Doch selbst unter dieser Minderheit wächst der Ärger über die Brutalitäten des Regimes in dessen verzweifelten Überlebenskampf
von Birgit Cerha
[Bild: Drusenhochbrug Sweida im Mount Hauran]
Während Teile Syriens in Flammen stehen, sich das syrische Regime und dessen Gegner für die „Entscheidungsschlachten“ in den Metropolen Damaskus und Aleppo rüsten, herrscht auf dem vulkanischen Plateau von Mount Hauran gespenstische Ruhe – und das schon seit vielen Monaten. Doch auch hier, im Kernland der Drusen, 40 km südlich von Damaskus gelegen, wächst das Unbehagen, ja die Empörung über die hemmungslose Brutalität, mit der der schwerbedrängte Diktator Bashar el Assad seinen Überlebenskampf führt. Doch noch haben sich die Drusen in dieser höchst unangenehmen Wahl zwischen dem Herrscher, dem sie so lange vertraut haben, und der Schar seiner Gegner, unter denen die so lange von der Minderheit gefürchteten radikalen Islamisten starken Einfluss haben, mehrheitlich nicht entschieden. Doch die regimekritischen Stimmen werden immer lauter.
Lange hatten sich Scheichs der Drusen persönlich eingesetzt, um auch im Jebel el-Druze, wie die Syrer das Kerngebiet der Minderheit nennen, sich schwach formierenden Demonstrationen gegen Assad zu zerstreuen. Die Gründe, warum die Drusen so lange dem Assad-Regime treu bleiben, sind vielfältig. In der Minderheit ist die Loyalität zum Regime, insbesondere aber zur Familie Assads besonders stark ausgeprägt, da der Vater des heutigen Präsidenten, Hafez, die Wiedergewinnung der von Israel 1967 besetzten Golanhöhen zu seinem zentralen politischen Anliegen erhoben hatte, eine politische Strategie, die der Sohn Bashar treu fortsetzte. Durch seine Besetzung des Golans hat Israel Tausende drusische Familien zerrissen. Etwa 20.000 Drusen leben heute, hermetisch getrennt von ihren Angehörigen in Syrien, unter israelischer Herrschaft jenseits der Waffenstillstandslinie und haben auch nach mehr als 40 Jahren die Hoffnung auf Wiedervereinigung nicht aufgegeben – eine Hoffnung, die Bashar, wie sein Vater, nährte.
Das lange Schweigen der Drusen hat aber auch andere, rein praktische Gründe. Hohe Arbeits- und Perspektivlosigkeit hat die junge Generation, die den Kern der Rebellion in anderen Bevölkerungsgruppen Syriens stellt, aus dem Mount Hauran weitgehend verjagt. Wer konnte, suchte im Ausland eine neue Existenz, andere fanden in den Streit- und Sicherheitskräften des Regimes, ja sogar in der gefürchteten alawitischen Todesschwadronen, den Shabiha, ein gar nicht kleines Einkommen. Vor allem aber sind es die Urängste vor einem Machtgewinn radikaler sunnitischer Muslime, die die große Mehrheit der Drusen in passives Abwarten drängen.
Die Drusen zählen mit etwa 300.000 Menschen zu den kleinsten Minderheiten Syriens.Sie verstehen sich als „spirituelle Cousins“ der herrschenden alawitischen Minderheit des Landes. Wie jene der Alawiten, hat sich ihre monotheistische Religion aus dem Islam entwickelt. Sie geht auf Sultan al-Hakim Biamrillah, den Herrscher der ägyptischen Fatimiden zurück. Sein Tod 1021 wird von einigen seiner Anhänger als Übergang in die Verborgenheit ausgelegt, aus der er nach tausend Jahren wieder kehren werde, um die Weltherrschaft anzutreten – ein Mythos, der von der Schia übernommen wurde. Ob Hakim aber tatsächlich als Gründer der Drusen betrachtet werden kann, ist unklar, denn die theologische Lehre, nach der er als Inkarnation Gottes gilt, wurde erst nach seinem Tod von von Hamza ibn-Ali und Mohammed al-Darazi, zwei von der Schia abgespaltenen Gelehrten entwickelt. Der Name Drusen leitet sich von Darazi ab, der als einer der ersten Vertreter dieser Glaubensrichtung in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
Alle Richtungen des Islams betrachten die Drusen als Nicht-Muslime. Die Drusen selbst sehen in ihrem Glauben, „Din al-Tawhid“ (Religion der göttlichen Einheit) bezeichnet, eine Neu-Interpretation der drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam. Ihre Theologie stützt sich aber auch auf hinduistische und andere Philosophen, auf den ägyptischen Pharao Echnaton, den Griechen Sokrates, Plato und Aristoteles, wie Alexander den Großen. ‚Sie haben eine allegorische Interpretation des Korans mit eigener Doktrin verwoben. Es ist besonders ihr Glaube an Reinkarnation, die Seelenwanderung, die unter Muslimen derartige Ablehnung auslöste, dass sie die Drusen blutig verfolgten. Diese zogen sich zum Schutz in die Berge, insbesondere des heutigen Libanons und Syriens, zurück, wo sie sich von ihrer Umwelt über Jahrhunderte abschotteten, ihren Glauben und ihre religiösen Praktiken weitgehend geheim hielten und keine Missionierung betrieben.
Sie entwickelten ein starkes Gemeinschaftsgefühl, das sie durch ausgeprägtes martialisches Geschick in einer ihnen häufig feindlich gesinnten Umwelt zu schützen suchten. Zugleich erhoben sie die Anpassung an äußere politische Kräfte, ohne Aufgabe der eigenen Identität, zu den Grundprinzipien ihres Lebens. Dennoch zeichnen sich die Drusen durch einen starken Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit aus, haben sich so in der Geschichte durch mutigen Widerstand gegen Besatzungsmächte hervorgetan und damit mehr Freiheit erkämpft als andere Bevölkerungsgruppen in der Levante. Sie erhoben sich gegen die Osmanen und spielten eine wichtige Rolle in der „Großen Revolte“ gegen die französische Mandatsherrschaft (1925-27).
Der Libanon ist heute das einzige Land, in dem die Drusen eine aktive politische Rolle spielen. In Israel leben etwa 107.000 Drusen. Insgesamt gibt es weltweit nach Schätzungen nicht einmal eine Million Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft. In Syrien konnten sie unter der 40-jährigen Baath-Herrschaft relativ frei leben und Baschar el Assad hofierte sie seit vielen Jahren, insbesondere seit Beginn der Revolten im Vorjahr. Sicherheitskräfte vermieden alles, um Drusen zu attackieren oder zu schikanieren. Dennoch schlossen sich einige drusische Intellektuelle der Opposition an, sind sowohl in dem in der Türkei stationierten „Syrischen Nationalrat“, wie in der „Freien Syrischen Armee“ vertreten. Wenn unter der weniger gebildeten Bevölkerungsmehrheit der sich schon abzeichnende Stimmungsumschwung voll einsetzt, würde Assad eine potentiell kämpferische Stütze seines Regimes verlieren.
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Dienstag, 7. August 2012
Montag, 6. August 2012
Assad verliert seinen Premierminister
Schwerer politischer Schlag für das Regime, das auch militärisch zunehmend in die Defensive gerät
von Birgit Cerha
„Ich gebe heute bekannt, dass ich mich von diesem mörderischen und terroristischen Regime abwende und der für Freiheit und Würde kämpfenden Revolution anschließe.“ Die mit diesen Worten durch einen Sprecher bekanntgegebene Flucht des syrischen Preministers Riad Hijab ist der politisch bisher schwerste Schlag gegen das Regime Bashar el Assads seit Beginn der Revolution vor 17 Monaten. Als das staatliche Fernsehen Montag Früh die Absetzung des Premiers verkündete, hatte Hijab mit seiner Familie und nach bisher unbestätigten Berichten auch zwei Ministern die Grenze zu Jordanien überschritten. Finanzminister Mohammad Jalilati soll bei der Flucht festgenommen worden sein. Mit Hijab hat die syrische Opposition das höchstrangige Mitglied des Regimes für sich gewonnen.
Hijab gehört zwar nicht dem innersten Kreis um Assad an, doch er zählt seit 1982 zu den wichtigen Funktionären der herrschenden Baath-Partei, seit 1998 Mitglied des Führungsteams der Partei. Er war als Provinzchef von Latakia für die Niederschlagung von Unruhen verantwortlich, als diese im Vorjahr dort ausbrachen. Bashar hatte den damaligen Landwirtschaftsminister am 23. Juni, einen Monat nach Parlamentswahlen, nach Aussagen von Hijabs Sprecher Mohammed el Etri, in das Amt des Regierungschefs mit der Drohung gezwungen, entweder zu akzeptieren oder getötet zu werden. Schon zuvor habe der Sunnit Hijab empört über die Brutalitäten des Alawiten-Regimes mit der Opposition Fluchtpläne geschmiedet. „Sein Absprung wird schwerwiegende Folgen“ für Assads Herrschaft haben und „den Erfolg der Revolution“ beeinflussen, meint Etri.
Assad hatte die Parlamentswahlen und die Wahl des neuen Premiers als Erfüllung oppositioneller Forderungen nach demokratischen Reformen propagiert. Doch seine politischen Gegner verwarfen diese Aktionen rasch als Täuschungsmanöver, zumal Hijab jahrzehntelang dem Regime treu gedient hatte. Die Umstände seiner Ernennung zum Premier lassen darauf schließen, dass der Kreis um Assads vertrauenswürdige Mitstreiter immer kleiner wird.
Hijabs Flucht fügt dem von Alawiten dominierten politischen System den ersten schweren Sprung zu. Im Militär- und Geheimdienstapparat nimmt die Zahl der Desertionen schon seit einiger Zeit empfindlich zu. Als besonders schmerzhaft erwies sich der am 3. August gemeldete Absprung von general Nasr Mustafa, der eine wichtige Funktion im Geheimdienst der Luftwaffe bekleidet hatte. Mustafa ist Alawit und die bedingungslose Loyalität der hohen Funktionäre dieser Religionsgemeinschaft bot Assad bisher die sicherste Überlebenschance. Nun muss der Diktator mehr und mehr auch die Treue seiner Glaubensbrüder in Zweifel ziehen.
Auch militärisch erweist sich die Opposition als zunehmend widerstandsfähig. Das zeigte Montag auch der Bombenanschlag auf das Hauptquartier des staatlichen Radios und Fernsehens, bei dem beträchtlicher Sachschaden entstand, einige Personen verletzt, aber niemand getötet wurde. Das Gebäude liegt im schwerbewachten zentralen Omayyaden-Bezirk von Damaskus.
Erst vor zwei Tagen hatte die Militärführung nach heftigen Kämpfen verkündet, dass sie die Stadt von allen „Terroristen“ gesäubert hätte und nun wieder voll unter Kontrolle hielte.
Die „Freie Syrische Armee“ aber schafft es, ungeachtet der militärischen Überlegenheit der Regierungssoldaten, im Herzen der Großstädte Damaskus und Aleppo zuzuschlagen. Regierungstruppen verstärken unterde4ssen den militärischen Ring um Aleppo, scheuen aber vor einer immer wieder angekündigten Entscheidungsschlacht zurück. Ein Armeesprecher kündigte Montag an, dass die bisherigen heftigen Kämpfe um Aleppo nur „die Vorspeise“ gewesen seien, die eigentlich Schlacht erst beginnen und – da Straße für Straß „gesäubert“ werden müsse – sehr lange dauern würde.
Die Taktik der Rebellen, sich unter der Zivilbevölkerung zu verschanzen und – wie eben in Damaskus – mit Blitzüberfällen Ziele des Regimes zu überfallen, sich dann sofort wieder in den Schutz der unbewaffneten Bevölkerung zurückzuziehen, erweist sich als zunehmend erfolgreich. Dabei riskieren die Rebellen allerdings, die mit ihnen sympathisierenden Zivilisten brutalen Strafaktionen auszusetzen, denn militärisch sind sie nicht in der Lage, eroberte Gebiete auch zu halten. Sie zählen vielmehr auf eine zunehmend quälende Zermürbungstaktik und nehmen dabei noch größere Opfer unter der Bevölkerung in Kauf. Militärisch zunehmend besser ausgerüstet, ist es den Rebellen gelungen, Teile der Streitkräfte in ländlichen Gebieten von ihren Kommandozentralen abzuschneiden. Einige dieser Basen können nur noch mit Helikoptern versorgt werden.
Auch administrativ verliert Assad über immer größere Gebiete die Kontrolle, Steuern lassen sich nicht mehr einheben. Langsam könnte dem Regime der Atem ausgehen. Welche Alternative bietet sich dem Diktator an? Wenig ist bekannt von Assads Gedanken. Sein letzter öffentlicher Auftritt war im Juni. Wird er dem Beispiel des Libyers Gadafi folgen, den politischen Todeskampf mit Gegnern, die ihm an Grausamkeit wenig nachstehen, bis zum Ende führen und damit die Brutalität ins Unermessliche steigern? Oder hat der junge Familienvater mit mutmaßlich gigantischen Vermögenswerten im Ausland doch noch eine andere – private – Zukunftsvision? Wofür auch immer er sich entscheiden mag, er hat in Syrien das Feuer der Hölle entfacht. Niemand wird es so bald löschen können.
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von Birgit Cerha
„Ich gebe heute bekannt, dass ich mich von diesem mörderischen und terroristischen Regime abwende und der für Freiheit und Würde kämpfenden Revolution anschließe.“ Die mit diesen Worten durch einen Sprecher bekanntgegebene Flucht des syrischen Preministers Riad Hijab ist der politisch bisher schwerste Schlag gegen das Regime Bashar el Assads seit Beginn der Revolution vor 17 Monaten. Als das staatliche Fernsehen Montag Früh die Absetzung des Premiers verkündete, hatte Hijab mit seiner Familie und nach bisher unbestätigten Berichten auch zwei Ministern die Grenze zu Jordanien überschritten. Finanzminister Mohammad Jalilati soll bei der Flucht festgenommen worden sein. Mit Hijab hat die syrische Opposition das höchstrangige Mitglied des Regimes für sich gewonnen.
Hijab gehört zwar nicht dem innersten Kreis um Assad an, doch er zählt seit 1982 zu den wichtigen Funktionären der herrschenden Baath-Partei, seit 1998 Mitglied des Führungsteams der Partei. Er war als Provinzchef von Latakia für die Niederschlagung von Unruhen verantwortlich, als diese im Vorjahr dort ausbrachen. Bashar hatte den damaligen Landwirtschaftsminister am 23. Juni, einen Monat nach Parlamentswahlen, nach Aussagen von Hijabs Sprecher Mohammed el Etri, in das Amt des Regierungschefs mit der Drohung gezwungen, entweder zu akzeptieren oder getötet zu werden. Schon zuvor habe der Sunnit Hijab empört über die Brutalitäten des Alawiten-Regimes mit der Opposition Fluchtpläne geschmiedet. „Sein Absprung wird schwerwiegende Folgen“ für Assads Herrschaft haben und „den Erfolg der Revolution“ beeinflussen, meint Etri.
Assad hatte die Parlamentswahlen und die Wahl des neuen Premiers als Erfüllung oppositioneller Forderungen nach demokratischen Reformen propagiert. Doch seine politischen Gegner verwarfen diese Aktionen rasch als Täuschungsmanöver, zumal Hijab jahrzehntelang dem Regime treu gedient hatte. Die Umstände seiner Ernennung zum Premier lassen darauf schließen, dass der Kreis um Assads vertrauenswürdige Mitstreiter immer kleiner wird.
Hijabs Flucht fügt dem von Alawiten dominierten politischen System den ersten schweren Sprung zu. Im Militär- und Geheimdienstapparat nimmt die Zahl der Desertionen schon seit einiger Zeit empfindlich zu. Als besonders schmerzhaft erwies sich der am 3. August gemeldete Absprung von general Nasr Mustafa, der eine wichtige Funktion im Geheimdienst der Luftwaffe bekleidet hatte. Mustafa ist Alawit und die bedingungslose Loyalität der hohen Funktionäre dieser Religionsgemeinschaft bot Assad bisher die sicherste Überlebenschance. Nun muss der Diktator mehr und mehr auch die Treue seiner Glaubensbrüder in Zweifel ziehen.
Auch militärisch erweist sich die Opposition als zunehmend widerstandsfähig. Das zeigte Montag auch der Bombenanschlag auf das Hauptquartier des staatlichen Radios und Fernsehens, bei dem beträchtlicher Sachschaden entstand, einige Personen verletzt, aber niemand getötet wurde. Das Gebäude liegt im schwerbewachten zentralen Omayyaden-Bezirk von Damaskus.
Erst vor zwei Tagen hatte die Militärführung nach heftigen Kämpfen verkündet, dass sie die Stadt von allen „Terroristen“ gesäubert hätte und nun wieder voll unter Kontrolle hielte.
Die „Freie Syrische Armee“ aber schafft es, ungeachtet der militärischen Überlegenheit der Regierungssoldaten, im Herzen der Großstädte Damaskus und Aleppo zuzuschlagen. Regierungstruppen verstärken unterde4ssen den militärischen Ring um Aleppo, scheuen aber vor einer immer wieder angekündigten Entscheidungsschlacht zurück. Ein Armeesprecher kündigte Montag an, dass die bisherigen heftigen Kämpfe um Aleppo nur „die Vorspeise“ gewesen seien, die eigentlich Schlacht erst beginnen und – da Straße für Straß „gesäubert“ werden müsse – sehr lange dauern würde.
Die Taktik der Rebellen, sich unter der Zivilbevölkerung zu verschanzen und – wie eben in Damaskus – mit Blitzüberfällen Ziele des Regimes zu überfallen, sich dann sofort wieder in den Schutz der unbewaffneten Bevölkerung zurückzuziehen, erweist sich als zunehmend erfolgreich. Dabei riskieren die Rebellen allerdings, die mit ihnen sympathisierenden Zivilisten brutalen Strafaktionen auszusetzen, denn militärisch sind sie nicht in der Lage, eroberte Gebiete auch zu halten. Sie zählen vielmehr auf eine zunehmend quälende Zermürbungstaktik und nehmen dabei noch größere Opfer unter der Bevölkerung in Kauf. Militärisch zunehmend besser ausgerüstet, ist es den Rebellen gelungen, Teile der Streitkräfte in ländlichen Gebieten von ihren Kommandozentralen abzuschneiden. Einige dieser Basen können nur noch mit Helikoptern versorgt werden.
Auch administrativ verliert Assad über immer größere Gebiete die Kontrolle, Steuern lassen sich nicht mehr einheben. Langsam könnte dem Regime der Atem ausgehen. Welche Alternative bietet sich dem Diktator an? Wenig ist bekannt von Assads Gedanken. Sein letzter öffentlicher Auftritt war im Juni. Wird er dem Beispiel des Libyers Gadafi folgen, den politischen Todeskampf mit Gegnern, die ihm an Grausamkeit wenig nachstehen, bis zum Ende führen und damit die Brutalität ins Unermessliche steigern? Oder hat der junge Familienvater mit mutmaßlich gigantischen Vermögenswerten im Ausland doch noch eine andere – private – Zukunftsvision? Wofür auch immer er sich entscheiden mag, er hat in Syrien das Feuer der Hölle entfacht. Niemand wird es so bald löschen können.
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Sonntag, 5. August 2012
Syriens Christen: eine der ältesten Gemeinschaften des Orients
Die Minderheit gerät zur Zielscheibe islamistischer Opposition - Wachsende Ängste um den Verlust jahrhundertelanger religiöser Harmonie
von Birgit Cerha
Als vor 17 Monaten der „Arabische Frühling“ der Freiheit auch in Syrien seinen Einzug hielt, schlossen sich auch manche, insbesondere jugendliche, Angehörige der christlichen Minderheit den friedlichen Protesten gegen das Regime Bashar el Assads an. Doch als der Diktator mit ungeheurer Brutalität zuzuschlagen begann, sich die Opposition zunehmend militarisierte und radikalisierte, zogen sich die jungen christlichen Aktivisten zurück. Nun aber hat die eskalierende Gewalt auch die Christenviertel der beiden größten Städte, Aleppo und Damaskus erfasst. Christen geraten zwischen die Fronten. Zugleich häufen sich alarmierende Berichte über gezielte Attacken radikaler Islamisten, die Christen ausschließlich wegen ihrer Religionszugehörigkeit bedrohen und zunehmend auch töten. Manche Gegner Assads beschuldigen sie der Kollaboration mit dem Regime, andere, kriminelle Gewalttäter, entführen sie, um Lösegeld zu erpressen.
Mit wachsender Angst der Minderheit vor dem nun auch sie ernsthaft bedrohenden „irakischen Alptraum“ nehmen immer mehr Christen das Waffen-Angebot des Regimes an, um sich selbst zu schützen. Seit dem Sturz Saddam Husseins im Irak 2003 ist die christliche Minderheit von mehr als einer Million auf die Hälfte geschrumpft. An die 300.000 flüchteten vor dem Bürgerkrieg und gezielten Angriffen radikaler Islamisten nach Syrien. Ein großer Teil von ihnen kehrte nun in den nach wie vor unsicheren Irak zurück.
Denn die dramatischen Ereignisse in Quseir wecken die schlimmsten Ängste. Nach etwa sieben Monate der Belagerung durch Assads Sicherheitskräfte hatten sunnitische Geistliche in der 60.000 Einwohner zählenden Stadt südwestlich der lange umkämpften Rebellenhochburg Homs die etwa 10.000 Christen, der Kollaboration mit dem Regime bezichtigt und ihnen ein Ultimatum gestellt, um die Stadt zu verlassen. Fast alle flüchteten. In Homs selbst haben Angehörige der bewaffneten Opposition ganze christliche Stadtviertel gesäubert. Nur etwa 400 der einst rund 80.000 christlichen Bewohner harren dort noch aus.
Dabei hatte das Gebiet des heutigen Syrien in der Geschichte ein Musterbeispiel eines Lebens in religiöser Harmonie geboten. Eine der ältesten christlichen Gemeinschaften, nach Ägypten der größten im Nahen Osten, hat sich hier seit 2.000 Jahren entwickelt. Das Neue Testament berichtet von Saulus, der auf dem Weg nach Damaskus zum Christentum bekehrt wurde. Und in der berühmten Omayyaden –Moschee von Damaskus wird das Haupt Johannes des Täufers aufbewahrt, der die Muslime als Vorläufer des Propheten Mohammed verehren Niemals in der Geschichte gab es auf dem Boden des heutigen Syrien eine Christenverfolgung.
Mehr als zwei Millionen Christen leben heute in Syrien, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Die Christen sind nach Religionszugehörigkeit und politischer Einstellung gespalten.
Die griechisch orthodoxe und griechisch katholische Kirche sind die beiden größten christlichen Glaubensgemeinschaften. Kleiner Gruppierungen sind mit Rom unierte Maroniten, Katholiken Syrisch-Orthodoxe, Assyrer, Armenisch-Orthodoxe und mit Rom unierte armenische Katholiken.
Traditionell leben die Christen in städtischen Gebieten, die meisten in Aleppo, das mehr als 40 teils kulturhistorisch höchst bemerkenswerte Kirchen beherbergt. Sie zeichnen sich durch einen relativ hohen Bildungsgrad aus, gehören überwiegend der Mittelschichte an und genossen bisher in Syrien den größten Freiraum im gesamten Nahen Osten: Keine berufliche und politische Diskriminierung (selbst Ministerposten standen ihnen offen) und völlige Religionsfreiheit. Die 40-jährige Herrschaft der Assads, die sich stets als Schutzherren der Minderheiten präsentierten, setzte de facto nur einen religiösen Liberalismus fort, der in Syrien traditionell bestanden hatte. Schon in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es einen christlichen Premierminister. Das Regime aber spielte stets diese Schutzrolle zur Absicherung seiner Macht und im Kampf gegen die sie bedrohenden radikalen Sunniten aus. Nun wollen sich die Christen – so betonen einige ihrer prominenten Vertreter – aber nicht mehr instrumentalisieren lassen. Sie „müssen sich nicht zu ihrem Schutz hinter einem Regime verbergen“, betont der Geistliche Nadium Nassar im britischen „Guardian“. „Wir sind geschützt durch die Tatsache, dass wir Syrer sind, ursprünglicher Teil des Grundgefüges unserer Gesellschaft.“ Und diese Gesellschaft, so Nassar, sei „aufgeklärt, säkular,.. mit einem tiefen spirituellen Kern und der gemeinsamen Überzeugung, dass Syrien (Heimat) für jeden ist.“ Doch auch Nassar befürchtet, dass radikale Islamisten, unter Einfluss von außen, an Macht gewinnen und die „Traditionen der Ko-Existenz und religiöser Harmonie“ zerstören könnten.
In Wahrheit geht es in diesem Krieg zunehmend nicht mehr nur um Macht. Es geht um die Seele Syriens.
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von Birgit Cerha
Als vor 17 Monaten der „Arabische Frühling“ der Freiheit auch in Syrien seinen Einzug hielt, schlossen sich auch manche, insbesondere jugendliche, Angehörige der christlichen Minderheit den friedlichen Protesten gegen das Regime Bashar el Assads an. Doch als der Diktator mit ungeheurer Brutalität zuzuschlagen begann, sich die Opposition zunehmend militarisierte und radikalisierte, zogen sich die jungen christlichen Aktivisten zurück. Nun aber hat die eskalierende Gewalt auch die Christenviertel der beiden größten Städte, Aleppo und Damaskus erfasst. Christen geraten zwischen die Fronten. Zugleich häufen sich alarmierende Berichte über gezielte Attacken radikaler Islamisten, die Christen ausschließlich wegen ihrer Religionszugehörigkeit bedrohen und zunehmend auch töten. Manche Gegner Assads beschuldigen sie der Kollaboration mit dem Regime, andere, kriminelle Gewalttäter, entführen sie, um Lösegeld zu erpressen.
Mit wachsender Angst der Minderheit vor dem nun auch sie ernsthaft bedrohenden „irakischen Alptraum“ nehmen immer mehr Christen das Waffen-Angebot des Regimes an, um sich selbst zu schützen. Seit dem Sturz Saddam Husseins im Irak 2003 ist die christliche Minderheit von mehr als einer Million auf die Hälfte geschrumpft. An die 300.000 flüchteten vor dem Bürgerkrieg und gezielten Angriffen radikaler Islamisten nach Syrien. Ein großer Teil von ihnen kehrte nun in den nach wie vor unsicheren Irak zurück.
Denn die dramatischen Ereignisse in Quseir wecken die schlimmsten Ängste. Nach etwa sieben Monate der Belagerung durch Assads Sicherheitskräfte hatten sunnitische Geistliche in der 60.000 Einwohner zählenden Stadt südwestlich der lange umkämpften Rebellenhochburg Homs die etwa 10.000 Christen, der Kollaboration mit dem Regime bezichtigt und ihnen ein Ultimatum gestellt, um die Stadt zu verlassen. Fast alle flüchteten. In Homs selbst haben Angehörige der bewaffneten Opposition ganze christliche Stadtviertel gesäubert. Nur etwa 400 der einst rund 80.000 christlichen Bewohner harren dort noch aus.
Dabei hatte das Gebiet des heutigen Syrien in der Geschichte ein Musterbeispiel eines Lebens in religiöser Harmonie geboten. Eine der ältesten christlichen Gemeinschaften, nach Ägypten der größten im Nahen Osten, hat sich hier seit 2.000 Jahren entwickelt. Das Neue Testament berichtet von Saulus, der auf dem Weg nach Damaskus zum Christentum bekehrt wurde. Und in der berühmten Omayyaden –Moschee von Damaskus wird das Haupt Johannes des Täufers aufbewahrt, der die Muslime als Vorläufer des Propheten Mohammed verehren Niemals in der Geschichte gab es auf dem Boden des heutigen Syrien eine Christenverfolgung.
Mehr als zwei Millionen Christen leben heute in Syrien, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Die Christen sind nach Religionszugehörigkeit und politischer Einstellung gespalten.
Die griechisch orthodoxe und griechisch katholische Kirche sind die beiden größten christlichen Glaubensgemeinschaften. Kleiner Gruppierungen sind mit Rom unierte Maroniten, Katholiken Syrisch-Orthodoxe, Assyrer, Armenisch-Orthodoxe und mit Rom unierte armenische Katholiken.
Traditionell leben die Christen in städtischen Gebieten, die meisten in Aleppo, das mehr als 40 teils kulturhistorisch höchst bemerkenswerte Kirchen beherbergt. Sie zeichnen sich durch einen relativ hohen Bildungsgrad aus, gehören überwiegend der Mittelschichte an und genossen bisher in Syrien den größten Freiraum im gesamten Nahen Osten: Keine berufliche und politische Diskriminierung (selbst Ministerposten standen ihnen offen) und völlige Religionsfreiheit. Die 40-jährige Herrschaft der Assads, die sich stets als Schutzherren der Minderheiten präsentierten, setzte de facto nur einen religiösen Liberalismus fort, der in Syrien traditionell bestanden hatte. Schon in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es einen christlichen Premierminister. Das Regime aber spielte stets diese Schutzrolle zur Absicherung seiner Macht und im Kampf gegen die sie bedrohenden radikalen Sunniten aus. Nun wollen sich die Christen – so betonen einige ihrer prominenten Vertreter – aber nicht mehr instrumentalisieren lassen. Sie „müssen sich nicht zu ihrem Schutz hinter einem Regime verbergen“, betont der Geistliche Nadium Nassar im britischen „Guardian“. „Wir sind geschützt durch die Tatsache, dass wir Syrer sind, ursprünglicher Teil des Grundgefüges unserer Gesellschaft.“ Und diese Gesellschaft, so Nassar, sei „aufgeklärt, säkular,.. mit einem tiefen spirituellen Kern und der gemeinsamen Überzeugung, dass Syrien (Heimat) für jeden ist.“ Doch auch Nassar befürchtet, dass radikale Islamisten, unter Einfluss von außen, an Macht gewinnen und die „Traditionen der Ko-Existenz und religiöser Harmonie“ zerstören könnten.
In Wahrheit geht es in diesem Krieg zunehmend nicht mehr nur um Macht. Es geht um die Seele Syriens.
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Donnerstag, 2. August 2012
Syriens Kurden zwischen allen Fronten
Endlich vereint gegen das Regime, doch nicht mit der Opposition, bietet sich der unterdrückten Minderheit endlich eine „historische Chance“?
von Birgit Cerha
Über Derik, Qamishli, Amude, Kobani bis Afrin, entlang der Grenze zur Türkei, flattern die rot-weiß-grünen Flaggen Kurdistans, in Konkurrenz zu jenen mit dem roten Stern in der Mitte, den die stärkste Kurdenpartei Syriens, die „Demokratische Uniontspartei“ (DUP), über syrischen Amtsgebäuden und an öffentlichen Plätzen aufgezogen hat. Seit Assad zum Kampf um Damaskus und Aleppo seine Truppen aus den syrischen Kurdenregionen im Norden des Landes abzog, übernahmen die Kurden erstmals die Kontrolle über diesen Teil ihrer Heimat.In manchen kleinen Städten wurden Beamte des Regimes schon hinausgedrängt, in Afrin etwa sorgt nun die DUP für Wasser- und Stromversorgung und für eine reibungslose medizinische Hilfe.
„Nun halten die Kurden ihr Schicksal selbst in der Hand“, frohlockt Nuri Brimo von der „Kurdischen Demokratischen Partei Syriens“ (KDPS). Nach mehr als tausend Jahren arabisch/osmanischer Vorherrschaft “können wir nun in dieser Revolution mit minimalen Opfern siegen“.
Öffnet sich tatsächlich den Kurden Syriens nun eine „historische Chance“? Während die Kämpfe um Aleppo in ungeheuerlicher Heftigkeit toben, stießen kurdische Gruppierungen gewaltlos in das von Assad geöffnete Sicherheitsvakuum im überwiegend kurdischen Norden des Landes vor. Durch Vermittlung des Präsidenten der autonomen nord-irakischen Kurdenregion, Massoud Barzani, schlossen die kurdischen Erzrivalen, die mit der türkisch-kurdischen PKK verbündete DUP und der „Kurdische Nationalrat“ (KNR), ein Dachverband von etwa 15 kleinen kurdischen Parteien, einen Pakt, um gemeinsam, friedlich, die freigewordenen, auch an das autonome irakisch-Kurdistan grenzenden Gebiete zu verwalten.
Schon malt der prominente türkische Journalist Mehmet Ali Birand das Schreckgespenst der Türkei an die Wand: die Geburt eines „Mega-Kurdistans“, eines Staates, der die Kurdengebiete des Iraks, Syriens und der Türkei umfaßt. Und die einflußreiche Tageszeitung „Hürriyet“ sieht in der angeblichen „Demonstration der Stärke kurdischer Gruppen“ einen „potentiellen Alptraum“. Dementsprechend stellt auch Premierminister Erdogan klar, dass die Türkei ihr Recht zur Verfolgung kurdischer Rebellen (der PKK) auf syrischem Territorium durchsetzen werde. Wenn sich DUP nicht von der PKK distanziere und verhindere, dass diese Kämpfer in die Türkei einschleuse, werde die türkische Armee mit aller Kraft reagieren. Für diesen Fall warnt die PKK, sie werde „das gesamte Kurdistan in eine Kriegszone verwandeln“. Die Zeichen stehen auf Sturm. Und zwischen den Fronten steht die kurdische Zivilbevölkerung Syriens.
Syriens nun lose vereinte Kurdenparteien sind realistisch. Sie streben weder nach Unabhängigkeit, noch nach Anschluss an türkische und irakische Kurdenregionen. Sie sehnen sich nach einem Ende der Repression und Diskriminierung, nach einer auch in der Verfassung eines neuen demokratischen Syrien festgehaltenen Anerkennung ihrer eigenen, der kurdischen Identität – eine Forderung, die die im „Syrischen Nationalrat“ (SNR) zusammengeschlossene Opposition beharrlich ablehnt. Auf das Wort „Arabisch“ soll im offiziellen Namen der syrischen Republik auch in Zukunft nicht verzichtet werden. Der künftige demokratische Charakter des Staates, so die Argumentation der arabischen Gegner Assads, müsse den Kurden als Garantie für Gleichberechtigung genügen. Die Türkei sieht darauf, dass der in ihrem Land stationierte SNR nicht von dieser Position abrückt. Und die den SNR dominierenden Moslembrüder verzeihen den Kurden bis heute nicht, weil sie sich 1982 nicht an dem blutigen Aufstand gegen Präsident Hafez el Assad beteiligt hatten. Nach dem Sturz der Alawiten, so die jahrzehntelange Drohung der Moslembrüder, kämen die Kurden an die Reihe. Doese Warnung wird wieder akut. Der Vorwurf, sich nicht dem Kampf gegen das repressive Regime angeschlossen zu haben, könnte tatsächlich den Kurden zum Verhängnis werden, wenn die Moslembruderschaft im Syrien nach Assad entscheidenden Einfluss erobert hat.
So haben sich Syriens Kurden nicht zu gemeinsamer Strategie mit dem SNR entschlossen. Sie haben sich aber auch nicht von Assad, der ihnen zu Beginn der Revolten im Frühjahr 2011 plötzlich jahrzehntelang verweigerte Staatsbürgerschaft für Hunderttausende Kurden und andere Grundrechte versprach, ködern lassen. All zu sehr schmerzen die Wunden vergangener Repression und die Erfahrung ihrer iranischen Brüder, die sich 1979 der Revolution Khomeinis angeschlossen hatten, nur um nach dessen Sieg die volle Wucht der Militärmaschinerie des „Gottesstaates“ zu erleiden, drängen Syriens Kurden zu großer Vorsicht.
Der Nachweis kurdischer Existenz im Gebiet des heutigen Syrien reicht bis ins siebente Jahrhundert zurück. Doch im Gegensatz zu ihren Brüdern in der heutigen Türkei, im Irak und Iran, machen sie nur etwas mehr als zehn Prozent der syrischen Bevölkerung aus (an die drei Millionen) und leben zersplittert in der nördlichen Grenzregion, aber auch in Damaskus und Aleppo. Ihr Siedlungsgebiet birgt keine reichen Bodenschätze, die geostrategische Intressen, wie das Bündnis mit einer Großmacht (USA mit den irakischen Kurden) wecken würden, ja nicht einmal den Schutz eines Berglandes, der insbesondere den irakischen Kurden den jahrzehntelangen Kampf gegen Bagdad ermöglicht hatte.
Die Repressionsgeschichte der Kurden erhielt eine neue Dimension mit dem wachsenden Einfluss der Ideologie der arabisch-nationalistischen Baath-Partei, deren Anhänger 1963 die Macht in Syrien übernahmen und sie bis heute halten. Das Feuer in einem Kino, bei dem im November 1960 fast 300 kurdische Schulkinder in Amude starben, hat bis heute blutende Narben in der Seele der Minderheit zurückgelassen. Alle Ausgangstore des Kinos waren geschlossen und die Ursache der Katastrophe wurde nie aufgeklärt. Die Kurden sind überzeugt, dass das arabisch-nationalistische Regime, dass im Streben dieser nicht-arabischen Bevölkerungsgruppe eine Gefahr für das Ziel arabischer Einheit sah, dafür die Verantwortung trug. Nur zwei Jahre später entzog die Regierung in Damaskus 120.000 Kurden die Staatsbürgerschaft. Deren Zahl hat sich auf natürlichem Wege inzwischen mehr als verdreifacht, und erst bedrängt durch die Revolten im Vorjahr versprach Assad diesen de facto Ausgestoßenen volle Bürgerrechte. 1973 legte Präsident Hafez el Assad durch Ansiedlung von Beduinen einen „arabischen Gürtel“ um das Kurdengebiet, um die Minderheit damit in Schach zu halten. Sein Sohn Bashar setzte die Repressionen fort: die kurdische Sprache, kurdische Namen, die Feier des kurdischen Neujahrsfestes Nowruz blieben verboten - Restriktionen, der Präsident im Vorjahr aufhob. Als sich die Kurden 2004 in Qamischli gegen die Unterdrückung in ungewöhnlicher Stärke erhoben, schlugen die Regierungssoldaten brutal zu.
Heute stehen Syriens Kurden zwischen allen Fronten. „Niemand hört uns“, faßt ein kurdischer Aktivist weitverbreitete Frustrationen zusammen. „Wir haben die Regionalregierung“ irakisch-Kurdistans um materielle Hilfe angesichts wachsender Not „angefleht. Nur Versprechungen, die bisher unerfüllt blieben. Und voll Bitterkeit erinnern Syriens Kurden an ihren unermüdlichen Einsatz, ihre stete Hilfe für die solange bedrängten und um ihre Freiheit kämpfenden Brüder insbesondere im Irak.
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von Birgit Cerha
Über Derik, Qamishli, Amude, Kobani bis Afrin, entlang der Grenze zur Türkei, flattern die rot-weiß-grünen Flaggen Kurdistans, in Konkurrenz zu jenen mit dem roten Stern in der Mitte, den die stärkste Kurdenpartei Syriens, die „Demokratische Uniontspartei“ (DUP), über syrischen Amtsgebäuden und an öffentlichen Plätzen aufgezogen hat. Seit Assad zum Kampf um Damaskus und Aleppo seine Truppen aus den syrischen Kurdenregionen im Norden des Landes abzog, übernahmen die Kurden erstmals die Kontrolle über diesen Teil ihrer Heimat.In manchen kleinen Städten wurden Beamte des Regimes schon hinausgedrängt, in Afrin etwa sorgt nun die DUP für Wasser- und Stromversorgung und für eine reibungslose medizinische Hilfe.
„Nun halten die Kurden ihr Schicksal selbst in der Hand“, frohlockt Nuri Brimo von der „Kurdischen Demokratischen Partei Syriens“ (KDPS). Nach mehr als tausend Jahren arabisch/osmanischer Vorherrschaft “können wir nun in dieser Revolution mit minimalen Opfern siegen“.
Öffnet sich tatsächlich den Kurden Syriens nun eine „historische Chance“? Während die Kämpfe um Aleppo in ungeheuerlicher Heftigkeit toben, stießen kurdische Gruppierungen gewaltlos in das von Assad geöffnete Sicherheitsvakuum im überwiegend kurdischen Norden des Landes vor. Durch Vermittlung des Präsidenten der autonomen nord-irakischen Kurdenregion, Massoud Barzani, schlossen die kurdischen Erzrivalen, die mit der türkisch-kurdischen PKK verbündete DUP und der „Kurdische Nationalrat“ (KNR), ein Dachverband von etwa 15 kleinen kurdischen Parteien, einen Pakt, um gemeinsam, friedlich, die freigewordenen, auch an das autonome irakisch-Kurdistan grenzenden Gebiete zu verwalten.
Schon malt der prominente türkische Journalist Mehmet Ali Birand das Schreckgespenst der Türkei an die Wand: die Geburt eines „Mega-Kurdistans“, eines Staates, der die Kurdengebiete des Iraks, Syriens und der Türkei umfaßt. Und die einflußreiche Tageszeitung „Hürriyet“ sieht in der angeblichen „Demonstration der Stärke kurdischer Gruppen“ einen „potentiellen Alptraum“. Dementsprechend stellt auch Premierminister Erdogan klar, dass die Türkei ihr Recht zur Verfolgung kurdischer Rebellen (der PKK) auf syrischem Territorium durchsetzen werde. Wenn sich DUP nicht von der PKK distanziere und verhindere, dass diese Kämpfer in die Türkei einschleuse, werde die türkische Armee mit aller Kraft reagieren. Für diesen Fall warnt die PKK, sie werde „das gesamte Kurdistan in eine Kriegszone verwandeln“. Die Zeichen stehen auf Sturm. Und zwischen den Fronten steht die kurdische Zivilbevölkerung Syriens.
Syriens nun lose vereinte Kurdenparteien sind realistisch. Sie streben weder nach Unabhängigkeit, noch nach Anschluss an türkische und irakische Kurdenregionen. Sie sehnen sich nach einem Ende der Repression und Diskriminierung, nach einer auch in der Verfassung eines neuen demokratischen Syrien festgehaltenen Anerkennung ihrer eigenen, der kurdischen Identität – eine Forderung, die die im „Syrischen Nationalrat“ (SNR) zusammengeschlossene Opposition beharrlich ablehnt. Auf das Wort „Arabisch“ soll im offiziellen Namen der syrischen Republik auch in Zukunft nicht verzichtet werden. Der künftige demokratische Charakter des Staates, so die Argumentation der arabischen Gegner Assads, müsse den Kurden als Garantie für Gleichberechtigung genügen. Die Türkei sieht darauf, dass der in ihrem Land stationierte SNR nicht von dieser Position abrückt. Und die den SNR dominierenden Moslembrüder verzeihen den Kurden bis heute nicht, weil sie sich 1982 nicht an dem blutigen Aufstand gegen Präsident Hafez el Assad beteiligt hatten. Nach dem Sturz der Alawiten, so die jahrzehntelange Drohung der Moslembrüder, kämen die Kurden an die Reihe. Doese Warnung wird wieder akut. Der Vorwurf, sich nicht dem Kampf gegen das repressive Regime angeschlossen zu haben, könnte tatsächlich den Kurden zum Verhängnis werden, wenn die Moslembruderschaft im Syrien nach Assad entscheidenden Einfluss erobert hat.
So haben sich Syriens Kurden nicht zu gemeinsamer Strategie mit dem SNR entschlossen. Sie haben sich aber auch nicht von Assad, der ihnen zu Beginn der Revolten im Frühjahr 2011 plötzlich jahrzehntelang verweigerte Staatsbürgerschaft für Hunderttausende Kurden und andere Grundrechte versprach, ködern lassen. All zu sehr schmerzen die Wunden vergangener Repression und die Erfahrung ihrer iranischen Brüder, die sich 1979 der Revolution Khomeinis angeschlossen hatten, nur um nach dessen Sieg die volle Wucht der Militärmaschinerie des „Gottesstaates“ zu erleiden, drängen Syriens Kurden zu großer Vorsicht.
Der Nachweis kurdischer Existenz im Gebiet des heutigen Syrien reicht bis ins siebente Jahrhundert zurück. Doch im Gegensatz zu ihren Brüdern in der heutigen Türkei, im Irak und Iran, machen sie nur etwas mehr als zehn Prozent der syrischen Bevölkerung aus (an die drei Millionen) und leben zersplittert in der nördlichen Grenzregion, aber auch in Damaskus und Aleppo. Ihr Siedlungsgebiet birgt keine reichen Bodenschätze, die geostrategische Intressen, wie das Bündnis mit einer Großmacht (USA mit den irakischen Kurden) wecken würden, ja nicht einmal den Schutz eines Berglandes, der insbesondere den irakischen Kurden den jahrzehntelangen Kampf gegen Bagdad ermöglicht hatte.
Die Repressionsgeschichte der Kurden erhielt eine neue Dimension mit dem wachsenden Einfluss der Ideologie der arabisch-nationalistischen Baath-Partei, deren Anhänger 1963 die Macht in Syrien übernahmen und sie bis heute halten. Das Feuer in einem Kino, bei dem im November 1960 fast 300 kurdische Schulkinder in Amude starben, hat bis heute blutende Narben in der Seele der Minderheit zurückgelassen. Alle Ausgangstore des Kinos waren geschlossen und die Ursache der Katastrophe wurde nie aufgeklärt. Die Kurden sind überzeugt, dass das arabisch-nationalistische Regime, dass im Streben dieser nicht-arabischen Bevölkerungsgruppe eine Gefahr für das Ziel arabischer Einheit sah, dafür die Verantwortung trug. Nur zwei Jahre später entzog die Regierung in Damaskus 120.000 Kurden die Staatsbürgerschaft. Deren Zahl hat sich auf natürlichem Wege inzwischen mehr als verdreifacht, und erst bedrängt durch die Revolten im Vorjahr versprach Assad diesen de facto Ausgestoßenen volle Bürgerrechte. 1973 legte Präsident Hafez el Assad durch Ansiedlung von Beduinen einen „arabischen Gürtel“ um das Kurdengebiet, um die Minderheit damit in Schach zu halten. Sein Sohn Bashar setzte die Repressionen fort: die kurdische Sprache, kurdische Namen, die Feier des kurdischen Neujahrsfestes Nowruz blieben verboten - Restriktionen, der Präsident im Vorjahr aufhob. Als sich die Kurden 2004 in Qamischli gegen die Unterdrückung in ungewöhnlicher Stärke erhoben, schlugen die Regierungssoldaten brutal zu.
Heute stehen Syriens Kurden zwischen allen Fronten. „Niemand hört uns“, faßt ein kurdischer Aktivist weitverbreitete Frustrationen zusammen. „Wir haben die Regionalregierung“ irakisch-Kurdistans um materielle Hilfe angesichts wachsender Not „angefleht. Nur Versprechungen, die bisher unerfüllt blieben. Und voll Bitterkeit erinnern Syriens Kurden an ihren unermüdlichen Einsatz, ihre stete Hilfe für die solange bedrängten und um ihre Freiheit kämpfenden Brüder insbesondere im Irak.
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Freitag, 27. Juli 2012
LEXIKON: Die alawitische Geheimreligion
von Birgit Cerha
Der Ursprung der alawitischen Glaubensgemeinschaft wird im Irak des 9. Oder 10. Jahrhunderts n. Chr. vermutet, wo sie sich von den die Region (Iran, Irak u.a.)dominierenden „Zwölferschiiten“ abgespalten hatten. Historisch werden sie auch Nusayrier genannt, nach ohrem 863 verstorbenen ersten religiösen Oberhaupt Mohammed Ibn Nusayr, der im irakischen Basra als Gefolgsmann des zehnten Imams gelebt hatte. Ab dem 10. Jahrhundert verbreiteten sich Nusayris Lehren, deren schriftliche Quellen nicht bekannt sind, im Irak und später in Syrien. Einige seiner Anhänger leben heute auch im Libanon.
Die Schiiten kritisierten die Nusayrier als „ghulat“ (Übertreiber), weil sie Ali ibn Abi Talib, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, von dem sich die Imame der Schia ableiten, gottgleichen Rang einräumten, eine Behauptung, der die Nusayrier entschieden widersprechen. Doch um den Ruch des Sektiererischen ihrer Vorfahren abzulegen, nannten sie sich schließlich Alawiten, d.h. Anhänger Alis, den sie, wie die schiitische Hauptströmung – im Gegensatz zu den Sunniten – als den wahren Nachfolger Mohammeds verehren. Die Namensänderung schützte sie jedoch nicht vor Verdammung durch orthodoxe Sunniten, lange aber auch Schiiten, die die Alawiten als „Abtrünnige“ betrachten. Radikalen Islamisten gelten die Alawiten bis heute als „Freiwild“.
Wegen massiver Verfolgung in der Geschichte, halten die Alawiten ihre Glaubensgrundsätze geheim, sie werden nur an männliche Mitglieder, die der Familie eines Scheichs angehören, weitergegeben. Ein Übertritt zum Alawitentum ist nicht möglich. Über ihre Lehren und ihre religiösen Praktiken ist deshalb wenig bekannt. Alawiten sind aber durch ihre Offenheit und ihren Liberalismus bekannt. Sie feiern das zoroastrische Neujahr und mit den Christen Weihnachten und sie zwingen ihre Freuen nicht in die Häuser und zu einem Leben in Verschleierung. Sie folgen zwar dem Koran, fasten aber nicht und glauben an die Reinkarnation.
Wohl vor allem aus geopolitischen Gründen begann nach der islamischen Revolution im Iran 1979 von Teheran vorangetrieben eine Annäherung an Syriens Alawiten. Schon sechs Jahre zuvor war es Hafez el Assad gelungen, den Vorsitzenden des Obersten schiitischen Rates im Libanon, Imam Musa Sadr, zu einer offiziellen Anerkennung der Nusayrier als Muslime zu bewegen. Sadrs Fetwa (religiöses Edikt) war entscheidende Voraussetzung für Assads Aufstieg ins Präsidentenamt, das ausschließlich Muslimen vorbehalten ist. Während seiner Amtszeit präsentierte sich der überzeugte Säkularist Assad denn auch als Muslim, pflegte gute Beziehungen zur sunnitischen Geistlichkeit des Landes und mied alles, was als einseitige Förderung der alawitischen Religion gewertet werden konnte. Wo jede andere Glaubensgemeinschaft in Syrien ihre Familienangelegenheiten nach ihren religiösen Vorschriften regelt, gilt für die Alawiten der sunnitische Kodex. Assad verbot den Alawiten die öffentliches Praktizieren ihrer Religion, die Wahl eines Oberhauptes und wichtige religiöse Bücher.
Die in der Türkei stark verbreiteten Alevis verbindet nur der Name (Bezug zu Ali) mit den arabischen Alawiten. Sie repräsentieren einen anderen Zweig des Islams, sind keine Geheimreligion. Ihre Lehre ist nach Einschätzung des türkischen Wissenschaftlers Soner Cagaptay, eine „relativ unstrukturierte Interpretation des Islam“, die sich auf keine schriftlichen Traditionen stützt. Sie steht beiden Geschlechtern offen und historisch auch Nicht-Muslimen. Einzigartig unter den verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen predigt sie keine Geschlechtertrennung, nicht einmal während des Gebetes, das stets in türkischer Sprache gehalten wird.
Im Alevismus sind islamische und sufistische Elemente vermischt, aber auch christliche Traditionen und Elemente des Schamanismus, der vorislamischen Religion der Türken. Während, so Cagaptay, „der Glaube der Alawiten als Ableger des Schiismus gelten kann, sind die Alevis weder Sunniten, noch Schiiten.“
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Der Ursprung der alawitischen Glaubensgemeinschaft wird im Irak des 9. Oder 10. Jahrhunderts n. Chr. vermutet, wo sie sich von den die Region (Iran, Irak u.a.)dominierenden „Zwölferschiiten“ abgespalten hatten. Historisch werden sie auch Nusayrier genannt, nach ohrem 863 verstorbenen ersten religiösen Oberhaupt Mohammed Ibn Nusayr, der im irakischen Basra als Gefolgsmann des zehnten Imams gelebt hatte. Ab dem 10. Jahrhundert verbreiteten sich Nusayris Lehren, deren schriftliche Quellen nicht bekannt sind, im Irak und später in Syrien. Einige seiner Anhänger leben heute auch im Libanon.
Die Schiiten kritisierten die Nusayrier als „ghulat“ (Übertreiber), weil sie Ali ibn Abi Talib, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, von dem sich die Imame der Schia ableiten, gottgleichen Rang einräumten, eine Behauptung, der die Nusayrier entschieden widersprechen. Doch um den Ruch des Sektiererischen ihrer Vorfahren abzulegen, nannten sie sich schließlich Alawiten, d.h. Anhänger Alis, den sie, wie die schiitische Hauptströmung – im Gegensatz zu den Sunniten – als den wahren Nachfolger Mohammeds verehren. Die Namensänderung schützte sie jedoch nicht vor Verdammung durch orthodoxe Sunniten, lange aber auch Schiiten, die die Alawiten als „Abtrünnige“ betrachten. Radikalen Islamisten gelten die Alawiten bis heute als „Freiwild“.
Wegen massiver Verfolgung in der Geschichte, halten die Alawiten ihre Glaubensgrundsätze geheim, sie werden nur an männliche Mitglieder, die der Familie eines Scheichs angehören, weitergegeben. Ein Übertritt zum Alawitentum ist nicht möglich. Über ihre Lehren und ihre religiösen Praktiken ist deshalb wenig bekannt. Alawiten sind aber durch ihre Offenheit und ihren Liberalismus bekannt. Sie feiern das zoroastrische Neujahr und mit den Christen Weihnachten und sie zwingen ihre Freuen nicht in die Häuser und zu einem Leben in Verschleierung. Sie folgen zwar dem Koran, fasten aber nicht und glauben an die Reinkarnation.
Wohl vor allem aus geopolitischen Gründen begann nach der islamischen Revolution im Iran 1979 von Teheran vorangetrieben eine Annäherung an Syriens Alawiten. Schon sechs Jahre zuvor war es Hafez el Assad gelungen, den Vorsitzenden des Obersten schiitischen Rates im Libanon, Imam Musa Sadr, zu einer offiziellen Anerkennung der Nusayrier als Muslime zu bewegen. Sadrs Fetwa (religiöses Edikt) war entscheidende Voraussetzung für Assads Aufstieg ins Präsidentenamt, das ausschließlich Muslimen vorbehalten ist. Während seiner Amtszeit präsentierte sich der überzeugte Säkularist Assad denn auch als Muslim, pflegte gute Beziehungen zur sunnitischen Geistlichkeit des Landes und mied alles, was als einseitige Förderung der alawitischen Religion gewertet werden konnte. Wo jede andere Glaubensgemeinschaft in Syrien ihre Familienangelegenheiten nach ihren religiösen Vorschriften regelt, gilt für die Alawiten der sunnitische Kodex. Assad verbot den Alawiten die öffentliches Praktizieren ihrer Religion, die Wahl eines Oberhauptes und wichtige religiöse Bücher.
Die in der Türkei stark verbreiteten Alevis verbindet nur der Name (Bezug zu Ali) mit den arabischen Alawiten. Sie repräsentieren einen anderen Zweig des Islams, sind keine Geheimreligion. Ihre Lehre ist nach Einschätzung des türkischen Wissenschaftlers Soner Cagaptay, eine „relativ unstrukturierte Interpretation des Islam“, die sich auf keine schriftlichen Traditionen stützt. Sie steht beiden Geschlechtern offen und historisch auch Nicht-Muslimen. Einzigartig unter den verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen predigt sie keine Geschlechtertrennung, nicht einmal während des Gebetes, das stets in türkischer Sprache gehalten wird.
Im Alevismus sind islamische und sufistische Elemente vermischt, aber auch christliche Traditionen und Elemente des Schamanismus, der vorislamischen Religion der Türken. Während, so Cagaptay, „der Glaube der Alawiten als Ableger des Schiismus gelten kann, sind die Alevis weder Sunniten, noch Schiiten.“
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SYRIEN: Eine Minderheit in Todesangst
Macht ist für Syriens Alawiten eine Überlebensfrage – Bleibt ein eigener „Ministaat“ die „letzte Zuflucht“?
von Birgit Cerha
Die Ferienhotels der syrischen Mittelmeerstädte Tartus und Latakia sind überfüllt. Rund 100.000 Menschen, so schätzen Beobachter, sind in den vergangenen Tagen aus Damaskus, Aleppo und anderen heißumkämpften Regionen Syriens in die relative Sicherheit der Provinzen Tartus und Latakia geflüchtet. Die große Mehrheit sind Alawiten, die hier, viele auch bei Verwandten, in ihrem Kernland Schutz und Sicherheit suchen. Tausende Alawiten aus Damaskus hatten den mühseligen Umweg über die von der mit Syriens Präsidenten Assad verbündeten schiitischen Hisbollah kontrollierten libanesischen Bekaa-Ebene auf sich genommen, weil die direkte Verbindung zu den Mittelmeerregionen im syrischen Nordwesten teilweise von Assads Gegnern kontrolliert ist. Aus Aleppo oder anderen umkämpften Gebieten suchten alawitische Flüchtlinge, darunter auch zahlreiche Deserteure der syrischen Streitkräfte, über die Türkei einen sicheren Weg in die Gebirgsregion, in deren Schutz auch Kardaha liegt, die Heimatstadt des Assad-Clans.
Der eskalierende Krieg zwischen den überwiegend sunnitischen Rebellen und dem Alawiten-Regime Bashar el Assads hat die Minderheit in Todesangst versetzt. „Christen in den Libanon, Alawiten in den Sarg“ lautet ein Slogan, den radikale Anti-Assad-Demonstranten immer und immer wieder brüllen. Die ungeheuerlichen Brutalitäten der Regierungssoldaten, die sich insbesondere gegen Bevölkerungszentren der sunnitischen Mehrheit richten, haben den Hass auf die alawitische Bevölkerungsgruppe beängstigend gesteigert. Berichte über Massaker an Alawiten erscheinen vielen als Vorboten eines bevorstehenden Vernichtungskampfes.
Das Land, das sich von Latakia über Baniyas, Jableh und Tartus bis zu dem die Küstenregion vom Rest der syrischen Ebene trennenden Gebirgszug erstreckt hat den Alawiten in der Vergangenheit Schutz geboten. Wird es ihnen nun eine „letzte Zuflucht“ bieten? Viel wird bereits darüber spekuliert, Bashar el Assad werde sich in letzter Not hierher zurückziehen und einen alawitischen Ministaat errichten, wie er bereits für kurze Zeit vor fast hundert Jahren existiert hatte. Schon kursieren Gerüchte, Assads alter strategischer Bündnispartner Iran hätte dort bereits Kriegsgerät stationiert. Militärexperten werten auch die jüngsten massiven Attacken der Regierungssoldaten auf sunnitische Dörfer und Städte am Rande des alawitischen Kernlandes östlich von Latakia als Teil eines Plans, dieses Gebiet gegen Feinde abzusichern.
Um die Panik der Alawiten voll zu begreifen, ist ein Blick in ihre Geschichte der Unterdrückung und Marginalisierung notwendig. Seit dem neunten Jahrhundert wurde diese Bevölkerungsgruppe in viele lokale und regionale Kriege hineingezogen. Sie wurden von den Kreuzrittern attackiert, die sich schließlich mit ihnen verbündeten. 1120 besiegten sie die Ismaeliten und Kurden, im 13. Jahrhundert wurden sie gnadenlos von den Mameluken unterdrückt und verfolgt, später, nachdem sie sich mehr und mehr in die Bergregionen am Mittelmeer zurückgezogen hatten, auch von den die Region beherrschenden Osmanen attackiert. Abgesehen von kleinen Gruppen, die in Dörfern um Homs und Hama lebten, wagten sich die Alawiten aus ihrer „Hügelwildnis“ nur gelegentlich auf der Suche nach Hilfsarbeiten als Tagelöhner oder Frauen im Haushalt reicher Sunniten hervor. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges kodifizierte die französische Kolonialmacht 1920 diese isolationistische Verhaltensweise der Minderheit, die Paris gegen den als bedrohlich empfundenen arabischen Nationalismus der Sunniten zu stärken suchte, durch die Gründung eines souveränen „Alawitischen Territoriums in der Küsten- und Gebirgsregion. Doch selbst französischer Schutz konnte das Scheitern dieses Experiments nicht verhindern. Die Gründe für den Fehlschlag bestehen teilweise heute noch: die Sunniten, die in Latakia und Tartus die Mehrheit bildeten und die dort lebenden christlichen Minderheiten verfügten über einen weit höheren Bildungsstandard als die Alawiten und strebten nach Eingliederung in einen syrischen Staat,die 1936 vollzogen wurde. Auch heute noch leben in der Provinz Latakia, allgemein als alawitisches Kernland bezeichnet, 50 Prozent Sunniten und in der Stadt gar 70 Prozent.
Der Ausbruch der Alawiten aus dem elenden Leben in den Bergen begann 1970, als der alawitische Offizier Hafez el Assad, der wie andere Angehörige seiner Minderheit von französischer Förderung profitiert hatte, in einem Putsch die Macht übernahm. Er sicherte den Alawiten nicht nur die Schlüssel- und Machtpositionen in den Streit- und Sicherheitskräften des Landes, sondern leitete Jahrzehnte der Stabilität ein. Er baute einen zentralistischen, laizistischen Staat auf, in dessen Administration er nicht nur Angehörige anderer Minderheiten, denen er Recht und Schutz zusicherte, sondern vor allem auch der sunnitischen Mehrheit integrierte, die er vor allem nach der brutalen Niederschlagung eines Aufstandes der (sunnitischen) Moslembrüder 1982 in Hama (mit etwa 20.000 Toten) zu befrieden suchte. Dies gelang ihm wohl nur mit Teilen der durch die Stabilität profitierenden sunnitischen Mittelschicht und Geschäftswelt.
Bis zu Beginn der Rebellion im März 2011 setzte der Sohn und Nachfolger Bashar diesen Kurs weitgehend fort, wobei auch weiterhin politischer Widerstand mit gnadenloser Repression bestraft wurde.
Mit der Wiederbelebung eines Alawitenstaates würde Bashar zwar dem Vorbild seines Großvaters folgen, der sich einst in einem Plädoyer alawitischer Würdenträger an die französische Mandatsmacht für die Unabhängigkeit seiner Bevölkerung eingesetzt hatte. Hafez hingegen hatte sein Leben der vollen Eingliederung seiner Minderheit in einen syrischen Zentralstaat gewidmet. Bisher aber gibt es keine klaren Hinweise darauf, dass Bashar diesem Erbe untreu werden könnte. Dass auch heute ein solcher Ministaat nicht lebensfähig wäre, steht außer Zweifel. Verlöre Assad die Kontrolle über Damaskus, würde wohl das Bündnis mit seinen wichtigsten Schutzmächten, den Russen, die ihren Mittelmeerhafen in Tartus wohl kaum auf Spiel setzten wollten, ebenso zerfallen, wie jenes mit dem Iran, für deren geostrategische Interessen – Zugang zum Libanon und damit zur israelischen Grenze – der gescheiterte syrische Präsident jede Bedeutung verlöre. Auch ökonomisch wäre dieser Staat nicht lebensfähig, leben doch Tartus und Latakia primär von Handel und Tourismus und dem „Ministaat“, dem alle Nachbarn aus Angst vor separatistischen Tendenzen in ihren eigenen Ländern die Anerkennung verweigern würde, bliebe der Zugang zum Inland verwehrt. Er wäre noch quälender isoliert als das bitterarme türkische Nord-Zypern, das immerhin jedoch an der Lebensader zur Türkei hängt.
Die Anti-Assad-Rebellen würden die Entwicklung eines solchen Gebildes nicht dulden. Schon jetzt gibt es Berichte, die „Freie Syrische Armee“ sei in das alawitische Bergland eingedrungen. Zudem sind die etwa 2,5 Millionen Alawiten (rund 12 Prozent der Bevölkerung) keineswegs eine homogene Bevölkerungsgruppe. Es bestand stets, auch während der Herrschaft von Vater Hafez, eine alawitische Opposition gegen die Assads und deren repressive und korrupte Politik. Im Februar hatte sich eine Gruppe von Alawiten aus Homs öffentlich von Assad losgesagt. In Wahrheit herrschten in Syrien nicht „die Alawiten“, sondern nur einige, ein Faktum, das vor allem islamistische Gegner des Regimes gerne übersehen. Nicht zuletzt deshalb sieht ein harter Kern des Regimes nur ein Ziel: sich die Macht unter allen Umständen zu erhalten. Er wird sich wahrscheinlich in allerletzter Not in den Berge am Mittelmeer zurückziehen, um von dort die Endschlacht zu schlagen, deren Ausmaß und Dauer nicht abzusehen ist.
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von Birgit Cerha
Die Ferienhotels der syrischen Mittelmeerstädte Tartus und Latakia sind überfüllt. Rund 100.000 Menschen, so schätzen Beobachter, sind in den vergangenen Tagen aus Damaskus, Aleppo und anderen heißumkämpften Regionen Syriens in die relative Sicherheit der Provinzen Tartus und Latakia geflüchtet. Die große Mehrheit sind Alawiten, die hier, viele auch bei Verwandten, in ihrem Kernland Schutz und Sicherheit suchen. Tausende Alawiten aus Damaskus hatten den mühseligen Umweg über die von der mit Syriens Präsidenten Assad verbündeten schiitischen Hisbollah kontrollierten libanesischen Bekaa-Ebene auf sich genommen, weil die direkte Verbindung zu den Mittelmeerregionen im syrischen Nordwesten teilweise von Assads Gegnern kontrolliert ist. Aus Aleppo oder anderen umkämpften Gebieten suchten alawitische Flüchtlinge, darunter auch zahlreiche Deserteure der syrischen Streitkräfte, über die Türkei einen sicheren Weg in die Gebirgsregion, in deren Schutz auch Kardaha liegt, die Heimatstadt des Assad-Clans.
Der eskalierende Krieg zwischen den überwiegend sunnitischen Rebellen und dem Alawiten-Regime Bashar el Assads hat die Minderheit in Todesangst versetzt. „Christen in den Libanon, Alawiten in den Sarg“ lautet ein Slogan, den radikale Anti-Assad-Demonstranten immer und immer wieder brüllen. Die ungeheuerlichen Brutalitäten der Regierungssoldaten, die sich insbesondere gegen Bevölkerungszentren der sunnitischen Mehrheit richten, haben den Hass auf die alawitische Bevölkerungsgruppe beängstigend gesteigert. Berichte über Massaker an Alawiten erscheinen vielen als Vorboten eines bevorstehenden Vernichtungskampfes.
Das Land, das sich von Latakia über Baniyas, Jableh und Tartus bis zu dem die Küstenregion vom Rest der syrischen Ebene trennenden Gebirgszug erstreckt hat den Alawiten in der Vergangenheit Schutz geboten. Wird es ihnen nun eine „letzte Zuflucht“ bieten? Viel wird bereits darüber spekuliert, Bashar el Assad werde sich in letzter Not hierher zurückziehen und einen alawitischen Ministaat errichten, wie er bereits für kurze Zeit vor fast hundert Jahren existiert hatte. Schon kursieren Gerüchte, Assads alter strategischer Bündnispartner Iran hätte dort bereits Kriegsgerät stationiert. Militärexperten werten auch die jüngsten massiven Attacken der Regierungssoldaten auf sunnitische Dörfer und Städte am Rande des alawitischen Kernlandes östlich von Latakia als Teil eines Plans, dieses Gebiet gegen Feinde abzusichern.
Um die Panik der Alawiten voll zu begreifen, ist ein Blick in ihre Geschichte der Unterdrückung und Marginalisierung notwendig. Seit dem neunten Jahrhundert wurde diese Bevölkerungsgruppe in viele lokale und regionale Kriege hineingezogen. Sie wurden von den Kreuzrittern attackiert, die sich schließlich mit ihnen verbündeten. 1120 besiegten sie die Ismaeliten und Kurden, im 13. Jahrhundert wurden sie gnadenlos von den Mameluken unterdrückt und verfolgt, später, nachdem sie sich mehr und mehr in die Bergregionen am Mittelmeer zurückgezogen hatten, auch von den die Region beherrschenden Osmanen attackiert. Abgesehen von kleinen Gruppen, die in Dörfern um Homs und Hama lebten, wagten sich die Alawiten aus ihrer „Hügelwildnis“ nur gelegentlich auf der Suche nach Hilfsarbeiten als Tagelöhner oder Frauen im Haushalt reicher Sunniten hervor. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges kodifizierte die französische Kolonialmacht 1920 diese isolationistische Verhaltensweise der Minderheit, die Paris gegen den als bedrohlich empfundenen arabischen Nationalismus der Sunniten zu stärken suchte, durch die Gründung eines souveränen „Alawitischen Territoriums in der Küsten- und Gebirgsregion. Doch selbst französischer Schutz konnte das Scheitern dieses Experiments nicht verhindern. Die Gründe für den Fehlschlag bestehen teilweise heute noch: die Sunniten, die in Latakia und Tartus die Mehrheit bildeten und die dort lebenden christlichen Minderheiten verfügten über einen weit höheren Bildungsstandard als die Alawiten und strebten nach Eingliederung in einen syrischen Staat,die 1936 vollzogen wurde. Auch heute noch leben in der Provinz Latakia, allgemein als alawitisches Kernland bezeichnet, 50 Prozent Sunniten und in der Stadt gar 70 Prozent.
Der Ausbruch der Alawiten aus dem elenden Leben in den Bergen begann 1970, als der alawitische Offizier Hafez el Assad, der wie andere Angehörige seiner Minderheit von französischer Förderung profitiert hatte, in einem Putsch die Macht übernahm. Er sicherte den Alawiten nicht nur die Schlüssel- und Machtpositionen in den Streit- und Sicherheitskräften des Landes, sondern leitete Jahrzehnte der Stabilität ein. Er baute einen zentralistischen, laizistischen Staat auf, in dessen Administration er nicht nur Angehörige anderer Minderheiten, denen er Recht und Schutz zusicherte, sondern vor allem auch der sunnitischen Mehrheit integrierte, die er vor allem nach der brutalen Niederschlagung eines Aufstandes der (sunnitischen) Moslembrüder 1982 in Hama (mit etwa 20.000 Toten) zu befrieden suchte. Dies gelang ihm wohl nur mit Teilen der durch die Stabilität profitierenden sunnitischen Mittelschicht und Geschäftswelt.
Bis zu Beginn der Rebellion im März 2011 setzte der Sohn und Nachfolger Bashar diesen Kurs weitgehend fort, wobei auch weiterhin politischer Widerstand mit gnadenloser Repression bestraft wurde.
Mit der Wiederbelebung eines Alawitenstaates würde Bashar zwar dem Vorbild seines Großvaters folgen, der sich einst in einem Plädoyer alawitischer Würdenträger an die französische Mandatsmacht für die Unabhängigkeit seiner Bevölkerung eingesetzt hatte. Hafez hingegen hatte sein Leben der vollen Eingliederung seiner Minderheit in einen syrischen Zentralstaat gewidmet. Bisher aber gibt es keine klaren Hinweise darauf, dass Bashar diesem Erbe untreu werden könnte. Dass auch heute ein solcher Ministaat nicht lebensfähig wäre, steht außer Zweifel. Verlöre Assad die Kontrolle über Damaskus, würde wohl das Bündnis mit seinen wichtigsten Schutzmächten, den Russen, die ihren Mittelmeerhafen in Tartus wohl kaum auf Spiel setzten wollten, ebenso zerfallen, wie jenes mit dem Iran, für deren geostrategische Interessen – Zugang zum Libanon und damit zur israelischen Grenze – der gescheiterte syrische Präsident jede Bedeutung verlöre. Auch ökonomisch wäre dieser Staat nicht lebensfähig, leben doch Tartus und Latakia primär von Handel und Tourismus und dem „Ministaat“, dem alle Nachbarn aus Angst vor separatistischen Tendenzen in ihren eigenen Ländern die Anerkennung verweigern würde, bliebe der Zugang zum Inland verwehrt. Er wäre noch quälender isoliert als das bitterarme türkische Nord-Zypern, das immerhin jedoch an der Lebensader zur Türkei hängt.
Die Anti-Assad-Rebellen würden die Entwicklung eines solchen Gebildes nicht dulden. Schon jetzt gibt es Berichte, die „Freie Syrische Armee“ sei in das alawitische Bergland eingedrungen. Zudem sind die etwa 2,5 Millionen Alawiten (rund 12 Prozent der Bevölkerung) keineswegs eine homogene Bevölkerungsgruppe. Es bestand stets, auch während der Herrschaft von Vater Hafez, eine alawitische Opposition gegen die Assads und deren repressive und korrupte Politik. Im Februar hatte sich eine Gruppe von Alawiten aus Homs öffentlich von Assad losgesagt. In Wahrheit herrschten in Syrien nicht „die Alawiten“, sondern nur einige, ein Faktum, das vor allem islamistische Gegner des Regimes gerne übersehen. Nicht zuletzt deshalb sieht ein harter Kern des Regimes nur ein Ziel: sich die Macht unter allen Umständen zu erhalten. Er wird sich wahrscheinlich in allerletzter Not in den Berge am Mittelmeer zurückziehen, um von dort die Endschlacht zu schlagen, deren Ausmaß und Dauer nicht abzusehen ist.
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Mittwoch, 25. Juli 2012
SYRIEN: Entscheidungsschlacht um den „Juwel in Syriens Krone“
Wer das historische Handels- und Industriezentrum Aleppo und auch Damaskus kontrolliert, beherrscht das Land
von Birgit Cerha
Tausende syrische Regierungssoldaten mit Panzern und schwerem Geschütz zogen Mittwoch von der Aufruhrprovinz Idlib an der türkischen Grenze zur Entscheidungsschlacht um Syriens wichtigstes Handels- und Industriezentrum Aleppo. Erstmals in dem 16-monatigen Aufstand hatte das Regime Dienstag Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter eingesetzt, die Raketen auf Rebellenpositionen in der Stadt abfeuerten. Bis vor wenigen Wochen war Aleppo, gemeinsam mit der Hauptstadt Damaskus, die beide mehr als ein Drittel der 22-Millionen-Bevölkerung des Landes beherbergen, von den zunehmend blutigen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneter Opposition und dem Regime weitgehend isoliert geblieben.
Regierungssoldaten gelang es durch massiven Einsatz in den vergangenen Tagen den jüngst auch in Damaskus ausgebrochenen gewaltsamen Widerstand zu brechen. Doch in Aleppo begannen heftige Kämpfe zu toben, nachdem Rebellen in die Stadt eingedrungen waren und offenbar unter der durch verschärfte internationale Wirtschaftssanktionen in Verzweiflung getriebenen lokalen Bevölkerung zunehmend Sympathisanten gefunden hatten. Ein Verlust Aleppos hätte für das Regime katastrophale Auswirkungen.
Die Stadt ist neben Damaskus nicht nur von entscheidender politischer Bedeutung für die Herrschaft Assads. Die Altstadt ist ein Juwel, das die UNESCO 1986 zum „Weltkulturerbe“ erklärt hatte. Sie ist neben Damaskus eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Städte der Welt, gelegen an einigen der ältesten ab dem 2. Jahrtausend vor Christus frequentierten Handelsrouten. Die Hettiter, Assyrer, Akkadier, Griechen, Römer Umayyaden, Ayyubiden, Mameluken und Osmanen hatten die Stadt beherrscht und ihr ihre bis heute erkennbaren Stempel aufgedrückt. Die monumentale Zitadelle erhebt sich über die alten Suks, Moscheen und Madrassen (Koranschulen), eingeschlossen durch eine Stadtmauer – ein Zeugnis arabischer Militärmacht des 12. Bis 14. Jahrhhunderts. Unzählige Reisende und Kaufleute, die in Aleppo während ihrer Reise auf der Seidenstraße Station machten, beschreiben die einzigartige Schönheit dieser Stadt.
Aleppo, 350 km nördlich von Damaskus und nur 60 km von der türkischen Grenze gelegen, hat stets einen besonderen Status in Syrien eingenommen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel, der im wesentlichen die Bevölkerungsstruktur Syriens reflektiert: mehrheitlich arabische Sunniten, viele Kurden und die größte Konzentration an Christen in Syrien, sowie Angehörige der herrschenden alawitischen Minderheit und Drusen. Ähnlich wie Damaskus ist es die von Sunniten dominierte Geschäftswelt Aleppos, die bis jetzt unerschütterlich treu zum Assad-Regime gestanden war. Es ist jene Elite, die – Ironie der Geschichte – unter der Revolution, die 1963 die bis heute herrschende Baath-Partei an die Macht gespült hatte, am meisten gelitten hatte. Doch die Stabilität, die der Vater des jetzigen Präsidenten, Hafez el-Assad, seit seiner Machtübernahme 1971 vor allem auch durch einen Bund mit der sunnitischen Kaufmanns-Elite garantierte, machten Aleppo und in geringerem Maße auch Damaskus zur entscheidenden Stütze des Regimes.
Seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vor mehr als hundert Jahren haben sich diese einflußreichen Geschäftsleute von Damaskus und Aleppo kaum je an Aktionen beteiligt, die die Stabilität ihrer Städte und vor allem ihre kommerziellen Interessen gefährdet hätten. 1925 hatte sich zwar Damaskus der zweijährigen „Großen syrischen Revolte“ gegen die französische Mandatsherrschaft angeschlossen, doches mußte dafür einen größeren Preis bezahlen als alle anderen Regionen zusammen. Aleppo hatte sich nicht beteiligt, auch nicht an der sog. „Aleppo-Revolte“ gegen Frankreich von 1919, über die Geschichtsbücher berichten, die jedoch nur Vororte der Stadt erfaßt hatte. Auch später, bis zuletzt, weigerte sich die Geschäftswelt der Stadt fast immer, sich an Streiks oder anderen Protestaktionen zu beteiligen.
Diese Haltung schützte aber im vergangenen Jahr Aleppos Händler, Industrielle und Landwirte nicht vor einem dramatischen Niedergang ihrer Geschäfte. Sanktionen, radikaler Mangel an Treibstoff, der in zunehmendem Maße für das kämpfende Militär abgezweigt wurde, zwang viele Fabriken ihre Arbeit einzustellen. Die Landwirtschaft im „syrischen Brotkorb“ der Provinz Aleppo liegt darnieder, die dramatische Eskalation der Kämpfe, begleitet von ungeheuerlichen Brutalitäten dürfte zunehmend auch Aleppos Geschäftselite zum Umdenken zwingen. Der Verlust Aleppos aber würde Assad nicht nur eines wichtigen politischen Rückhalts berauben, sondern auch der ökonomischen Lebensader seines Regimes.
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von Birgit Cerha
Tausende syrische Regierungssoldaten mit Panzern und schwerem Geschütz zogen Mittwoch von der Aufruhrprovinz Idlib an der türkischen Grenze zur Entscheidungsschlacht um Syriens wichtigstes Handels- und Industriezentrum Aleppo. Erstmals in dem 16-monatigen Aufstand hatte das Regime Dienstag Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter eingesetzt, die Raketen auf Rebellenpositionen in der Stadt abfeuerten. Bis vor wenigen Wochen war Aleppo, gemeinsam mit der Hauptstadt Damaskus, die beide mehr als ein Drittel der 22-Millionen-Bevölkerung des Landes beherbergen, von den zunehmend blutigen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneter Opposition und dem Regime weitgehend isoliert geblieben.
Regierungssoldaten gelang es durch massiven Einsatz in den vergangenen Tagen den jüngst auch in Damaskus ausgebrochenen gewaltsamen Widerstand zu brechen. Doch in Aleppo begannen heftige Kämpfe zu toben, nachdem Rebellen in die Stadt eingedrungen waren und offenbar unter der durch verschärfte internationale Wirtschaftssanktionen in Verzweiflung getriebenen lokalen Bevölkerung zunehmend Sympathisanten gefunden hatten. Ein Verlust Aleppos hätte für das Regime katastrophale Auswirkungen.
Die Stadt ist neben Damaskus nicht nur von entscheidender politischer Bedeutung für die Herrschaft Assads. Die Altstadt ist ein Juwel, das die UNESCO 1986 zum „Weltkulturerbe“ erklärt hatte. Sie ist neben Damaskus eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Städte der Welt, gelegen an einigen der ältesten ab dem 2. Jahrtausend vor Christus frequentierten Handelsrouten. Die Hettiter, Assyrer, Akkadier, Griechen, Römer Umayyaden, Ayyubiden, Mameluken und Osmanen hatten die Stadt beherrscht und ihr ihre bis heute erkennbaren Stempel aufgedrückt. Die monumentale Zitadelle erhebt sich über die alten Suks, Moscheen und Madrassen (Koranschulen), eingeschlossen durch eine Stadtmauer – ein Zeugnis arabischer Militärmacht des 12. Bis 14. Jahrhhunderts. Unzählige Reisende und Kaufleute, die in Aleppo während ihrer Reise auf der Seidenstraße Station machten, beschreiben die einzigartige Schönheit dieser Stadt.
Aleppo, 350 km nördlich von Damaskus und nur 60 km von der türkischen Grenze gelegen, hat stets einen besonderen Status in Syrien eingenommen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel, der im wesentlichen die Bevölkerungsstruktur Syriens reflektiert: mehrheitlich arabische Sunniten, viele Kurden und die größte Konzentration an Christen in Syrien, sowie Angehörige der herrschenden alawitischen Minderheit und Drusen. Ähnlich wie Damaskus ist es die von Sunniten dominierte Geschäftswelt Aleppos, die bis jetzt unerschütterlich treu zum Assad-Regime gestanden war. Es ist jene Elite, die – Ironie der Geschichte – unter der Revolution, die 1963 die bis heute herrschende Baath-Partei an die Macht gespült hatte, am meisten gelitten hatte. Doch die Stabilität, die der Vater des jetzigen Präsidenten, Hafez el-Assad, seit seiner Machtübernahme 1971 vor allem auch durch einen Bund mit der sunnitischen Kaufmanns-Elite garantierte, machten Aleppo und in geringerem Maße auch Damaskus zur entscheidenden Stütze des Regimes.
Seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vor mehr als hundert Jahren haben sich diese einflußreichen Geschäftsleute von Damaskus und Aleppo kaum je an Aktionen beteiligt, die die Stabilität ihrer Städte und vor allem ihre kommerziellen Interessen gefährdet hätten. 1925 hatte sich zwar Damaskus der zweijährigen „Großen syrischen Revolte“ gegen die französische Mandatsherrschaft angeschlossen, doches mußte dafür einen größeren Preis bezahlen als alle anderen Regionen zusammen. Aleppo hatte sich nicht beteiligt, auch nicht an der sog. „Aleppo-Revolte“ gegen Frankreich von 1919, über die Geschichtsbücher berichten, die jedoch nur Vororte der Stadt erfaßt hatte. Auch später, bis zuletzt, weigerte sich die Geschäftswelt der Stadt fast immer, sich an Streiks oder anderen Protestaktionen zu beteiligen.
Diese Haltung schützte aber im vergangenen Jahr Aleppos Händler, Industrielle und Landwirte nicht vor einem dramatischen Niedergang ihrer Geschäfte. Sanktionen, radikaler Mangel an Treibstoff, der in zunehmendem Maße für das kämpfende Militär abgezweigt wurde, zwang viele Fabriken ihre Arbeit einzustellen. Die Landwirtschaft im „syrischen Brotkorb“ der Provinz Aleppo liegt darnieder, die dramatische Eskalation der Kämpfe, begleitet von ungeheuerlichen Brutalitäten dürfte zunehmend auch Aleppos Geschäftselite zum Umdenken zwingen. Der Verlust Aleppos aber würde Assad nicht nur eines wichtigen politischen Rückhalts berauben, sondern auch der ökonomischen Lebensader seines Regimes.
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Montag, 23. Juli 2012
Irak – der nächste „gescheiterte Staat“?
Terroristen machen sich ein gefährliches Sicherheitsvakuum und eine schwere politische Krise für ihre Ziele zunutze
von Birgit Cerha
Eine Welle des Terrors überzog Sonntag und Montag den Irak. Bei koordinierten Anschlägen in etwa 13 Städten des Landes wurden mehr als hundert Menschen getötet. Es ist das schlimmste Blutbad seit dem endgültigen Abzug der US-Truppen im Dezember 2011. Der „Islamische Staat des Iraks“, ein Zweig der „Al Kaida“, der zwischen 2005 und 2007 durch seine Gewalttaten das Land an den Rand des Bürgerkrieges getrieben hatte, bekannte sich zu den Anschlägen, die tatsächlich die Handschrift dieser sunnitischen Extremisten tragen. Opfer sind primär Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte, der Polizei, doch auch zahlreiche Zivilisten. Erst vor wenigen Tagen hatte Al-Kaida in einer Videobotschaft eine neue „Offensive“ angekündigt und die Entschlossenheit, sich in jenen überwiegend arabisch-sunnitischen Gebieten des Iraks neu zu organisieren, aus denen sie die US-Truppen in Kooperation mit lokalen sunnitischen Stammesangehörigen verjagt hatten. Als künftige Hauptziele der Gewalt nannte der Sprecher Justizbeamte und Gefängnisse, um zahllose Gesinnungsgenossen zu befreien.
Die größte Sorge für die Zeit nach dem Abzug der US-Truppen galt der Schlagkraft der neugebildeten irakischen Sicherheitskräfte für einen effizienten Einsatz gegen Gewalttäter. Die Regierung Maliki bekräftigt unermüdlich, dass der Terror, der weiterhin allmonatlich unschuldige Menschen, wiewohl nicht in solch erschreckend hohen Zahlen wie nun, in den Tod riss, nicht annähernd die Ausmaße der Schreckensjahre 06/06 erreicht. Doch die Attentate vom Sonntag und Montag beweise, dass Al-Kaida durchaus in der Lage ist, Chaos im Irak zu verbreiten.
Chaos ist weiterhin das Hauptziel des irakischen Al-Kaida-Zweiges, das die Grundlage für die Errichtung eines islamischen „Kalifats“ schaffen soll. Wie stark der „Islamische Staat des Iraks“ heute tatsächlich ist und ob auch andere Extremistengruppen an diesem Terror beteiligt sind, bleibt Spekulation. Tatsache ist jedoch, dass die Terroristen ein gravierendes Sicherheitsvakuum und eine schwere politische Krise, die den Irak seit mehr als zwei Jahren politisch vollends lähmen, für ihre Ziele zunutze machen.
Ein halbes Jahr nach Abzug der US-Besatzungstruppen verstärken sich tatsächlich alarmierende Signale, dass das von einem der brutalsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts befreite Zweistromland auf dem Weg zu einem „gescheiterten Staat“ voranschreitet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Schwere Mängel in der politischen Struktur des neuen Iraks wurden nicht in den „guten Jahren“ 2007-08 behoben, in denen die US-Schutzmacht ein beträchtliches Maß an Stabilität geschaffen hatte. So bleiben bis heute entscheidende Fragen über die Struktur des Staates – Föderation etwa – die Verteilung der Ölerträge etc. ungelöst und Quelle teils schwerer fraktioneller Konflikte. Vor allem aber wurde der so dringend benötigte nationale Versöhnungsprozess nicht eingeleitet, weder zur Vergangenheitsbewältigung, noch um Marginalisierungsängste der von der Macht gejagten sunnitischen Minderheit zu zerstreuen und sie vollends in das neue politische System einzubinden. In den vergangenen Monaten tat der Schiitenpremier Maliki hingegen alles, um die arabischen Sunniten aus dem politischen Prozeß auszuschalten, sich der Mitsprache ihrer einflußreichen Führer zu entledigen. Höhepunkt dieser Kampagne war der im Dezember erlassene Haftbefehl gegen Vizepräsident Tarek al Hashemi wegen angeblicher Anstiftung zum Terror und die Flucht dieses Politikers nach Kurdistan und schließlich in die Türkei.
Insbesondere quält die Sunniten, aber auch andere politische Kräfte, wie die Kurden und die Anhänger des Schiitengeistlichen Moktada Sadrs, dass Maliki keines der Versprechen zur Machtteilung, das ihm vor einem Jahr das Premierministeramt gesichert hatte, erfüllte. Immer noch führt Maliki selbst die für die interne Sicherheit zuständigen Ministerien und schreitet damit bedrohlich auf dem Weg zu einem neuen Diktator voran. Versuche ihn durch ein Mißtrauensvotum abzusetzen, sind gescheitert. Das Land ist politisch gelähmt, die Infrastruktur liegt weiterhin darnieder, die Kluft zwischen neuen Reichen und der Masse der Armen klafft immer weiter, während die Korruption erneut Hochblüten treibt. In dieser Situation finden Extremisten, insbesondere unter den weiterhin stark marginalisierten Sunniten neue Anhänger.
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von Birgit Cerha
Eine Welle des Terrors überzog Sonntag und Montag den Irak. Bei koordinierten Anschlägen in etwa 13 Städten des Landes wurden mehr als hundert Menschen getötet. Es ist das schlimmste Blutbad seit dem endgültigen Abzug der US-Truppen im Dezember 2011. Der „Islamische Staat des Iraks“, ein Zweig der „Al Kaida“, der zwischen 2005 und 2007 durch seine Gewalttaten das Land an den Rand des Bürgerkrieges getrieben hatte, bekannte sich zu den Anschlägen, die tatsächlich die Handschrift dieser sunnitischen Extremisten tragen. Opfer sind primär Angehörige der irakischen Sicherheitskräfte, der Polizei, doch auch zahlreiche Zivilisten. Erst vor wenigen Tagen hatte Al-Kaida in einer Videobotschaft eine neue „Offensive“ angekündigt und die Entschlossenheit, sich in jenen überwiegend arabisch-sunnitischen Gebieten des Iraks neu zu organisieren, aus denen sie die US-Truppen in Kooperation mit lokalen sunnitischen Stammesangehörigen verjagt hatten. Als künftige Hauptziele der Gewalt nannte der Sprecher Justizbeamte und Gefängnisse, um zahllose Gesinnungsgenossen zu befreien.
Die größte Sorge für die Zeit nach dem Abzug der US-Truppen galt der Schlagkraft der neugebildeten irakischen Sicherheitskräfte für einen effizienten Einsatz gegen Gewalttäter. Die Regierung Maliki bekräftigt unermüdlich, dass der Terror, der weiterhin allmonatlich unschuldige Menschen, wiewohl nicht in solch erschreckend hohen Zahlen wie nun, in den Tod riss, nicht annähernd die Ausmaße der Schreckensjahre 06/06 erreicht. Doch die Attentate vom Sonntag und Montag beweise, dass Al-Kaida durchaus in der Lage ist, Chaos im Irak zu verbreiten.
Chaos ist weiterhin das Hauptziel des irakischen Al-Kaida-Zweiges, das die Grundlage für die Errichtung eines islamischen „Kalifats“ schaffen soll. Wie stark der „Islamische Staat des Iraks“ heute tatsächlich ist und ob auch andere Extremistengruppen an diesem Terror beteiligt sind, bleibt Spekulation. Tatsache ist jedoch, dass die Terroristen ein gravierendes Sicherheitsvakuum und eine schwere politische Krise, die den Irak seit mehr als zwei Jahren politisch vollends lähmen, für ihre Ziele zunutze machen.
Ein halbes Jahr nach Abzug der US-Besatzungstruppen verstärken sich tatsächlich alarmierende Signale, dass das von einem der brutalsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts befreite Zweistromland auf dem Weg zu einem „gescheiterten Staat“ voranschreitet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Schwere Mängel in der politischen Struktur des neuen Iraks wurden nicht in den „guten Jahren“ 2007-08 behoben, in denen die US-Schutzmacht ein beträchtliches Maß an Stabilität geschaffen hatte. So bleiben bis heute entscheidende Fragen über die Struktur des Staates – Föderation etwa – die Verteilung der Ölerträge etc. ungelöst und Quelle teils schwerer fraktioneller Konflikte. Vor allem aber wurde der so dringend benötigte nationale Versöhnungsprozess nicht eingeleitet, weder zur Vergangenheitsbewältigung, noch um Marginalisierungsängste der von der Macht gejagten sunnitischen Minderheit zu zerstreuen und sie vollends in das neue politische System einzubinden. In den vergangenen Monaten tat der Schiitenpremier Maliki hingegen alles, um die arabischen Sunniten aus dem politischen Prozeß auszuschalten, sich der Mitsprache ihrer einflußreichen Führer zu entledigen. Höhepunkt dieser Kampagne war der im Dezember erlassene Haftbefehl gegen Vizepräsident Tarek al Hashemi wegen angeblicher Anstiftung zum Terror und die Flucht dieses Politikers nach Kurdistan und schließlich in die Türkei.
Insbesondere quält die Sunniten, aber auch andere politische Kräfte, wie die Kurden und die Anhänger des Schiitengeistlichen Moktada Sadrs, dass Maliki keines der Versprechen zur Machtteilung, das ihm vor einem Jahr das Premierministeramt gesichert hatte, erfüllte. Immer noch führt Maliki selbst die für die interne Sicherheit zuständigen Ministerien und schreitet damit bedrohlich auf dem Weg zu einem neuen Diktator voran. Versuche ihn durch ein Mißtrauensvotum abzusetzen, sind gescheitert. Das Land ist politisch gelähmt, die Infrastruktur liegt weiterhin darnieder, die Kluft zwischen neuen Reichen und der Masse der Armen klafft immer weiter, während die Korruption erneut Hochblüten treibt. In dieser Situation finden Extremisten, insbesondere unter den weiterhin stark marginalisierten Sunniten neue Anhänger.
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