Mittwoch, 26. März 2014

Kann Obama die erzürnten Saudis versöhnen?

Schwere Differenzen gefährden das Bündnis der USA mit ihrem wichtigsten Partner im Mittleren Osten – Doch beide brauchen einander
 
von Birgit Cerha
 
„Noch nie“ seit der Gründer Saudi-Arabiens, König Abdul Aziz, und US-Präsident Roosevelt 1945 an  Bord des US-Marine-Kreuzers „Quincy“ die Grundlagen für die wichtigste strategische Partnerschaft zwischen der größten Öl- und der neuen westlichen Supermacht legten, „haben so viele offene Fragen das Verhältnis der beiden Staaten so schwer belastet wie heute. 1945, erinnert Faisal Abbas im TV-Sender „Arabiya“ , als eine „neue Weltordnung Gestalt annahm“,  sicherte das Königreich den USA den stets ungehinderten Zufluss von Öl zu und erhielt dafür politisch überlebenswichtige Sicherheitsgarantien. Doch nach mehr als 6o Jahren ist dieser  für beide strategisch so wichtige Pakt gefährdet wie nie zuvor.
Wenn US-Präsident Obama heute, Freitag, zu einem eintägigen Staatsbesuch in Riad eintrifft, dann muss er Wogen saudischen Zornes glätten, tiefe Ängste zerstreuen und verlorenes Vertrauen zwischen der “mächtigsten Demokratie der Welt und der absolutistischsten aller Monarchien“ (so der US-Sender CNN)  wieder aufbauen, zwischen Bündnispartnern, die keine gemeinsamen Werte, nur gemeinsame Interessen verbinden.
Die schweren Erschütterungen der dreijährigen Revolutionen in der arabischen Welt haben die Freundschaft zwischen beiden Staaten an den Rand des Bruchs getrieben. Das traditionell politisch extrem diskret agierende Königshaus ließ vergangenen Dezember seinem Zorn über Obamas Syrienstrategie in frappierender Offenheit Luft, nachdem der US-Präsident von seiner Drohung eines Militärschlags gegen Syrien, sollte Präsident Assad chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzen, zurückgewichen war. Schon drei Jahre zuvor versetzte Obama den Saudis einen schweren Schock, als er den langjährigen ägyptischen Verbündeten, Präsident Mubarak, auf dem Höhepunkt der Revolution im Februar 2011 zum Rücktritt drängte. Das Haus Saud wertete dies als klaren Verrat und fühlte sein Vertrauen zur amerikanischen Schutzmacht zutiefst erschüttert. Umso freudiger begrüßte Riad im Juli 2013 den Militärputsch gegen den ersten frei gewählten Präsidenten Ägyptens, den Moslembruder Mursi, und stellte ein Multi-Milliarden-Hilfspaket, unterstützt von Kuwait und den Vereinten Arabischen Emiraten für das neue mit gigantischen ökonomischen Problemen kämpfende Übergangsregime am Nil auf, das – so die Saudis -  die Ordnung am Nil wiederherstellte und damit auch das für das Haus Saud gefährliche Beispiel revolutionärer Veränderung zum Scheitern brachte. Riad knüpft auch seine enorm großzügige Hilfe an Ägypten keineswegs an die Wiederherstellung demokratischer Ordnung, ganz im Gegenteil.  Mit dieser Unterstützung wollen und werden die Saudis Washingtons Bemühungen untergraben, US-Hilfe als Druckmittel für demokratische Reformen einzusetzen.
Doch auch anderswo in der Region sehen Saudis und Amerikaner mit einem Schlag ihre Interessen diametral entgegengesetzt, ganz zu schweigen von den gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Königreich, die ein um Versöhnung bemühter Obama wohl kaum energisch ansprechen wird. Bahrain sei erwähnt, wo Saudi-Arabien die Niederschlagung einer friedlichen Revolution der diskriminierten schiitischen Mehrheit durch Militärintervention ermöglichte.
Kernproblem aber ist Syrien. Beobachter erwarten, dass König Abdullah Obama drängen wird, energische Schritte zum Sturz Assads zu setzen. Der Monarch verfolgt entschlossen das Ziel, in Damaskus eine sunnitische Regierung an die Macht zu hieven, die mit Assads Bündnispartnern Iran und der libanesischen Hisbollah bricht und schließlich die Hisbollah auch von ihrer dominierenden Macht im Libanon verjagt. Saudi-Arabiens geopolitische Position im Rivalitätskampf mit dem Iran wäre damit entscheidend gestärkt. Um den über den wachsenden Einfluss radikaler von Riad unterstützter Jihadis besorgten Obama zu größerer Entschlossenheit in der Syrienkrise zu überreden, erließ Abdullah im Februar ein königliches Dekret, das Saudis die Reise nach Syrien zum Anschluss an Jihadi-Gruppen unter Androhung von bis zu 20-jährigen Haftstrafen verbietet. Nach Schätzungen kämpfen derzeit etwa 2.500 Saudis in Syrien, einige von ihnen auch als führende Kommandeure in der mit Al-Kaida verbündeten „Al-Nusra“.  Zugleich wurde der bisherige Verantwortliche für die „Syrien-Akte“, Geheimdienstchef Bandar bin Sultan von Innenminister Mohammed bin Nayef abgelöst, der in Washington größere Achtung genießt, selbst einem Anschlag der Al-Kaida knapp entging und weit weniger als sein Vorgänger bereit sein dürfte, mit radikalen Jihadis saudische Interessen in der Region zu verfolgen. Zudem wächst angesichts der hemmungslosen Brutalität der Jihadis in Syrien die Angst unter den saudischen Prinzen, dass al-Kaida dort noch mehr erstarken und ihren Terror schließlich gegen das Königshaus selbst richten könnte. Hier treffen sich amerikanische und saudische Interessen.
Vor allem aber wird Obama die Sorge Abdullahs und dessen arabischen Amtskollegen am Persischen Golf vor einem bevorstehenden schwachen Atomabkommen der Weltmächte mit dem Iran, das Teheran längerfristig die Produktion von Atomwaffen und geopolitischen Expansionismus ermöglichen könnte zerstreuen müssen. Die ohnedies traditionell stets latenten Sicherheitsängste des Hauses Saud wurden jüngst noch wesentlich verstärkt durch die Sorge, Washington könnte seinen Verbündeten im entscheidenden Moment im Stich lassen. Anzeichen dafür glaubt man im verminderten US-Interesse an der Region zu erkennen.  Saudische Kommentatoren sprechen gar von einem „amerikanisch-iranischen Komplott „ zur Untergrabung des Königreiches.  Diese Sorge grenzt an Paranoia, setzen doch die USA ihre höchst intensive militärische Kooperation mit Riad, wie mit anderen Golfstaaten entschlossen fort. Allein mit Saudi-Arabien schloss Washington seit 2010 Waffenlieferverträge im Wert von mehr als 86 Mrd. Dollar.
Trotz stark unterschiedlicher Werte, verbinden die USA und Saudi-Arabien immer noch wichtige gemeinsame Interessen. Auch Washington will Irans Hegemoniestreben eindämmen, auch das Haus Saud fürchtet eine erstarkende Al-Kaida und beide müssen einen sich stetig verschärfenden Krieg zwischen den radikalen Strömungen um die Zukunft des Islams fürchten und – hier ist vor allem Riad gefordert – sich intensiv für Dialog und Versöhnung einsetzen.
Beide Seiten wissen, dass sie für ihre strategische Partnerschaft keine Alternative finden. Sie müssen sie nur angesichts der neuen Realitäten in der Region auf eine neue, konstruktive Basis stellen.

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