Jahren mit dem Ziel an, keine Kriege mehr im Nahen Osten zu führen, sich militärisch aus der Region zurückzuziehen. Er tat dies auch aus dem blutigen irakischen Chaos, das sein Vorgänger George Bush angerichtet hatte. Was die Kurden betrifft, folgte Obama aber der Überzeugung seiner Vorgänger: Unabhängigkeit  auch nur für einen Teil dieses größten Volkes der Welt ohne Staat, etwa im Irak, würde nur zu neuer, noch schlimmerer Gewalt führen, die den Irak, den Iran, Syrien und die Türkei mit sich reißen würde. So gelang es schon Bush und dann Obama, die irakischen Kurden zur Kooperation mit Bagdad in einem föderalen Staat zu überreden und ihnen zugleich vor allem militärische Mittel, die sie zur Untermauerung ihres Unabhängigkeitsstrebens einsetzen könnten, zu verwehren.
Im Schock der großen Geländegewinne des IS in Irak und Syrien 2014 begannen die USA  und zunehmend auch andere westliche Staaten, sich militärisch voll auf die Kurden zu stützen. Sie sollten ihr Leben im Kampf gegen diese mörderischen Fanatiker aufs Spiel setzen. Und sie taten es. Doch die ungelöste Grundfrage der Zukunft dieses Volkes schoben die politischen Führer zur Seite. Vielmehr trachten sie weiterhin danach, dem Streben der Kurden nach internationaler Anerkennung ihrer Grundrechte Grenzen zu setzen – eine unethische, aber auch  zutiefst unkluge Position, da sie die Keime neuer Kriege in sich birgt.
ende
 
Vortrag vor Pädagogen der „Pädagogischen Hochschule Niederösterreich“, gehalten am 19. Januar 2017

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