Mittwoch, 10. September 2014

Saudi-Arabiens gefährliche Doppelstrategie

Die Position des Königshauses ist von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der internationalen Allianz im Kampf  gegen den “Islamischen Staat”
 
von Birgit Cerha
 
„Wenn Allah es wünscht, werden wir alle töten, die Steine anbeten und wir werden die Kabaa in Mekka zerstören.“ Diese jüngst über Twitter verbreitete Botschaft eines führenden Mitglieds des „Islamischen Staates“ (IS)  hat wohl die letzten Zweifel des saudischen Königshauses zerstreut, dass ihr glitzerndes Ölreich Hauptziel der salafistischen Terrorbanden ist, die – ebenso wie fundamentalistische Schiiten im Iran und Irak, die als illegal  verdammte Monarchie stürzen wollen. Wie dramatisch die Existenzängste des Hauses Saud seit dem rasanten Vormarsch von IS im Irak angewachsen sind, zeigen wiederholte eindringliche Warnungen vor dieser Terrorgefahr, die auch Europa und Amerika nicht verschonen würde und eine ungewöhnlich klare Distanzierung der höchsten religiösen Autorität Saudi-Arabiens, die IS als „Erzfeind des Islams“ bezeichnet. Großmufti Abdulaziz al Sheikh drängt die Bürger, insbesondere die jungen Männer des Landes, nicht auf die „Anstifter zum Aufruhr“ zu hören.
In Panik begann Saudi-Arabien nun mit der Errichtung eines 900 km langen  Zauns an der Grenze zum Irak, der mit Radar, Infrarot-Videos und Kameras ausgestattet, jegliche Infiltration verhindern und gemeinsam mit dem bereits zum Jemen bestehenden 1.800 km langen Zaun das Königreich weitgehend abriegeln soll.  Interne Sicherheit besitzt für die Herrscher absoluten Vorrang. Das ist auch die Botschaft, die Saudi-Arabien auf der heute, Donnerstag, in Jeddah beginnenden Anti-Terrorkonferenz vermitteln wird, bei der Vertreter der arabischen Golfstaaten,  Ägypten, Jordanien - aber weder Syrien, noch Iran – um eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen IS ringen werden. Auch US-Außenminister Kerry wird im Königreich eintreffen, um Riad voll in die von den USA geführte internationale Allianz gegen diese einzigartige Terrorgefahr einzubeziehen. Denn Saudi-Arabien kommt wegen seiner religiösen Führungsrolle des sunnitischen Islam eine zentrale Bedeutung bei den internationalen Bemühungen zu, diesen barbarischen Extremismus zu vernichten.
Eine klare Antwort aus Riad steht bisher aus. Heftig wehren sich die Saudis zwar gegen Vorwürfe, das sie durch finanzielle Unterstützung und  Propagierung des Salafismus - derselben religiösen Ideologie, wie sie ISIS, wiewohl in weit radikalerer Ausprägung, vertritt - dieser Organisation zumindest indirekt zu ihrer jetzigen Stärke verholfen hätte. Immerhin kämpfen aber mindestens 300 Saudis auf der Seite von IS in Syrien und im Irak und nachweislich gerieten saudische Waffen in Syrien in die Hände der mit Al-Kaida verbündeten Nusra-Front. Der immer noch ungebrochene Einfluss radikaler Geistlicher und die Durchsetzung des radikalen islamischen Strafrechts  im Königreich – allein im August wurden 19 Personen, fast die Hälfte wegen gewaltloser Verbrechen, geköpft -  ermutigt Barbareien wie jene von IS. Eine radikale Revision der politischen und religiösen Positionen ist dringend geboten.
Was eine Allianz gegen IS mit den USA betrifft, so teilt Saudi-Arabien in der Theorie mit allen Staaten der Region das Interesse an gemeinsamer Aktion gegen diese alle – auch den Iran -  bedrohende Gefahr. In der  Realität aber vertreten vor allem die beiden verfeindeten Regionalmächte – Saudi-Arabien und der Iran – gegensätzliche Ziele. Tiefes Misstrauen gegeneinander könnte ihr Engagement gegen IS entscheidend blockieren. Riad möchte zwar, wie Teheran, IS vernichten, doch unter allen Umständen verhindern, dass der Iran damit seinen Einfluss in der Region wieder verstärken kann. Immerhin hat IS durch seinen Vormarsch den von den Saudis und anderen sunnitischen Regimen in der Region so gefürchteten „schiitischen Halbmond“, der sich vom Iran, über den Irak nach Syrien bis in den Libanon zieht, durchstoßen. Teheran kann seit vielen Wochen seine Verbündeten in Damaskus nicht mehr über den Irak mit Waffen und Öl unterstützen. Ein erfolgreicher Kampf gegen IS wird das Assad-Regime in Syrien stärken und das Königshaus, das seine Unterstützung der überwiegend sunnitischen  Rebellen mit moralischen Motiven (Stopp der Brutalitäten durch Assad) begründet, in ein schweres Dilemma bringen. Kann Saudi-Arabien, die Schutzmacht der Sunniten, seine Schützlinge fallen lassen?
Der Iran hingegen könnte sich in der Frage Assad durchaus flexibel zeigen. Teheran geht es in Syrien vor allem darum, ein Regime zu sichern, das auch seinen Interessen dient. Erste Anzeichen, dass sich Iran und Saudi-Arabien zu einem Dialog bereitfinden könnten, lassen sich zwar erkennen. Doch das Misstrauen sitzt tief. Der Erfolg einer internationalen Koalition aber hängt entscheidend davon ab, dass sich die beiden Erzrivalen auf einen Kompromiss im Ringen um die Vormachtstellung in der Region einigen , der allein den Weg zur Stabilisierung ebnen könnte.
 

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