Mittwoch, 21. Oktober 2015

Massenflucht aus den Trümmern Aleppos

Kann Russlands massiver Luftkrieg mit iranischer Hilfe, trotz der gigantischen humanitären Opfer  Syriens Diktator Assad retten?
 
von Birgit Cerha
 
„Der Himmel ist voll mit Kampfjets und Helikoptern und die Menschen haben panische Angst, Todesangst“, berichtet Dr. Zaidoun al-Zoabi, Chef der „Syrischen Union medizinischer Hilfsorganisationen“ gegenüber dem unabhängigen „Syrischen Beobachtungsbüro für humanitäre Angelegenheiten“ (OCHA). Während Diktator Assad ungewöhnlich zuversichtlich und lächelnd seinem russischen Verbündeten Präsident Putin in Moskau  die Hand schüttelt, finden Zehntausende durch russische Bombardements aus den Vororten Aleppos ins südliche Umland geflüchtete Menschen keine Unterkunft, schutzlos und weitgehend ohne Hilfe und ohne Nahrung der hereinbrechenden Winterkälte ausgeliefert.
Seit Beginn der russischen Luftangriffe vor mehr als drei Wochen kamen laut OCHA mindestens 370 Menschen ums Leben, 35.000 wurden in die Flucht getrieben. Andere Quellen nennen die doppelte Zahl an Flüchtlingen, die noch rasant ansteigen dürfte. Denn der Luftkrieg dauert an. Noch hat die eigentliche Rückeroberung der einstigen syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo gar nicht begonnen. In den Azzan-Bergen im Osten  der Stadt toben heftige Kämpfe zwischen Rebellen auf der einen Seite und Regierungssoldaten, sowie vom Iran trainierten irregulären „Nationalen Verteidigungs-Einheiten“.  Zugleich  rüstet sich der Iran mit rund 1.500 neu angekommenen iranischen Revolutionsgardisten, mit ihm verbündeten schiitischen Milizen aus dem Irak und Afghanistan sowie der libanesischen Hisbollah für eine große Bodenoffensive, um Assad die Macht zu retten.
Es ist die vierte größere Offensive seit Beginn der russischen Militärintervention. Die anderen dauern immer noch an und konzentrieren sich auf die Provinzen Homs, Hama und Latakia, wo es Putin primär darum geht, seinen Marinestützpunkt am Mittelmeer abzusichern.
Aleppo, Syriens größte und strategisch wichtigste Stadt, ist seit vielen Monaten Mittelpunkt des Kampfgeschehens. Die Stadt ist seit 2012 zwischen Regierungstruppen und Rebellen geteilt und jüngst mischte sich auch die Terrormiliz des „islamischen Staates“ mehr und mehr in das blutige Ringen um ihre Kontrolle ein. Keiner aber vermochte die Oberhand zu gewinnen. Wiewohl ein großer Teil Aleppos in Trümmern liegt, leben dort immer noch eine Million Menschen. Die russischen Bombardements könnten nun das Gleichgewicht der Kräfte zugunsten Assads verschieben, der um die Stadt einen großen Sicherheitskordon anzulegen sucht, um sie voll unter Kontrolle zu bringen.
Laut der dem Regime nahestehenden Zeitung „al-Watan“ eroberten die Regierungstruppen 16 Dörfer und ein Gebiet von 100 km2. Die Offensive ziele darauf ab, die Hauptverbindungsstraße zwischen den Provinzen Aleppo, Idlib und Hama zu blockieren und die Rebellen damit vom entscheidenden militärischen Nachschub abzuschneiden.  Die Autobahn zwischen Aleppo und Damaskus, die durch die Provinzen Hama und Homs führt, war bereits wiederholt Hauptziel von Regierungsoffensiven gewesen, die jedoch stets fehlschlugen.
Wiewohl die Rebellen, darunter auch von den USA trainierte und bewaffnete, bei den massiven russischen Luftschlägen Verluste einstecken mussten, geben sich Kommandanten, wie jener von„Fatah Halab“ (Eroberung Aleppos), einer Allianz von 31 Rebellenfraktionen, zuversichtlich. Sie fühlen sich gestärkt durch die in den vergangenen Tagen von US-Helikoptern abgeworfenen Waffen und Munition. Insbesondere durch die Tow-Antipanzer-Raketen hätten sie Regierungstruppen zurückschlagen können.
Ob Putins militärische Entschlossenheit Assad retten kann, erscheint fraglich. Selbst wenn der Luftkrieg dem Regime wichtige Geländegewinne ermöglicht, bleibt für Assad ein zentrales Problem ungelöst: Wie kann er die rückeroberten Gebiete halten, in denen überwiegend arabische Sunniten leben, die sich nach diesem Vernichtungskrieg mit mehr als 200.000 Toten weniger denn je mit dem Regime arrangieren wollen?
 

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