Sonntag, 31. Oktober 2010

TERROR: „Totaler Krieg gegen die Kreuzzügler“

„Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel“ gilt heute als die weitaus aktivste und gefährlichste Filiale des Terrornetzes

von Birgit Cerha

Und wieder führt die Spur in den Jemen. US-Behörden hegen keine Zweifel, dass „Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AKAH) für das jüdische Ziele in den USA anvisierende Cargo-Bomben-Komplott verantwortlich ist. Dank saudischer Informationen konnte Sicherheitskräfte auf den Flughäfen von Dubai und East Midlands in England in Cargo-Maschinen, die aus dem Jemen abgeflogen waren, je ein Sprengstoffpaket entdecken und entschärfen. US-Präsident Obama spricht von „glaubhafter Terror-Bedrohung“ und amerikanische Anti-Terror-Experten stufen schon seit einiger Zeit AKAH als die derzeit wohl gefährlichste und „aktivste Al-Kaida“ Filiale ein.

Tatsächlich dürfte sich dank des massiven militärischen Drucks der USA und auch Pakistans auf die Al-Kaida Führung im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan das Zentrum des internationalen Terrorismus mehr und mehr an die südliche Spitze der Arabischen Halbinsel verlagern, weit entfernt von amerikanischen Truppenkonzentrationen.Der bitterarme Jemen, in dem traditionell salafistisches Gedankengut reiche Blüte treibt, gilt schon seit langem als ideales Rekrutierungsfeld für Jihadis. Schon in den 80er Jahren fanden sich in keinem anderen arabischen Land so viele junge Männer bereit, im Guerillakampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan ihr Leben zu riskieren. Die hochmilitarisierte Stammesgesellschaft, in der schon jeder Jugendliche seine Männlichkeit durch die Waffe zu beweisen hat, förderte solche Einsätze. So auch heute für andere Ziele.

Jemens Präsident Ali Abdallah Saleh versprach volle Aufklärung des Komplotts und nun wohl auch bedingungslose Kooperation im Anti-Terror-Krieg seines amerikanischen Verbündeten. Denn nun sehen sich Saleh und sein Regime durch die Extremisten auch direkt bedroht. Lange hatte der jemenitische Herrscher diesen gemeinsamen Kampf nur halbherzig geführt, primär bestrebt, materielle und strategische Profite aus der Allianz mit der Supermacht zu ziehen. Al-Kaida wollte seiner Herrschaft ohnedies nichts anhaben. Mit kriegerischen Konflikten im Norden, wie auch im Süden des Landes konfrontiert, bei gleichzeitig wachsender Unfähigkeit, die mächtigen Stämme unter Kontrolle zu halten, konnte Saleh nicht riskieren, sich noch einen weiteren potentiell sehr gefährlichen Feind zu schaffen. Doch diese Strategie erwies sich als Bumerang.

AKAH, wie sich die Gruppe heute nennt, machte mehrere Phasen durch. Terrorchef Osama bin Laden, stützte sich bereits seit den 80er Jahre in seinem Kampf in Afghanistan auf jemenitische Leibwächter. Viele jemenitische und saudische Jihadis kehrten nach der US-Invasion Afghanistans 2001 wieder heim. In Saudi-Arabien verübten sie mehrere spektakuläre Terrorakte, während sie im Jemen durch CIA-Dronen-Attacken empfindlich geschwächt erschienen. Seit dem Anschlag auf das Kriegsschiff USS Cole im südjemenitischen Hafen von Aden 2000, bei dem 17 US-Marines getötet wurden, kam es im Jemen selbst lange zu keinen größeren Attacken.

Saudi-Arabien gelang es, durch massive Sicherheitsoperationen den Terror zu stoppen. Viele Jihadis flüchteten in den benachbarten Jemen. Dort setzte 2006 die Wende ein, als 23 mutmaßlichen Al-Kaida-Kämpfern die Flucht aus einem Gefängnis in Sanaa gelang. Unter ihnen waren der ehemalige persönliche Adjutant Bin Ladens, Abdul Karim al-Wuhayshi, und Kasim al-Raymi, die gemeinsam Al-Kaida im Jemen wieder aufbauten. Unter Wuhayshis Führung schlossen sie sich 2009 mit den saudischen Jihadis zur AKAH zusammen. Zweiter Mann ist Said al-Shihri, Ex-Häftling aus Guantanamo Bay, der in seiner saudischen Heimat ein „Ent-Radikalisierungsprogramm“ durchgemacht hatte. Shihris Werdegang dokumentiert unbehaglich den mangelnden Erfolg der Reintegration von Jihadis in die Gesellschaft ihrer Heimatländer. Es ist keineswegs das einzige Beispiel.

AKAH setzt sich heute aus Jemeniten (etwa 56 Prozent), Saudis 37 Prozent) und Ausländern (sieben Prozent) zusammen. Das offizielle Jemen beziffert ihre aktiven Mitglieder mit einigen hundert. In Wahrheit dürften es jedoch entscheidend mehr sein. Nach Einschätzung des jemenitischen Journalisten Nabil al-Sufi zieht sich AKAHs Einfluß über ein großes Dreieck, das fast die Hälfte der Landesfläche einnimmt. Es zieht sich von Abyan im Westen, über Jawf im Süden über Hadramaut und weiter bis nach Sanaa und Saada im Norden. Es gelang den Jihadis Allianzen mit einflussreichen oppositionellen Stämmen zu schließen und auch unter der Masse der wegen ihrer Perspektivlosigkeit frustrierten Jugendlichen Anhänger zu finden.

Seit dem fehlgeschlagenen Anschlag auf eine US-Passagiermaschine in Detroit Ende 20009 begannen die jemenitischen Streitkräfte mit US-Unterstützung mutmaßliche Al-Kaida Stützpunkte massiv zu attackieren. Zahlreiche Jihadis, darunter auch lokale Führer kamen ums Leben. Als Reaktion setzte sich AKAH den Sturz des jemenitischen, wie des saudischen Regimes als höchste Priorität in ihrem langfristigen Kampf um die Errichtung eines islamischen Kalifats, das die gesamte Region dominieren soll. Doch, ebenso wie in Afghanistan, treffen die Anti-Terror-Kampagnen vor allem Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten, während sich die Terroristen meist rechtzeitig im unwegsamen Gebirge verschanzen. Mit steigender Zahl ziviler Opfer wächst unter den Jemeniten der Haß auf die USA und den Westen, ebenso wie gegen das ungeliebte Regime, zugleich steigt die Sympathie für die Jihadi-Bewegung.

Mindestens 90 Angehörige der Sicherheitskräfte und Zivilisten kamen seit Januar bei Anschlägen der AKAH ums Leben. Doch das Regime spricht von Erfolgen in seinem Kampf. Jihadis seien aus ihren Hochburgen verjagt worden, versteckten sich in Höhlen des Süd-Jemens. Doch Teile der Provinz Abyan sind heute Kriegszonen, vollends vom Rest des Landes abgeschnitten. Bewohner von Mudiya, einer der Städte, in denen sich jemenitische Sicherheitskräfte fast täglich Schlachten mit den Jihadis liefern, berichteten dem TV-Sender Al Jezira, dass US-Dronen fast täglich viele Stunden über ihre Köpfe flögen und die jemenitische Luftwaffe mutmaßliche Verstecke der AKAH bombardiere.

Im eskalierenden Kampf schlägt AKAH auch immer stärker die Propagandatrommel und schürt den Hass auf den Westen. „Die Ungerechtigkeit und Unterdrückung des Volkes, das keinerlei Waffen besitzt, um sich selbst zu verteidigen, hat alle akzeptablen Grenzen überschritten“, erklärte Al-Wuhayshi in einem Brief „an unser Volk im Süden“, wo die Regierungskräfte mit besonderer Härte vorgehen. „Es ist unsere Pflicht, diese Menschen zu unterstützen und ihnen zu helfen.“ Und wiederholt drohte AKAH auch dem amerikanischen Volk: „Da es die Führer unterstützt, die unsere Frauen und Kinder töten….werden wir euch massakrieren, werden ohne Vorwarnung gegen euch losschlagen, unsere Rache ist nahe“. Und „alle Muslime“ sollten „alle Ungläubigen von der Arabischen Halbinsel entfernen, indem sie die Kreuzzügler in einem totalen Krieg töten“. Anfang Oktober entging ein britischer Diplomat in Sanaa nur knapp einem Terroranschlag. Westliche Botschaften in der Hauptstadt sind immer wieder Ziele von Attacken. Mehr und mehr Mitarbeiter westlicher Firmen und der so dringend in diesem bitterarmen Land benötigten Hilfsorganisationen kehren dem Jemen den Rücken. Zuletzt suspendierte die Lufthansa ihre Flüge nach Sanaa und Paris schloß eine französische Schule.

Der Teufelskreis dreht sich schneller. Armut und Hoffnungslosigkeit treibt mehr und mehr Menschen in die Arme der Radikalen, denen es offensichtlich nicht an Geld mangelt. Wohl aber – vorerst? – an organisatorischen Fähigkeiten für hochspektakuläre Operationen wie jene der Mutterorganisation vom 11. September in den USA. „Inspire“, ein in englisch verfasstes online-„Jihad“-Magazin, in dem AKAH vor allem westliche Ausländer anzuwerben sucht, lässt die aktuelle Strategie erkennen: primitive Terrorattacken, die erfinderische Planung voraussetzen. Die „Waffen-Option“ hat Priorität, Mord mit Gewehr oder Pistole, weil dies relativ einfach durchzuführen sei, wenig Training und Material voraussetze, Einzelaktionen ermögliche und damit die Gefahr, im Planungsstadium entdeckt zu werden entscheidend verringere.

Die Cargo-Bomben geben Experten vorerst Rätsel auf. Fallen sie in das Schema der neuen Strategie simpler Aktionen? Ihre Erfolgschancen, so meinen Terrorexperten, erscheinen so gering, dass Zweifel an den wahren Absichten der Täter aufkommen. Wollte AKAH primär Aufmerksamkeit unter Gleichgesinnten bzw. in der zunehmend verzweifelten und über den Westen vergrämten jemenitischen Gesellschaft auf sich ziehen, um mehr und mehr Aktionisten auf ihre Seite zu ziehen? Ein Dilemma für die Anti-Terror-Strategen. Mit Waffengewalt, mit Dronen und Bomben wird sich der Al-Kaida-Sprößling noch weniger aus dem Jemen verjagen lassen, als seine Mutterorganisation aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.

Experten; wie Christopher Boucek von „Carnegie Endowment for International Peace“ hält AKAH „für gefährlicher als die Mutterorganisation. Sie (die Jihadis) kündigen ihre Taten an, führen sie durch und scheitern sie dabei, versuchen sie es wieder.“ Es werde in Zukunft noch viel mehr Attacken geben.


Bildquelle: AFP