Dienstag, 27. Oktober 2015

Teile des Iraks taumeln in einer „Putinmanie“

Schiiten hoffen auf den „Retter vor dem IS“ – Doch eine militärische Intervention Russlands könnte das Land endgültig zerreißen
 
von Birgit Cerha
 
Seit russische Jets in Syrien massive Bombenangriffe gegen Rebellen, darunter auch die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ (IS) fliegen, ist unter der schiitischen Mehrheit des benachbarten Irak neue Hoffnung in einer seit Monaten quälenden politischen und militärischen Stagnation entflammt. Kommentatoren sprechen von einer „Putinmanie“, die sich über soziale Netzwerke entlädt. Dort posten Schiiten ihre sehnsuchtsvolle Erwartung des „Hadschi Putin“, der sie von dem Terror des IS erlösen werde. „Putin of Arabia“ nennen ihn manche, oder gar „Putin, der Schiite“, und einige stellen sein Foto anstelle des ihren ins Facebook.
Das ist der soziale Hintergrund vor dem politischen und militärischen, der den schiitischen Premier Abadi massiv unter Druck setzt. Denn die mächtigen schiitischen Milizen – allen voran die dem Iran stark loyalen Badr Brigaden, Asaib Ahl al Haq und Kataeb Hezbollah - drängen den Regierungschef mit allen Mitteln, endlich Russland offiziell zum Luftkrieg gegen den IS im Irak einzuladen. Tief beunruhigt hatte der neue Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der USA, General Joseph Dunford, bei einem Besuch in Bagdad am 20. Oktober Iraks Premier ultimativ gewarnt, er müsse zwischen den USA oder Russland als Schutzmacht wählen. Abadi, stellte Dunford anschließend klar, hätte einen Hilfsappell an Putin ausgeschlossen. Abadi, der vor einem Jahr mit Unterstützung der USA und des Irans an die Macht gekommen war, braucht aber dringend jede Hilfe gegen die Terrormiliz, doch einen Bruch mit Washington will er keinesfalls riskieren.
In seinem ersten Regierungsjahr konnte Abadi weder an den IS verlorenes Territorium durch den Einsatz der staatlichen Sicherheitskräften zurückerobern, noch konnte er die tiefe Kluft zwischen Schiiten und Sunniten schließen, um so eine gemeinsame Basis für den Kampf gegen den IS und den Aufbau eines stabilen politischen Systems zu schaffen.  Vielmehr verschärfte sich das Misstrauen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Denn der Vormarsch des IS, der zum Zusammenbruch der irakischen Streitkräfte geführt hatte, stärkte die radikalen, militärisch stark von Teheran unterstützten Schiitenmilizen in einem Maße, dass sie heute militärisch weit effizienter sind als die einst von den Amerikanern aufgebauten Regierungstruppen. Zugleich gelang es den Milizen, Teile der Streitkräfte und des staatlichen Sicherheitsapparats unter ihre Kontrolle zu zwingen und häufig völlig unabhängig von der Staatsführung zu operieren. Abadis Macht ist damit drastisch eingeschränkt.
Führer der Badr Brigaden kritisieren heftig  die ihrer Meinung nach viel zu geringen und wirkungslosen US-Luftschläge gegen den IS. Dies sei auf die strikten Befehlsprotokolle zurückzuführen, die die US-Piloten zu befolgen hätten. Sie dürften weder Privatautos und Brücken, aber auch keine Moscheen und Schulen attackieren, obwohl der IS diese Gebäude als Hauptquartiere benütze, erläutert dazu ein irakischer Offizier gegenüber dem Online Nachrichtenportal „Middle East Eye“. Die US Luftwaffe folge strikten Anordnungen, die Ziele ihrer Attacken zuvor genau zu identifizieren. Damit gewännen die IS-Terroristen in den meisten Fällen ausreichend Zeit, um ihre Waffen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Dies sei aber „ein außergewöhnlicher Krieg, in dem sich unser Feind an keine Regeln hält“, betont der Offizier. Die Russen hätten „keine roten Linien“, deshalb setzten die schiitischen Milizen nun auf sie. Ende September versprach zudem Ruß´lands Außenminister Lavrov, dem Irak moderne Waffen, auch Bomber, zu liefern – ohne politische Bedingungen, wie er mit einem Seitenhieb auf die USA bemerkte.
In manchen radikaleren Schiitenkreisen zweifelt man überhaupt an Washingtons Entschlossenheit, den IS zu besiegen. So hätten die Amerikaner wiederholt eine Befreiungsaktion der im Juni 2014 von der Terrormiliz besetzten Stadt Mosul aufgeschoben.
Es sind jedoch sorgfältige politisch-strategische Überlegungen, die die USA zu der so heftig kritisierten Vorsicht zwingen. Wie 2007, als sie sunnitische Stämme zu dem sehr erfolgreichen Kampf gegen den IS-Vorgänger „Al Kaida im Irak“ gewannen, sind die USA auch nun davon überzeugt, dass ein langfristiger Erfolg gegen den IS nur mit prominenter aktiver Beteiligung der Sunniten möglich ist. Um dafür ihr Vertrauen zu gewinnen, ist es zwingend, dass die wegen wiederholter Massaker unter Sunniten zutiefst verhassten Schiitenmilizen eine sekundäre Rolle im Krieg gegen den IS spielen. Intensiv bemühen sich die USA in persönlichen Begegnungen, Stammesführer für die Kampagne gegen den IS zu gewinnen. Dennoch kommt der Aufbau sunnitischer Militäreinheiten nur zögernd voran. Deshalb hat Washington die Offensive gegen Mosul aufgeschoben.
Für die Luftschläge gegen den IS besitzen die USA im Irak, aber auch in Syrien dank ihrer alten Kontakte zu den sunnitischen Stämmen einen entscheidenden Informationsvorsprung gegenüber dem Kreml, der sich nur auf Iraks Schiiten und deren iranische Verbündete stützen kann. Würde Putin im Irak ohne Koordination mit den USA Luftschläge gegen den IS beginnen, sind große Verluste unter der Zivilbevölkerung höchst wahrscheinlich und damit würde eine derartige Kampagne der Terrormiliz in die Hände spielen. Schon jetzt sehen viele Sunniten Putin als ihren Feind. Ein russischer Luftkrieg  birgt zudem die enorme Gefahr, dass der Irak  zum Schlachtfeld eines Rivalitätskampfes der Großmächte um Einfluss im Mittleren Osten wird. Der Irak, so klagt der sunnitische Politiker Atheel al Nujaifi in der irakischen Website „Niqash“, „unsere Gesellschaft kann solche von außen auf unseren Boden getragene Konflikte nicht mehr verkraften“.
 

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